Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 7 (1.4.1934)
- Date
- 1934-04-01
- Page
- Seite 135 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 7 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 135 eine oder andere Pflanzung vergrößern zu können. Die hieraus sich ergebenden Einnahmen betragen nach zwei Jahren etwa 120 Pfund jährlich und nach fünf Jahren treten die ersten Gewinne aus den Zitruspflanzungen hinzu, die im achten Jahr nochmals bis zu 100 Pfund betragen können. Mit 1500 Pfund Kapital kann man bereits an eine Ansiedlung auf eigenem Boden denken und zwar gibt es hier die verschiedensten Möglichkeiten. Der Einzelne allein, der die Verhältnisse in Palästina nicht kennt und insbesondere sich nicht in der schwierigen Materie des Bodenankaufs zurecht finden kann, ergreift hier am besten den Weg der Kollektiv- oder Gemeinschaftssiedlung, die zwar ganz auf privatwirtschaftlicher Basis aufgebaut ist, jedoch genossenschaftlich organisiert ist für den An- und Verkauf landwirtschaftlicher Produkte. Es haben sich hier bereits mehrere Gruppen von 10—15 Ansiedlern zusammengefunden, die größere Bodenstrecken gemeinsam ankaufen und sie dann derart verteilen, daß auf den einzelnen Siedler 10—20 Dunam Boden entfällt, die er alsdann nach seinem Gutdünken bebaut. So hat die Pica (Palestine Jewish Colonisation Association) in ihrer Kolonie in Pardess Chana bei Chedera eine Anzahl von neuen Siedlungsplätzen für Einwanderer aus Deutschland zur Verfügung gestellt, die auch schon fast völlig in Anspruch genommen sind. Die Pica hat sich bereit erklärt, den Boden auf langfristigen Kredit zu niedrigem Zinssatz an Siedler, die von ihr angenommen sind, zu geben. Für die Investition sowie die Lebenshaltung müssen vom Siedler ca. 1500 Pfund aufgebracht werden. Jeder Siedler erhält 20 Dunam bewässerbaren Orangenboden und kann den ganz oder zum Teil sofort bepflanzen. Diese Siedlungsart ist gerade für Menschen über 40 Jahre angemessen. Eine weitere Siedlergruppe hat in Kerkur — unweit von Pardess Chana — über 400 Dunam leichten und schwereren Boden gekauft. Dieser Boden soll vornehmlich gemischtem Wirtschaftsbetrieb dienen. Auch hier wird als Durchschnittsnorm der Erwerb von 20 Dunam Boden angenommen. Das zu investierende Kapital beträgt ca. 1400 Pfund. KOSTÜME . KLEIDER . MÄNTELi. PELZE In Rischon Le Zion, kaum 10 Kilometer von Tel-Awiw entfernt, hat eine Gruppe eine größere sehr fruchtbare Landstrecke gekauft, die gleichfalls gemischt wirtschaftlich betrieben werden soll, wobei ganz besonderer Wert auf Hühnerzucht gelegt wird. In allen diesen Siedlungsgruppen ist heute noch Platz für interessierte Siedler, nur muß betont werden, daß für derartige rein privatwirtschaftliche Siedlungspläne ein Kapital von gerade 1000 Pfund keinesfalls ausreichend ist. Die Bodenpreise sind nun einmal in Palästina unangemessen hoch und werden immer mehr gesteigert. Zu einem Teil ist das darauf zurückzuführen, daß der Boden so gut wie niemals aus erster Hand erworben wird, sondern durch eine Kette von Mittelsmännern erst an den Käufer gelangt, der nunmehr den Bodenpreis zuzüglich der recht hohen Vermittlergebühr zahlen muß. Kauft man Boden von Arabern (und das ist meistens der Fall), so ist der Weg bis zum Käufer noch verzweigter, zumal da es Arabern untersagt ist, Grundstücke an Juden auf privatwirtschaftlichem Wege zu veräußern. Über alle diese Fragen besteht in den jüdischen Kreisen Deutschlands noch große Unklarheit, die nun hoffentlich auf Grund der hier gegebenen Informationen auf ein Mindestmaß reduziert sind. haka. „Rechtgläubigkeif und Ke^erei" WalterBauer, o. Prof. für Neues Testament an der Universität Göttingen, Rechtgläubigkeil und Ketzerei im ältesten Christentum. Beiträge zur historischen Theologie 10. Tübingen (J. C. B. Mohr) 1934. VII, 247 S. Preis RM. 14.—. Es ist Gemeingut geworden, daß die neutestamentlichen Schriften wissenschaftlich nicht zu verstehen sind, wenn man vom Ende des kanonbildenden Hergangs auf sie als auf heilige unantastbare Bücher zurückblickt und sie von diesem Blickpunkt aus allein als Bestandteil offenbarter, also überirdischer Heilsurkunden mit allen sich daraus ergebenden Eigenschaften wertet. Längst haben so die Begriffe „Rechtgläubigkeit" und „Ketzerei" wissenschaftlich eine Verschiebung erfahren. Der Geschichtsforscher hat sich hier wie der Richter zu distanzieren, das liegt im Wesen seiner Aufgabe. Sie besteht also vor allem auch darin, dem im historischen Prozeß zum Siege Geführten einen bescheidenen Platz neben dem besiegten Ketzer, den kanonischen Schriften neben den apokryphen, leidenschaftslos und unbeirrbar anzuweisen und sie beide zu hören. Dabei stellt sich oft heraus, daß die Partei, die gesiegt hat und zu den wahrhaft Rechtgläubigen geworden ist, ihren Sieg und ihren Namen durch eine Reihe äußerer günstiger, meist zufälliger Umstände errungen hat, infolgedessen nach errungenem Sieg naturgemäß über die größeren und durchdringenderen Stimmmittel verfügte, während man den Chor der anderen, der „Ketzer", abdämpfte. Das sind längst bekannte historische Gesetze, die bei der Entstehung des Christentums im besonderen Maß wirksam geworden sind. Sie sind auch bei der Entstehung des Judentums genau so aus untrüglichen Spuren zu erschließen. „Vielleicht", sagt Prof. Walter Bauer, „sind gewisse Erscheinungen des christlichen Lebens, welche die Kirchenschriftsteller als Ketzereien abtun, ursprünglich gar keine solchen gewesen, sondern, wenigstens da und dort, die einzige Form der neuen Religion, d. h. für jene Gegenden das Christentum schlechthin." Für Edessa läßt sich beispielsweise urkundlich mit lückenloser Deutlichkeit nachweisen, daß nichts, was mit Rechtgläubigkeit irgendwie in Verbindung gebracht werden kann, am Anfang steht, auch kein Staatskirchentum, das König Abgar IX. begründet hätte. Auch in Alexandrien-Ägypten erwächst das Christentum nicht aus orthodoxer Wurzel. Syrien und Kleinasien verfügen schon zu Beginn des 2. Jahrhunderts in Ignatius und Polykarp über namhafte Vertreter der Rechtgläubigkeit; überwiegend trägt jedoch auch hier, was für eine frühere Zeit an christlicher Lehre bezeugt ist, eine ketzerische Marke. Anders in Rom. Rom war von Anfang an Mittelpunkt und Hauptkraftquelle der „rechtgläubigen" Bewegung der Christenheit. Die Form, die das Christen-