Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 7 (1.4.1934)
- Date
- 1934-04-01
- Page
- Seite 132 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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132 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 7 M. §ILB£BTHAV cV CO. KAUFINGERSTRASSE lO Das Haus für hübsche Geschenke in - Uhren Schmuck Silberwaren da hörte ER unsre Stimme, er sah unsern Druck, unsre Mühsal, unsre Qual und ER führte uns aus Ägypten mit starker Hand, mit gestrecktem Arm, mit großem Schauer, mit Zeichen und mit Erweisen, und ließ uns kommen an diesen Ort und gab uns dieses Land, Land, Milch und Honig träufend. Und nun, da komme ich mit dem Anbeginn der Frucht der Scholle, die mir gegeben hast DU. Dann lass sie vor SEINEM deines Gottes Antlitz ruhn, wirf dich nieder vor SEIN deines Gottes Antlitz und freue dich an all dem Guten, das ER dein Gott dir und deinem Hause gab, du, und der Lewit, und der Gastsasse, der in deinem Innern ist. III. Die Darbringung der Erstlinge nach der klassischen Mischnah-Schilderung Bikkurim Kap. 3 (Gießener Mischnah- Ausgabe „Bikkurim" 1922, S. 40 ff.) Die Bewohner eines Landkreises versammelten! sich mit ihren Erstlingsfrüchten in der Kreishauptstadt. Dort übernachteten sie auf dem freien Marktplatze. Frühmorgens wurden sie mit dem Rufe „Auf! Wir wollen nach Zion, dem Hause unseres Gottes, wallen", geweckt Die Bauern, die in der Nähe Jerusalems wohnten, brachten frische, die fern wohnten, getrocknete Früchte. Vor dem Zuge einher wurde ein Stier — zur Opfergabe bestimmt — geführt, dessen Hörner vergoldet waren und dessen Kopf ein Kranz von Olivenblättern schmückte. Flötenspieler zogen an der Spitze des Zuges, bis er an den Toren Jerusalems anlangte. Dort wurde zunächst Rast gemacht, während der die Fruchtkörbe geschmückt wurden. Tempelvorr steher und Beamte (Die im Text genannten Klerus-Stellvertreter sind in der Mischnah mit assyrischen und persischen Fremdwörtern bezeichnet) kamen ihnen entgegen und geleiteten sie zum Temeplberg. Die Straßen, die dorthin führten, waren von Menschen umsäumt, selbst die Handwerker unterbrachen ihre Beschäftigung und begrüßten die Kommenden mit dem Rufe: „Brüder! Euer Kommen sei zum Frieden!" So kamen sie zum Tempelberg, dort nahm jeder seinen Korb auf die Schulter — sogar der König Agrippa schloß sich nicht aus—, und man ging in die Tempelhalle. Die Leviten stimmten nun den Psalm an: „Rühmen will ich Gott, denn Er hat mich erhoben und hat meine Feinde nicht über mich triumphieren lassen!" Die mitgebrachten jungen Tauben wurden als Brandopfer dargebracht. Noch bevor die Träger den Korb von den Schultern genommen hatten, sprachen sie den vorgeschriebenen Vers: „Ich bekenne heute vor Gott, deinem Gott, daß ich in das Land, das Gott unseren Vätern zugeschworen hat, gelangt bin." Dann gab jeder den Korb in die Hand des Priesters, dieser schwang ihn nach allen Richtungen, und der Bauer stimmte das Bekenntnis an: „Ein herumschweifender Aramäer war mein Ahn." Die freudig gehobene Stimmung, die den Landmann bei der Ernte der Mühe seiner Hände erfüllt, war geadelt durch den Hinweis, daß alles, was er besitzt, der Boden, den er bearbeitet, mit dem er verwachsen ist, Gottes Gnadengeschenk ist, dessen er sich würdig erweisen will, das er sich erst erarbeiten muß. Die lebendige Tat drückt sich in der Huldigung durch Bikkurim aus; selbst die Handwerker, die sich sonst nicht einmal durch das Vorbeigehen eines Gelehrten von ihrer Arbeit stören lassen durften, erheben sich um die vorgeschriebene Ehrerbietung zu zeigen (III. Buch M., 19, 32), vor den Bauern, die Bikkurim bringen. Ist