Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 7 (1.4.1934)
- Date
- 1934-04-01
- Page
- Seite 129 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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April 1934 Nummer 7 Inhalt: Seder-Geschichten — Eine Lektion aus Bibel und Mischnah — Ein Sedertisch in unseren Tagen — Die landwirtschaftliche Ansiedlung deutscher Juden in Palästina — „Rechtgläubigkeit und Ketzerei" — Eine Aufgabe für die jüdische Großstadtgemeinde: Der „Darschan" — Aus der Gemeinde München, — Aus dem Reiche — Bücherschau — Amtlicher Anzeiger: Bekanntmachungen der Israelitischen Kultusgemeinde München: Bekanntmachung über Errichtung einer israelitischen- Volksschule in München — Personalia. Seder-Geschichf Als der erste Mensch zum ersten Male die Sonne untergehen und das Dunkel der Nacht heraufziehen sah, da meinte er, seine Todesstunde sei gekommen; so erzählt uns die alte Sage. Seitdem hat sich in jeder Nacht dies Gefühl der Schuldlosigkeit gegenüber geheimnisvollen Gefahren, der Ausgesetztheit gegenüber den namenlosen Mächten der Finsternis beim Menschen wiederholt; und die Nacht ward wie der Tod, ihr dunkler Bruder, zur Wohnstätte der Angst und ihrer Gegenwehr, der vertrauenden Wendung zur übersinnlichen Macht — im Gebet, in Sage und Dichtung. Wir alle kennen die berühmten Nachtgesänge der Weltliteratur, die sich aus ältesten Zeiten bis in unsere Tage fort erhalten. Novalis war nicht der einzige, der einst Hymnen an die Nacht schrieb; himmlischer als jene blitzenden Sterne dünken uns die unendlichen Augen, die die Nacht in uns geöffnet; und Nietzsche war nicht der letzte, der den Menschen mahnte „0 Mensch, gib Acht: Was spricht die tiefe Mitternacht?" Etwas von diesem Mitternachtszauber, der seit Urbeginn der „heiligen, geheimnisvollen, unaussprechlichen Nacht" eigen ist, haftet allen den Sagen, Liedern und Dichtungen an, die sich mit der Nacht der Nächte, der „Nacht der Behütung", der Seder-Nacht beschäftigen. Es gibt bei Shakespeare ein merkwürdiges Zwiegespräch zwischen einem italienischen Nichtsnutz und einer ebenfalls nichtsnutzigen, aber sehr anmutigen Jüdin, das sich damit beschäftigt, fast alle Liebesgeheimnisse der Sage und Geschichte »In solcher Nacht wie diese" zusammenzufassen. In solcher Nacht Stand Dido, eine Weid in ihrer Hand. Am wilden Strand Und winkte ihrem Liebsten Zur Rückkehr nach Karthago. In solcher Nacht Las einst Medea jene Zauberkräuter Den Aeson zu verjüngen . . . Irre ich mich nicht, so war es der auch auf jüdischem Gebiete äußerst kenntnisreiche, uns allzu früh entrissene Joseph Hofmiller, der einmal auf die Ähnlichkeit dieses Shakespearischen Dialoges zwischen Lorenzo und Jessica und einem der geheimnisvollsten unserer Lieder in der Sedernacht, das Jannai etwa um 700 vor der üblichen Zeitrechnung schrieb, hinwies: en Es war um Mitternacht ... Der Wunder Fülle hast du einst verkündet in dieser Nacht Als sich der Wachen Dritte hat geründet in dieser Nacht Des frommen Fremden Sieg, er ward gegründet in dieser Nacht Es war um Mitternacht ... Wir alle kennen das Mitternachtslied der Haggadah seit unserer Kinderzeit, als wir halb im Schlafe — denn es wird erst ganz zum Schlüsse der Nacht gesungen und das vierte Becherlein des süßen Weins war längst ausgetrunken — die großartigen „Geschichtsklitterungen" mit halbem Ohr vernahmen: wie da Jakobs Kampf mit dem Engel und Sisseras Niederderlage und Assyriens Schrecken und Belsazars Tod samt seinen Göttern und Hamans List und Daniels Traum mit unbekümmerter Geberde in die Passah-Nacht verlegt wurde; und wie alles den strahlendsten Abschluß fand an jenem Tage, der weder Tag ist noch Nacht... und der wie Taghelle durchbricht die Finsternis der Mitternacht. — Gewiß, in der Seder- Nacht mußte sich dies Gefühl der Sicherheit mitten in dräu-i.iden Gefahren der Dunkelheit aufs äußerste verdichten. Stand doch jede jüdische Tür offen, weit offen; herein konnte der Gast, den man einlud, das Seder-Mahl mit zu genießen, er sei wer er wolle: der Hungrige von der Straße oder... der Prophet Elijahu, dessen Becher mit Wein schon so viele, viele Sedernächte lang umsonst auf ihn gewartet hatte. „Es kam die Passahnacht, und Isaak rief seinem ältesten Sohne und sprach: Mein Sohn, in dieser Nacht loben alle den Herrn, in dieser Nacht werden die Schatzkammern aufgetan, da der Tau bewahrt wird; mache mir ein Mahl zurecht . . . Rebekka aber sprach zu Jakob: Mein Sohn, in dieser Nacht werden die Schatzkammern des Taus aufgetan, die Heerscharen singen Lieder; in dieser Nacht werden Deine Kinder dereinst von der Knechtschaft erlöst werden; in dieser Nacht werden sie Lieder singen; so mache denn Deinem Vater ein Mahl zurecht ... (Bin Gorion, Sagen der Juden, I. S. 381 f.) In dieser Sage, die uns Bin Gorion nach den alten Quellen wieder erzählt hat, zeigt sich zum ersten Male das Doppelgesicht der Seder-Sagen. Als Esau laut weinte um den verlorenen Vatersegen, mußte es Israel büßen: Mardochais Tränen JÜDISCHER KULTURBUND IN BAYERN Ä9. März bis 1. Mai: Lessingsaal: Graphische Ausstellung; jüd. Künstler 9. April: Museum: Rezitationsabend Otto Bernstein 16. April: Museum: Lieder- und Kammermusikabend