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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1934-04-15 · 8 (15.4.1934) · p. Seite 157

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
10 (1934)
Issue
8 (15.4.1934)
Date
1934-04-15
Page
Seite 157 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 8 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 157 Krankheiten der Juden mit Berücksichtigung der einschlägigen Badekuren Von Dr. med. J. M., München Die medizinische Literatur weist wiederholt Ansätze auf, eine eigene Krankheitslehre der Juden zu begründen und rassenmäßige, also spezifische Merkmale erbpathologischer Anlagen aufzufinden. Diese Versuche sind kaum über die Schwelle von Mußmaßungen hinaus gelangt; ihre Wahrscheinlichkeit, von ihrer Beweiskraft nicht zu reden, mußte gegenüber der Tatsache scheitern, daß die Juden Westeuropas bei aller Hingabe an ihre religiösen und rituellen Vorschriften doch in Lebensart und Lebensgewohnheiten sich dem Klima wie den allgemeinen Kulturerrungenschaften ihrer Umgebung völlig angepaßt haben. Damit schrumpft die Zone einer biologischen Krankheitsanlage oder Krankheitsvererbung zusammen und tritt gegenüber der Späre sozialer Ursachenreihe zurück, die ihrerseits zusammenhängt mit Wahl der Berufsart und mit den daraus entspringenden schädigenden Momenten. Diese Wahl ist bekanntlich eine nur bedingt freie, und weil sie im wesentlichen sich auf die geistigen und merkantilen Berufsarten erstreckt, sind die bei den Juden in gehäufter Zahl vorkommenden Krankheiten Auswirkungen erhöhter seelischer Inanspruchnahme, also unmittelbar geknüpft an berufliche und mit diesen in engem Zusammenhang stehende Ursachenreihen. Auch die aus mangelhafter körperlicher Tätigkeit herrührenden Veränderungen — das betrifft im übrigen nur vergangene Generationen, die zeitgenössische hat längst das Gebot der Leibeskultur erkannt — sind einzig und allein Folgen erzwungener einseitiger Berufswahl, und die wiederum bei den Juden vorherrschende, am Hergebrachten hängende Ernährungsform ist weit weniger ein Ausdruck rassenmäßiger Belastung als die Folge eines durchschnittlichen bürgerlichen Lebensstandards, der noch bis vor kurzem das animalische Einweiß, dessen Hauptrepräsentant Fleisch ist, als den wertvollsten und wichtigstem Nahrungsstoff ansah. Kann man also eine Rassenanlage für Krankheiten bei den Juden exakt wissenschaftlich kaum anerkennen, so lassen sich doch gewisse Abnutzungskrankheiten bei der jüdischen Bevölkerung Westeuropas als gehäuft vorkommend feststellen und von diesen und ihrer zweckentsprechenden Bäderbehandlung soll in folgendem die Rede sein. Man kann unter Zugrundelegung der oben erwähnten Umstände drei Typen von Krankheitsformen vorherrschend finden, das sind die Erkrankungen des Herzens und der Gefäße, das sind weiterhin gewisse Stoffwechselkrankheiten wie Fettleibigkeit und Zucker, und das sind schließlich funktionelle Erkrankungen des Nervensystems. Die Ursachenreihen für alle diese, in Entstehung, Verlauf und Folgeerscheinungen so völlig verschiedenartigen Typen sind fast immer die gleichen: Geistige Überarbeitung, mangelhafter körperlicher Ausgleich, unrationelle Ernährung, man ersieht hieraus, wie die Entstehung dieser Krankheitsformen sich auf Beruf und aus den diesem eigenen sozialen Bedingungen zwanglos herleiten läßt. Für die Erkrankungen des Herzens und der Gefäße kommen als, man darf wohl heute sagen, souveräne Behandlungsmethode Kohlensäurebäder an erster Stelle in Betracht, ihre Anwendung blickt auf eine nahezu siebzigjährige Erfahrungszeit zurück. Unter den natürlichen Kohlensäurebädern unterscheidet man kalte kohlensäurehaltige Stahlquellen, so in Kudowa, Altheide, Pyrmont, Schwalbach, Elster, kalte kohlensäurehaltige Solquellen wie Kissingen, Orb, Homburg und schließlich naturwarme stärkere Solquellen wie vor allen Nauheim, Oeynhausen, Salzuflen. Während die beiien ersteren vor der Benutzung erwärmt werden müssen, entströmen die an letzter Stelle genannten in warmem Zustande dem Boden und sind daher an Wirkung die stärksten. Es gibt auf der gesamten Erde