Mannheim
Compact Memory

Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1934-03-15 · 6 (15.3.1934) · p. Seite 112

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
10 (1934)
Issue
6 (15.3.1934)
Date
1934-03-15
Page
Seite 112 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2727810-2728000-2728006--09408-2742678
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

112 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 6 (f%t$^ Klause richtete. Damit war das innere Ghetto geradeso gesprengt wie das äußere; die strengen Vorschriften der Religion erschienen mehr und mehr als Reste einer überwundenen Zeit, zumal damals auch die christliche, vor allem aber die in Norddeutschland maßgebende protestantische Religion unter dem Einfluß des Humanismus sozusagen erweicht, zu einem nicht mehr eigentlich konfessionell gefärbten Bekenntnis zur Menschheit und Menschlichkeit entfärbt und erhöht worden war. Damals war Schleiermacher der Lehrer und Prediger der Gebildeten, der Mann, zu dem noch mein Vater schwor, und so war es damals kein feiges Zurückweichen vor ungerechter Willkür, sondern ein fast unwiderstehlicher innerer Zwang, der die in deutscher Bildung aufgewachsenen Juden zur Taufe veranlaßte. War doch das Alte Testament auch den Christen ein heiliges Buch, und lockte doch mächtig gerade die im Sinne jener Zeit religiösen Gemüter der ewig unverlierbare Gehalt des Urchristentums an menschlicher Güte und Liebe! Heute, und schon für die Generation, der ich angehöre, liegt und lag das ganz anders. Heute soll man einem Drucke weichen, den der Edle als unmoralisch iempfinden muß: soll man eine Gemeinschaft verlassen, während sie im Kampfe steht; das ist auch für solche, die, wie z. B. ich selbst, konfessionell völlig neutral sind, eine unmögliche Zumutung. Mein Großvater mütterlicher Seite, war zuerst Arzt in Pyritz in Pommern, holte sich aber in jungen Jahren bei seinen — darüber sind jetzt fast genau hundert Jahre hingegangen — damals bei den schlechten Wegen und der geringen Zahl der Ärzte außerordentlich weiten, und namentlich im Winter anstrengenden Landfahrten eine schwere Krankheit, die ihn lähmte und für viele Jahre bis zu seinem Tode auf den Krankenstuhl fesselte. Inzwischen waren aus seiner Ehe vier Kinder hervorgegangen, von denen meine Mutter, Antonie, das älteste, willenskräftigste und begabteste war. Ihre Kindheit war keine leichte; die Familie war ärger daran, als wenn mein Großvater gestorben wäre; sie war nicht nur des Ernährers beraubt, sondern mußte den früheren Ernährer selbst mit ernähren. Es ist fast ein Wunder zu nennen, daß meine Großmutter die beiden Enden zusammenbrachte; die drei Töchter erhielten die beste Erziehung, die damals Töchter aus guten Häusern erhalten konnten: sie bildeten sich zu höheren Lehrerinnen aus; der Sohn wurde bis zum Einjährigen gebracht, mußte dann aber Kaufmann werden. Er wurde ein wohlhabender Mann, aber dieser Verlust seiner Klasse hat ihm das Leben verbittert. So war denn im Dr. Davidsonschen Hause in seiner Heimatstadt Prenzlau seit der Katastrophe Schmalhans Küchenmeister. Keine Not, aber die härteste spartanische Zucht, die man erdenken kann. Kein Wunder, daß die Großmutter eine sehr strenge Frau wurde, die wir Kinder mehr fürchteten als liebten. Kaum waren ihre Kinder flügge, so mußten sie aus dem Nest, um sich selbst zu ernähren. Meine Mutter ging als blutjunges Ding nach Ungarn, wo sie in reichen Bürgerhäusern das nicht immer süße Brot der Erzieherin zu essen hatte; sie wußte sich freilich immer ihrer Haut zu wehren und sich in Respekt zu setzen. Als sie einmal auf der Heimreise in Wien weilte, lernte sie dort meinen Vater kennen. Und so floß sephardisches mit aschkenasischem Wesen in eins. Meine Mutter war eine Frau von fast unheimlichem Scharfsinn und unfehlbarer Logik und einem Gedächtnis, das niemals versagte. Noch als Siebzigerin hat sie ihrer Enkelin, meiner leider früh verstorbenen Tochter Eva, die damals die Obersekunda eines Realgymnasiums besuchte, die englischen und französischen Arbeiten korrigiert, ohne jemals zu irren. Mich selbst hat sie schon als kleinen Buben in die beiden Sprachen so weit eingeführt, daß ich sie ohne Wörterbuch las. Eine nicht nur gebildete, sondern geborene Pädagogin, hat sie uns Kinder unmerklich geführt; ich habe ihr meine Aufsätze noch als Primaner vorgelegt, und noch bis tief in meine wissenschaftliche Arbeit hinein war und blieb sie mir der maßgebende Kritiker. Als ich einmal in meiner Flegelzeit mit den unregelmäßigen griechischen Verben in Schwierigkeiten kam, hat sie, die Griechisch nicht lesen konnte, sich den ganzen Wust in ihrer wundervollen feinen Handschrift mit lateinischen Buchstaben aufgeschrieben, um mich „abhören" zu können. Daneben führte sie mit einem Dienstmädchen den großen Haushalt, vier

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.