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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1934-04-15 · 8 (15.4.1934) · p. Seite 154

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
10 (1934)
Issue
8 (15.4.1934)
Date
1934-04-15
Page
Seite 154 (sequence 2)
Language
German
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154 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 8 die Behauptung aussprechen, das jüdische Kind sei ganz besonders zur Nervosität disponiert. Unter den üblichen Erziehungsfehlern spielt die Verwöhnung eineausschlaggebende und verhängnisvolle Rolle. Die genannten Zeichen sind nicht etwa — wie man vielleicht glauben könnte — durch den „Rassenselbstmord" des jüdischen Volkes bedingt, ebenso wie es unrichtig ist, dem „Rassenselbstmord" die in der deutschen Bevölkerung vorhandenen gleichartigen Symptome zur Last zu legen. Auch bei den Römern gibt die biologische Theorie keine ausreichende Erklärung für den Niedergang des Weltreiches. Damals waren nämlich die Verfallserscheinungen schon um die Wende des 2. und 3. vorchristlichen Jahrhunderts vorhanden!, zu einer Zeit also, in der — nach Günther — die Nobilitas noch die Züge nordischen Adels trug und in der im Senat nordische Art als treibende Kraft noch beherrschend hervortrat. Wenn in der Kaiserzeit fremde Rassen eine führende Stellung im römischen Staate einnahmen, so beruht diese historische Erscheinung darauf, daß Völker, die von der Krankheit der Zivilisation befallen sind, ihre gesunden rassischen Instinkte verlieren. Sie setzen sich nicht mehr gegen die Vermischung mit fremdem Blute zur Wehr. Auch heute hört man nur selten davon, daß ein Bauer sich eine Jüdin zur Frau nimmt. Der hohe Adel und das großstädtische Judentum kennen solche Bedenken aber vielfach nicht mehr. Der „Rassenselbstmord" ist also sowohl bei den Juden wie bei den übrigen Völkern ein sekundäres, nicht aber ein primäres Phänomen. Worauf ist nun aber die „Krankheit der Zivilisation" zurückzuführen? Es soll keineswegs in Abrede gestellt werden, daß erbliche Momente bei ihrer Entstehung eine bedeutungsvolle Rolle spielen. Die einseitige Herauszüchtung intellektueller Anlagen ist für ein Volk eine große Gefahr. Der „Geist" gewinnt damit im Laufe der Generationen die Oberhand über die „Seele". Von dieser Verschiebung im Gleichgewicht der seelischen Funktionen ist in den letzten Jahren oft die Rede. Man pflegt von der Entwurzelung des modernen Menschen oder von dem „Geist" als Widersacher der „Seele" zu sprechen. Die höheren Gesellschaftsschichteru sind offenbar von diesem Ausleseprozeß, den man auch als Gegenauslese bezeichnen kann, besonders betroffen. Tatsächlich beginnt — auch bei den Juden — die „Krankheit der Zivilisation" in den intellektuellen Kreisen und greift erst später auf die anderen Stände über. Diese erblichen Momente sind nun aber mit Einflüssen verknüpft, die von einer überstürzten Veränderung der Daseinsbedingungen ausgehen, die also auf Umwelteinwirkungen zurückzuführen sind. Im römischen Reich der Antike vollzog sich um 200 v. Chr. ein grundlegender Umschwung. Mit dem zweiten punischen Kriege dehnte sich Roms Macht nach West und Ost aus. Der damit verbundene wirtschaftliche Aufstieg begünstigte dlie Ausbreitung einer materialistischen Weltanschauung. Der hellenistische Geist drang nach Italien und damit wurde der Eigenwert des Individuums proklamiert. Die Klassen schieden sich und zwischen arm und reich tat sich eine Kluft auf. Während es in früheren Zeiten einen Unterschied zwischen gebildeten und ungebildeten Römern nicht gegeben hatte, richtete ein ausgebreitetes Bildungswesen jetzt diese neue Schranke zwischen den Ständen auf. Auch das deutsche Volk mußte der schnellen Veränderung seiner Lebensbedingungen, wie sie vor allem das letzte Jahrhundert mit sich brachte, seinen Tribut zollen. Das deutsche Judentum vertraute sich aber noch viel unbedenklicher einem Geschehen an, das zu ungeahnten Höhen zu führen schien. Um so verhängnisvoller ist die Katastrophe, die es jetzt betroffen hat. Es kann nicht unseres Amtes sein, Wege zu zeigen, die das deutsche Judentum aus der Krise zu führen vermögen. Wohl aber dürfen wir auf die Bedeutung der Erziehungsfrage, die ja im Mittelpunkt des historischen Geschehens steht, verweisen. Man bedenke: Alle Völker sind zum Untergange verurteilt, wenn sie es nicht mehr verstehen, ihre Jugend für den Kampf ums Dasein zu rüsten. Verwöhnung und Verzärtelung der Jugend wurden noch stets zum Grab der Nationen. Für uns Juden hat die Geschichte der großen Kulturvölker im gegenwärtigen Augenblick eine besondere Bedeutung. In Palästina entsteht ein Gemeinwesen, dessen politische und kulturelle Grundlagen jetzt gefügt werdeaii. Hüten wir uns dort vor jenen Irrwegen, die wir genau kennen, die aber immer wieder drohen, wenn der Mensch sich nicht mehr der Grenzen bewußt ist, die ihm durch sein Dasein als Mensch gezogen sind. XOiv bitten biejcniejen unferer Abonnenten, welche mit ber legten Hummer ber <35emeinbe$eitunej eine Safyltavte erhalten t>aben, ben Abonnementsbetrag sofort einsenden $u wollen, — fofern biee nod) ni<A)t gefc^e^en iji, — bamit Beine Unterbrechung in bei* Sufieüuntj erfolgt. ©O pfe. 1 £oftf eci: mänf" ^ON^ v v ~* * Mbceffe ntd>t octßcffcn! *W ifO \üv bas Batist Jaf>t ITC. 2A0 X>ttla§ 23. gellet, tT7und?en 25, piinganfetflraße 64

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