Mannheim
Compact Memory

Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1934-04-01 · 7 (1.4.1934) · p. Seite 130

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
10 (1934)
Issue
7 (1.4.1934)
Date
1934-04-01
Page
Seite 130 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2727810-2728000-2728007--09427-2742698
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

130 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 7 um das drohende Verderben, so weiß die Sage, mußten rinnen, weil Esau damals in der Passah-Nacht um den Segen gebracht wurde. Es kam eine Zeit, da ward die Seder-Nacht, einst die segensreichste und verheißungsvollste des ganzen Jahres, zur Nacht des Grauens und der Gefähr. In jener Zeit wählt sich ein neuer Feind der Judenheit — einer von denen, die nach der Haggadah in jedem Geschlecht neu aufwachsen — den schönsten Abend des Jahres, den Seder- Abend, zu gespenstischem Treiben. Die Blutlüge verleumdet das Volk, dem der Genuß auch, nur eines Tropfens Blut durch strenge Gesetze von altersher verboten war; und alljährlich um die Pessachzeit erhebt das Lügengespenst von neuem den Schlangenkopf. Das Bild der mittelalterlichen Seder-Nacht kennt der deutsche Jude zumeist aus Heines „Rabbi von Bacherach": Rabbi Abraham von Bacherach flieht vor dem grauenvollen Gaste dieser Nacht, dem Toten, den ihm die unbekannten blassen Männer ins Haus gebracht haben, und vor dem Verderben, das er für seine Gemeinde voraussieht . . . Nebenbei gesagt: es gab eine Zeit im Leben der deutschen Juden des 19. Jahrhunderts, da wählten wohlmeinende Männer und ehrliche Juden am Seder-Abend statt der veralteten Haggadah den Rabbi von Bacherach und lasen ihn in der Seder- Nacht den Gästen vor . . . Spotteten ihrer selbst und wußten nicht wie... * * * Andren Weg als die feige Flucht des einzelnen, der „sich selbst ausschließt aus der Gesamtheit", sucht sich die Volkssage, um dem dräuenden Unheil dieser unheimlichen Verleumdung zu begegnen. In der Pessach-Nacht, so weiß sie zu erzählen, ward dem weisen Rabbi Bezalel in Worms ein Sohn geboren: schon als die Hausgenossen nach der Wehmutter liefen, vereitelten sie auf der Straße das Vorhaben einiger Schurken, die ein totes Kind im Sacke trugen und es' in die Judengasse werfen wollten. Da weissagte Rabbi Bezalel über seinen Sohn und sprach: Dieser wird uns trösten und uns von der falschen Blutbeschuldigung befreien. — Und der Knabe wuchs heran und wurde der Hohe Rabbi Low in Prag, dessen ganzes Sinnen darauf gerichtet war, sein Volk von der Verleumdung zu befreien. „Da ward ihm im Traum der Bescheid: Mache ein Menschenbild aus Ton, und Du wirst der Bösen Absicht zerstören." — Und er schuf den vielgenannten Golem am 20. Tage des Monats Adar, von dem in jüdischen und nichtjüdischen Schriften so oft die Rede gewesen ist. Aber selten fand man erwähnt, daß der Golem eigentlich erst unter dem Zeichen der Seder-Nacht geschaffen wurde. — Im einzelnen nimmt dann die Golem-Sage zumeist einen fast typischen Verlauf: dem Rabbi Low oder einem anderen seiner Freunde wird „vom Himmel her" kundgetan, daß der Judenheit Verderben drohe; etwa daß man im Fünfer-Palast eine Leiche vergraben habe, um sie ins Judenviertel zu schaffen; oder daß man in den Kidduschbecher Blut statt Wein gegossen habe, oder daß man die Mazzoth vergiftet habe. Immer wird dem Golem mit seinen dumpfen Riesenkräften die Aufgabe, das Verbrechen aufzuspüren und den Schuldigen zu entlarven. Man kann diese Prager Golem-Sagen jetzt bequem an zwei Stellen zusammengefaßt lesen; in den „Sippurim", die bei R. Löwit in schöner neuer Ausgabe vor einigen Jahren erschienen und noch eingehender in Chajim Blochs Buche „Der Prager Golem" (1920, B. Harz, Berlin). Wie sich dann die aus der Not geborene Schöpfung des Golem mit dem tragischen Wunsche der Menschheit, den künstlichen Menschen zu schaffen, verbindet, darüber hat uns H. L. Held in seiner Studie „Von Golem und Schern" (München, Hans Sachs Verl. 1919) vieles Seltsame mitgeteilt. * * * Der glückliche Rabbi Low, so erzählt die Sage weiter, konnte schließlich noch erleben, daß „ein Gesetz herauskam, das die Blutbeschuldigung als falsch bezeichnete" und „beschloß darauf, dem Golem seinen Odem wieder zu nehmen". — Leider hat die Geschichte des letzten Jahrhunderts gezeigt, daß der Golem zu früh „gestorben" ist! * - * * Mildere Bilder als die zumeist unheimlichen Golem-Sagen rufen die Elijahu-Sagen herauf, die ja ihrer Herkunft nach häufig mit der Seder-Nacht verknüpft sind. Denn Elijahu der Prophet — das ist ja der