Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 7 (1.4.1934)
- Date
- 1934-04-01
- Page
- Seite 137 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2727810-2728000-2728007--09434-2742705- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Bayerische Israelitische Genieindezeitunff 157 uns begreiflich sein. Hier formte das Bewußtsein von einer Welt, in der das Judentum immer nur Verfolgungen zu erdulden hat, in der dem Juden die Heimatlosigkeit, das harte Leben, die Zukunftslosigkeit seines Daseins unter den Völkern als Joch auf den Schultern lag, das dunkle Sinnen über die zwiespältige sündhafte Welt, in der das Böse übermächtig ist, das Staunen darüber, daß diese Welt immer noch dauert. Und unsere Väter fanden die Antwort im Angesicht ihres heiligen Besitzes an Kindern; in ihren Kindern lag die Verpflichtung zum tätigen Leben, in ihren Kindern lag der Anruf, die Lehre und die Verpflichtung des Judentums weiterzugeben; in den Kindern lag ihnen die Gewißheit des göttlichen Erbarmens, das sich täglich erneut und bis zur Stunde der Erlösung über der Welt Gnade leuchtet. In ihren Kindern — und in ihren Lehrern. Das ist eine Erkenntnis, die sich schon in den ersten Tagen jenes April weithin durchgesetzt hatte und die sich in den anhaltenden Diskussionen über das jüdische Schulwerk, den Aufbau und Ausbau rein jüdischer Schulen, mit jüdisch gerichtetem Lehrplan, entsprechendem Sprachunterricht und jüdischer Zielsetzung dartut. Aber dieses Schulwerk hat nur für größere Städte Gültigkeit, für Gemeinden, die kräftig genug sind, ein solches Schulwerk zu finanzieren. Dürfen die vergessen werden, die in Meinen Städten und Städtchen ohne die Hilfe von Schule und Lehrer sind? Als unsere Väter in die Verbannung gegangen waren, als die Zerstreuung ihr Wissen um das Schrifttum, um Gesetz und Lehre gefährdete, standen fromme Männer auf, die als Pfleger köstlichen Gutes leben wollten. Sie nahmen Bündel und Stab und wanderten, wanderten von Stadt zu Dorf von einsamer Siedlung zu dichtgedrängtem Ghetto und suchten die jüdischen Menschen auf, die nach ihrer Lehre hungerten. Sie waren nicht immer Hochgelehrte, sie hatten nicht einmal immer die Zeit zum „Lernen". Schlichte, gerade Menschen, von Gottesliebe Rufen Sie 73664-65 wenn Sie Druckarbeiten brauchen. B. Heller, München Plinganserstraße 64. Reichhardt-, Hildebrand-. Hachez-, Sprengel-, Fe Ische-, Lindt-Schokoladen und Pralinen, Keks, Kaffe, Tee, Weine LUISE SILREDMANN fäcbercrobew hr.32 kUiac JUDCKPIftnn, Fernsprecher 93170 und frommem Willen erfüllt, gingen da zu anderen, saßen mit ihnen am Sabbathtisch und vergalten die Gastfreundschaft der Armen wie der Reichen mit dem gleichen Lohn: sie erzählten. Sie wußten weise Sprüche der großen Lehrer, sie wußten stille kleine Geschichten von großer Not und göttlicher Hilfe, von Sünde und Umkehr, von Nächstenliebe und rechtem Weg. Sie sangen Psalmen und sprachen Gebete mit ihren Brüdern, sie wußten für die Hausfrau ein gutes Wörtchen, und für die Kinder brachten sie die Lehre und die Gebote unseres Volkes in farbiger, lebendiger Märchenform, daß die Kleinen lernten ohne es zu merken. Sie kamen aus den kräftigen Gemeinden und brachten den Schwachen von ihrer Kraft. Der „Darschan" war der helle murmelnde Bach, der auch die Fernsten nicht irre daran