doch das Gebot des Bikkurim das lauteste Bekenntnis, daß die Frucht des Ackers und der Gärten nicht für uns reift, sondern für das Haus des Gottesheiligtums, daß die Erde ihre Frucht nur dafür reifen läßt; daß nur dann die Menschheit sich ihrer bedienen darf, wenn sie die Gotteserkenntnis auf Erden verbreiten, Gottesliebe in der Brüder Herz pflanzen und Menschenliebe in die Tat umsetzen will. Nur dann können wir Nutznießer des Landes und seines Ertrages sein. „Komme zu dem Priester, der in jenen Tagen sein wird, und sprich zu ihm: Ich künde heute, heute, da ich mit der Ausübung der Gebote beschäftigt bin, kann ich künden und laut bekennen, daß ich in das Land gelangt bin, welches Gott unseren Vätern zugeschworen hat." Nur im Begreifen der Gottesgebote, als religiöse Menschen haben wir Anrecht auf das Land, das uns verheißen, nur außerhalb der Verstrickungen der kapitalistischen Ordnung wird das Land und sein Ertrag unser! Ein Sedertisch in unseren Tagen Die Sedergeräte in der Sammlung Dr. Guggenheim in Offen bach a. M. Von Dr. Martha Wertheimer In jedem Jahr wird in Hunderttausenden von jüdischen Häusern der Seder gefeiert, in der ganzen Welt. Daß hier von einem Hause die Rede sein soll, in dem er seihe besondere gegenwärtige, in Deutschland heimatliche Form hat, das soll nur so gewertet werden, wie es dort der Hausvater selbst meint: Ihr alle habt die Kraft in euch, die Bräuche unserer Väter in frommer Liebe zu pflegen und ihren Sinn in der Weise zu verdeutlichen, wie es eurer Gemeinschaft, eurer Lebensführung, eurer Liebe zu einander und zu eurer Umwelt entspricht. Lebendiger Seder! Seder der Haggadah, der Gastlichkeit und der Hoffnung auf die Strahlungskraft von Liebe und Glauben — das spürt, wer von diesem Seder weiß. Das atmen auch noch im profanen Jahr die Geräte, die eigens für diesen Abend von Künstlern geschaffen wurden, die dem Hausvater als Freunde nahestehen. Für seinen Seder hat Dr. Guggenheim in Offenbach am Main sein Haus schmücken und edle Geräte fertigen lassen, so daß im Laufe von Jahren sich in seinem Hause eine Fülle von Köstlichkeiten angesammelt hat, die man heute allgemein als seine „Sammlung" bezeichnet. Die Sammlung von Dr. Guggenheim ist eigentlich gar keine. Sie hat kein Programm und keinen Ehrgeiz. Sie ist einfach geworden, weil Dr. Guggenheim ein Freund der Künstler um Rudolf Koch und des Meisters selbst ist, weil er mit ihrem Schaffen lebte, ehe sie berühmt waren, weil er die Freude an dem Werk hatte und schöne Stücke, die er liebte, für sich haben wollte. Die Sedergeräte aber sind wirklich auf seine Bestellung hin gemacht, und gerade an ihnen wird deutlich, wie hier der Geist, in dem der Kunstfreund lebt, formschaffend auf den Künstler gewirkt hat. Es ist von unsagbarem Reiz, wenn man Kunstgegenstände fernab von allem I'art pour I'art nicht in einem Museum, nicht in einer Sammlung, sondern lebendig an dem Ort sieht, für den sie geschaffen wurden. An einem hellen Mittag im Februar wurde mir eine stille Stunde im Hause Guggenheim geschenkt, in der ich allein zwischen den Büchern und Geräten saß und in mich aufnehmen durfte, was sie mir sagen sollten. Der volle . Klang, der durch diese Stunde tönte, kam mir von der Sederschüssel, die ich als erstes von allen Geräten sah, die liebevolle Hausfrauenhände aus der Umhüllung schälten und vor mich hinstellten. Sie ist nach Angaben von Rudolf Koch im Jahre 1919 von Carl Schäfer in Holz geschnitzt worden. Dunkel, in einem schwärzlichen Grün, schwingt ihr vollkommenes Kreisrund, das die Mazzoth umschließen soll, hinter einem Dekkel, der sich geheimnisvoll über sie legt. Die zarte Riefelung