kein Land, das so zahlreiche und so kohlensäurereiche Quellen besitzt wie Deutschland, der Zustrom aller Völker der verschiedensten Erdteile an ihre Stätten zeigt ihre unvergleichliche Bedeutsamkeit. Angriffspunkte und damit Wirkungsweise der Kohlensäurebäder sind die Außenflächen der Haut mit ihren Nervenendigungen, die Haut selbst und die an der Oberfläche liegenden Gefäße, der Reizerfolg erstreckt sich auf Blutdruck, Pulsfrequenz und Schlagvolumen des Herzens, und damit tritt eine teils entlastende, teils anregende Beeinflussung des gesamten Kreislaufgebietes ein. Es sind keine Brunnengeister mehr, wie man in alten Zeiten wähnte, die diese Wirkung auslösen, sondern in der chemischen wie thermischen Beschaffenheit dieser Heilquellen vorhandene nachweisbare Faktoren, deren Erkenntnis heute klar zutage liegt. Zu den bei den Juden gehäuft vorkommenden Erkrankungen des Stoffwechsels sind an erster Stelle zu nennen Fettsucht und Zuckerkrankheit. Bei diesen beiden könnte man noch am ehesten an eine biologische Anlage denken, die hereditäre Belastung gerade des Diabetes, die man generativ in zahlreichen Familienstämmen nachgewiesen hat, spräche dafür, würde nicht die neuere Erkenntnis der Entstehung der Zuckerkrankheit evident aus maßgebende nervöse und seelische Einflüsse hingewiesen haben. Und damit mündet wiederum die Aetiologie derselben in das große Gebiet der allgemeinen Lebensbedingnisse ein, die Beruf und Daseinskampf der Juden, vor allem innerhalb der Saaten Europas, in denen sie am zahlreichsten vertreten sind, gestaltet haben. Es ist kein Spiel des Zufalls, wie eine oberflächliche Betrachtung zu ergeben scheint, daß übermäßige Fleischnahrung und Fettzufuhr bei den Juden vorherrschend war, sondern die bis vor kurzem noch traditionelle Übernahme derartiger Vorstellungen als besonders gesundheitsgemäße und kräfteerhöhende mußte in einer Bevölkerungsschicht Geltung gewinnen, die von jedweder körperlichen Leistungssteigerung beruflich wie auch bürgerlich ausgeschlossen war. Stoffwechselkranke haben von jeher ursprünglich mehr empirisch, später mit der Entwicklung der Bäderkunde zu einer wissenschaftlichen Disziplin ärztlich geführt und geleitet, Mineralwasserkuren angewandt, und die zahlreichen Erfolge, die dieselben zeitigten, sind wohl im wesentlichen die Ursache des Aufschwungs der einschlägigen Badeorte. An ihrer unumschränkten Spitze stehen in Deutschland Kissingen, Mergentheim und Neuenahr, in der Tschechoslowakei die einstigen ebenfalls deutschen Kurorte Karlsbad und Marienbad. Ihre Wirksamkeit knüpft sich vornehmlich an die Mineralbestandteile, die in den natürlichen Wassern vorhanden sind, die Erfahrung bevorzugt die alkalischen und namentlich die heißen alkalisch-sulfatischen Quellen, deren Hauptrepräsentant außer Karlsbad und Marienbad, Mergentheim ist. Allein alle noch so wirksamen Mineralbrunnen sind nach der zeitgenössischen Erkenntnis unwertig, wenn sie nicht fundiert sind auf einer gleichzeitigen diätetischen Behandlung, bei der, insbesondere betrifft dies den Diabetes, auch die Ärzte über ausreichende Erfahrungen in der Behandlung der Zuckerkranken verfügen. Und so ist die Wahl eines Kurortes bei Erkrankungen des Stoffwechsels nicht nur von der spezifischen Zusammensetzung seiner Quellen abhängig, sondern auch von der ärztlichen Versorgung und der gewissenhaften Beachtung der diätetischen Erfordernisse. Kissingen und Mergentheim haben in aufmerksamer Würdigung dieser Gesichtspunkte bestimmte Diätschemata für alle Hotels und Kurpensionen herausgegeben, sie bilden das unentbehrliche Unterstützungsmittel eines dortigen Kurgebrauchs. Die funktionellen Erkrankungen des Nervensystems als dritte Kategorie der bei den Juden gehäuft auftretenden Erkrankungsformen finden bekanntlich ihre wirksamste Beeinflussung durch Aufenthaltswechsel, das heißt also durch Entfernung aus der gewohnten Umgebung, den beruflichen Anforderungen wie dem häuslichen Milieu. Gebirge und M. SIGBERT HAU tV CO. KAUFIJiGEESTBASSE 10 Das Haus für hübsche Geschenke in Uhren Schmuck Silberwaren

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