Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 6 (15.3.1934)
- Date
- 1934-03-15
- Page
- Seite 113 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 113 Kinder und eine Anzahl von Pensionären, kochte selbst und fand noch Zeit, für meine Schwestern und anfänglich auch für mich Wäsche und Kleidung anzufertigen. Unermüdlich und unverdrossen wirkte sie in ihrem Kreise; eine Hausfrau und Mutter des alten Schlages, der heute wohl auszusterben bestimmt ist. So erzog sie ihre Kinder weit mehr durch ihr gutes Beispiel als durch Ermahnungen. Sie lebte uns vor, was Dienst und selbstgewollte Pflicht bedeutet. Das ganze Haus stand durchaus im Zeichen Kants: Selbstvertrauen der Vernunft auf der einen, Glauben an den kategorischen Imperativ auf der anderen Seite; vor diesem inneren Reichtum galt der. äußere nichts; aller Mammonismus war nicht etwa nur verpönt, sondern lag geradezu unter der Schwelle des Bewußtseins. Es ist diese Einstellung gewesen, die mich viel später zu dem festen Bunde mit meinem unvergeßlichen Freunde Leonard Nelson geführt hat, der mir, wie ich ihm, regelmäßig seine besten Schüler überwies. Wir wußten beide, daß wir in dem, vor aller Erfahrung gewissen, Aprioris unseres Geistes, in der Logik und der Ethik, das unverrückbare Koordinatenkreuz besaßen, um die Erscheinungen zu ordnen und zu bewerten, und damit Ziel und Kompaß allen Lebens und Strebens. Es war unser Ideal als akademische Lehrer, unseren Schülern die gleiche beglückende Sicherheit zu geben und sie dadurch vor dem gräßlichen Relativismus dieser kranken Zeit zu retten, der fast alle steuerlos im uferlosen Ozean treiben läßt. Wir Menschen besitzen die eingeborene Fähigkeit, die Wahrheit und das Recht zu erkennen, und haben die Pflicht, sie auszubilden und gegen alle Versuchung zu kräftigen. Und wir dürfen glauben, daß beide, recht gerichtet, uns zum gleichen und darum letzten Ziele führen, wo, um Proudhons schönstes und tiefstes Wort anzuwenden, „science et conscience", Wissen und Gewissen, übereinstimmen, an unser Handeln die gleiche Forderung stellen. Es gibt keine andere Rettung für diese todkranke Welt, die davon bedroht ist, zwischen Kapitalismus und Bolschewismus wie zwischen zwei Mühlsteinen zerrieben zu werden, als die Besinnung auf diese einfachsten aller Wahrheiten, auf den „Gott in unserer Brust". Was mir das akademische Kleinbürgerhaus meiner Eltern als „Vor-Urteil" mit ins Leben gegeben hat. was in unserem kleinen Kreise aufs schönste verwirklicht war: die Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, das in die große Welt einzuführen, ist das Streben, und dieses Streben ist das Glück meines Lebens gewesen. Im Elternhause floß mir die Ouelle aller meiner späteren Erkenntnisse, erwuchs mir der Keim alles meines späteren Strebens. Aus der Gemeinde München Ausstellung jüdischer Kultgeräte „Purim und Pessach" in München Die Ausstellung, die bereits in Augsburg, Bamberg und Nürnberg gezeigt worden ist und viel Anklang gefunden hat (vgl. Bericht aus Augsburg in vorliegender Nummer), wird in München im Bibliotheksaal, Herzog - Max-Str. 7, am Samstag, den 24. März, V2H—1 Uhr und 4—6 Uhr, am Sonntag, 25. März, 12—1 Uhr und 3—7 Uhr bei freiem Eintritt geöffnet sein. Führungen und Erläuterungen sollen Samstag um 11 und 4 Uhr, Sonntag um 12 und 3 Uhr. stattfinden. Neuheiten fürs Frühjahr Kostüme, Mäntel, Kleider, Blusen Besichtigung unverbindlich! LEO OPPENHEIMER, MÜNCHEN Dachauerstraße 9 (neben Kaffee Ungerer) MÜNCHEN \ BRIENNERSTRASSE'52 KOSTÜM F. . KLEI DER . HÄNTKIj. PELZE Graphische Ausstellung des jüdischen Kulturbundes in Bayern Der Kulturbund eröffnet am Donnerstag, den 2 9. M ä r z , eine Ausstellung von graphischen Kunstwerken bayerischer jüdischer Künstler. Auf das in der Ausstellung Gebotene wird in diesen Blättern noch Näheres mitgeteilt, jedoch soll heute schon darauf aufmerksam gemacht und um recht regen Besuch gebeten werden, denn der Zweck dieser Ausstellung ist, wie der aller Veranstaltungen des Jüdischen Kulturbundes, ein kultureller und gemeinnütziger zugleich. Ort und Zeit werden in der nächsten Nummer bekannt gegeben. Jüdischer Kulturbund in Bayern Liederabend Lotte Leonard Die berühmte Konzertsängerin Lotte Leonard (Berlin- Paris) gibt am Donnerstag, den 22. März (Beginn pünktlich 8 Uhr) einen Liederabend im großen Museumsaale. Die Künstlerin wird außer Gesängen vorklassischer Meister Lieder von Schubert, Schumann, Hugo Wolf und Gustav Mahler zum Vortrag bringen. Am Flügel: Otto Lehmann. Karten zu 2.20 RM. (numeriert) und 1.10 RM. (umnumeriert) in der Gemeindekanzlei sowie an der Abendkasse. Kategoriekarten (für Jugendliche) zu 60 Rpf. nur an der Abendkasse. Vortrag Rabbiner Dr. Leo Baeck Der Präsident der Reichsvertretung der deutschen Juden, Rabbiner Dr. Leo Baeck (Berlin), spricht am Samstag, den 2A. März, abends 7.45 Uhr, in der Hauptsynagoge über das Thema: „D er Sinn der G e - s chi cht e". Der Vortrag wird mit musikalischen Darbietungen umrahmt. Dr. Benno Flehinger (Violoncello ) bringt ein Air von Bach zum Vortrag, Kantor Moritz N e u singt ,.Gebet" von Händel und „Elohaj neschomoh" von Birnbaum. An der Orgel: Kapellmeister Erich E r c k. Karten zu 50 Rpf. (Einheitspreis) in der Gemeindekanzlei sowie an der Abendkasse. Qualitäts-Zigarren! Alfred KlOpffer Maximilian- Fernruf 27 0 39 Strasse 10