werden ließ, ob die geliebte, heilige Quelle des Judentums noch frisch und unverändert sprudele. Tut uns heute nicht wieder der „Darschan" not? Fragt die Menschen in den kleinen Orten und Städten. Die wissen die Antwort darauf. Wer eine Meinung vertritt, muß sich auf Einwände gefaßt machen. Die Jugendbünde werden sagen, daß sie bis in die kleinsten Dörfer hinein ihre Ideen getragen haben, daß sie nach Kräften alle jungen jüdischen Menschen erfassen wollten. Die Religionslehrer werden sagen, daß gerade in unserer Gegend fast jede kleine Gemeinde ihren eigenen Lehrer hat, und daß der Mann seine Pflicht tut. Eltern werden kommen und betonen, daß die beste jüdische Erziehung die des Hauses und seiner Bräuche, des häuslichen Festes, der väterlichen und mütterlichen Mahnung sei. Und wer könnte dem widersprechen? Aber: Die Jugendbünde werden mir zugeben, daß die Arbeit in sehr vielen ihrer Ortsgruppen nicht gerade blühte, und die Lehrer werden aus der Erfahrung zubilligen, daß ihr Kollege in der kleinen Landgemeinde meistens über seine Lehrtätigkeit hinaus noch mit vielen anderen kultischen Tätigkeiten belastet, fast immer sogar überlastet ist. Den Eltern aber, die mit schönem Stolz auf die edelste ihrer Aufgaben weisen, müssen wir traurig und beschämt eingestehen, daß sehr viele jüdische Eltern gar nicht mehr in der Lage sind, ihren Kindern solche Lehren und Hilfen zu geben, daß ihr Haus den Bräuchen und ihre Herzen dem Volk entfremdet waren, daß sie jetzt erst sehnsüchtig heimverlangen und selbst der gleichen Lehre und des Halts bedürftig sind wie ihre Kinder. Und dann: wir Menschen sind darin wohl alle gleich, daß wir lieber von einem Fremden und Anderen uns belehren lassen, daß der Reiz einer Persönlichkeit, die uns neu ist, stärker das Ersehnte zu vermitteln vermag als ein Wohlbekannter, der immer unter uns ist. Es scheint wirklich beim „Darschan" bleiben zu sollen! In jeder großen jüdischen Gemeinde gibt es viele junge Menschen, Lehrer, rednerisch Begabte, Männer und Frauen, jüdische Menschen mit einem hellen Willen zu unserem Weg und unserem Schicksal, mit einer heißen Liebe zu allem wurzelhaft Jüdischen, die bereit wären, auf den Ruf zu antworten, wenn er an sie ergeht. Für die Erwachsenen gibt es schon lange etwas Ähnliches. Die Gesellschaft für die Interessen des orthodoxen Judentums schickt zu jedem Schabbos ihre Helfer hinaus zu den einzelnen jüdischen Familien in einem Dorf oder Städtchen. Wenn in den großen jüdischen Gemeinden eine Stelle geschaffen würde, an die sich jüdische Menschen kleiner Orte wenden könnten und die dorthin für einen Schabbos oder auch für irgend einen Werktag einen „Darschan" vermitteln könnte, so ließe sich eine solche Hilfsaktion ohne große Mittel und ohne ernste Schwierigkeiten gestalten. Kleine Gemeinden können die geringen Kosten der Fahrtvergütung leicht aufbringen, und gastfreundlich mit einem Nachtlager und einem Abendessen sind unsere Juden auf dem Lande von jeher gewesen. Aber auch eine kleine Verdienstmöglichkeit für Arbeitslose oder aus dem Beruf Geschleuderte wäre hier zu finden, wo über diese geringen Leistungen hinaus eine bescheidene Vei gütung gewährt werden kann. Die Lösung der Aufgabe liegt auf der Hand. Der „Darschan" sitzt mit seinen Gastgebern am Tisch; er läßt sich fragen und