eigentliche Gast der Seder-Nacht, auf den wir warten, solange wir denken können. Manchmal ist es — in einer Verknüpfung der beiden Seder-Sagen-Kreise — statt des Rabbi Low mit seinem Golem — der Propeht Elijahu selbst, der Fürsten und Volk die Unwahrheit der Blutbeschuldigung nachweist (wie etwa in der Sage von Elijahu und dem Sultan: Born. Judas V, 163). Statt vieler alter sei hier eine der schönsten neuen Seder-Nacht-Dichtungen erwähnt, die Elijahu als Retter zeigt: es ist Perez' Geschichte vom „Zauberkünstler", der den ärmsten Leuten in der Gemeinde, dem Waldschreiber Chajim Jojne und seinem Weibe Riwke Beile durch die Luft den herrlichsten Seder mit allem Zubehör — Kerzen in silbernen Leuchtern, Sederbetten, Sederschüssel und roten Wein herbeizaubert. Und erst als der Wein sich gießen, die Mazzoh sich brechen läßt, da verstehen sie, daß kein unheiliger Zauberer, sondern Elijahu der Prophet selbst bei ihnen eingekehrt ist. * * * Daran schließen sich in gleicher Tonart — etwa wie ein Allegretto grazioso an ein Presto furioso — die neueren Sedernacht-Sagen und Dichtungen aus unserer Zeit, ^icht in die Tiefen jüdischen Volksschicksals steigt nun die Dichtung und Sage: es ist der Einzelmensch, dessen Schicksal in der Sedernacht sich erfüllt. So schön manchmal die einzelnen Dichtungen sind — auch dies ist bezeichnend für den Weg unseres Volkes in den verflossenen Jahrzehnten. Selbst bei ostjüdischen Volksdichtern, die" aus dem Vollen schöpfen wie etwa Mendele, Agnon, Bialik findet sich diese neuzeitliche Gestaltgebung der Sedernacht. Denn jetzt handelt es sich "nicht mehj um den Seder selbst —auch der Auszug aus Mizrajim spielt nur eine verhältnismäßig geringe Rolle hier —, sondern um alle diese armen Juden im Städtel, die sich um den Seder mühen und etwa wie Mendeles Bücherhändler mit seinem Wägelchen durch die Unbill des Weges aufgehalten werden und nicht mehr rechtzeitig heim zum Seder gelangen — aber der lachende Philosoph spendet ihnen doch noch einen Seder, wenn er auch für jemand andern bestimmt war! — oder um zwei Einsame, die erst durch das gemeinsame Sedermahl. zueinander hinfinden. * * * Nur ein und das andere Mal vielleicht leuchtet in diesen neuen Sedersagen noch etwas von der Weisheit der Alten auf, die das Schicksal des Einzelnen banden an das Schicksal der Gesamtheit ... und doch auch Verständnis fanden für die besondre Art des Einzelmenschen und seine Schwächen: denen der Seder des Rabbis nicht mehr wert ist als der Seder des Am- Haarez. Da ist die nachdenklich schöne chassidische Legende „Der Seder des Unwissenden", die uns Martin Buber erzählt hat. Sie wurde kürzlich in dem zierlichen Bändchen der Schokken-B.ücherei wieder abgedruckt und erscheint hoffentlich in dieser Form in vielen jüdischen Häusern als Pessachgeschenk (Martin Buber, Hundert chassidische Geschichten. Bücherei des Schocken-Verlages, Bd. 4). Da wird Rabbi Levi Jizchak von Berditschew, nachdem er den Seder der ersten Pessachnacht mit aller Inbrunst und Andacht, nach jedem Gebot und jeder Sitte gehalten und sich dessen freut, in der Nacht von oben her kund getan: „Was rühmst Du Dich... Fürwahr, lieblicher ist mir der Seder Chajims des Wasserträgers, als der Deine." — Und er schickt alle seine Schüler, ihm Chajim den Wasserträger zu bringen; er muß hören, wie dieser vollkommene Seder beschaffen ist. — Aber Chajim der Wasserträger ist ein Unwissender; als ihn sein Weib vom Branntweinschlaie weckte, da hat er nur gesagt: „...Aber sieh, das weiß ich: Unsere Väter und unsere Mütter waren gefangen bei den Zigeunern, und wir haben einen Gott, der hat sie herausgeführt in die Freiheit. Und sieh, nun sind wir wieder gefangen, und ich weiß es und sage Dir: Gott wird auch uns in die Freiheit führen." — Und dann sah er den Tisch stehen und das Tuch strahlte wie die Sonne; und er aß und trank und gab auch seinem Weibe. Und dann kam die Freude über mich und ich hob den Becher Gott entgegen und sagte: Sieh, Gott, diesen Becher trink ich Dir zu! Und Du neige Dich zu uns und mache uns frei!.... So saßen wir und tranken und freuten uns vor Gott. Und dann war ich müde und legte mich hin und schlief ein." Das ist die Botschaft vom Seder des Unwissenden, der vor Gott lieblicher ist als der Seder des Rabbi von Berditschew. Vielleicht die schönste Seder-Geschichte von allen, die uns begegnet sind. Denn in ihr liegt, wie unsere Weisen einmal bei anderm Anlaß sagten, „die ganze Thoräh — alles Übrige ist nur die Erläuterung". Dr. Bertha Badt-Strauß

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.