Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 6 (15.3.1934)
- Date
- 1934-03-15
- Page
- Seite 111 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung I. Der Vater ... Ein Niedersachse war auch mein Vater, nicht nur der geographischen Herkunft nach, wenn er auch äußerlich der orientalischen Fraktion seiner zahlreichen Geschwisterschar angehörte: fünf hochgewachsene, blonde, blauäugige, und fünf kleine, schwarze, magere Figuren. Dennoch war er ein Kind des Weserlandes, ein unermüdlicher Waldläufer mit dem ganzen Naturgefühl eines Deutschen, den ein Sonnenblick durch das Frühlingslaub, eine dämmernde Lichtung, ein breitschattender Eichbaum oder eine im Äbendgolde rotkupfern erglühende eigenwüchsige Kiefer am Waldrande bis zu Tränen rühren konnte; frei nicht nur von jeder Streberei, sondern sogar von jeder Erwerbssucht, völlig zufrieden, wenn seine Arbeit seine Familie bescheiden ernährte; nie habe ich jemanden gesehen, der den Niederdeutschen Raabe, den Niederdeutschen Busch und den Deutschen Bach inniger erfühlte als er; er konnte vor einer einzigen Zeichnung aus der „Frommen Helene" oder dem „Heiligen Antonius" ganze Viertelstunden lachend sitzen, bis ihm die hellen Tränen den Blick verschleierten... Er war aber auch in seinem Bewußtsein ganz und gar ein Deutscher. Das erste, was er mich lehrte, war der schöne Spruch: „Ich bin ein deutscher Mann, treu und wahr und ohne Lüge." Er hing treu an seiner Religion, die ihm in ihrer Urform, ihrer Prophetenform, als die reinste Verkörperung der Humanität galt, während er die Schutzkruste, die das jahrtausende währende Leben der Diaspora angesetzt hatte, als geschichtliche Erscheinung, die zu ihrer Zeit notwendig gewesen war, achtete, aber für seine Gegenwart verwarf; er bekannte sich zu der einzigen Gemeinde der damaligen Welt, 'dite diesen Bruch ernsthaft vollzog, der Berliner Reformgemeinde; ihr Gottesdienst fand bei Orgelmusik und Chorgesang Sonntag vormittags statt; Gebet und Predigt waren deutsch, nur das Wochenstück aus der Thora und die uralten Glaubensformeln wurden hebräisch vorgetragen, aber alsbald ins Deutsche übersetzt. Ehrliche deutsche Patrioten hatten die Gemeinde gegründet, um die trennende Kluft so viel wie möglich zu verschmälern; und ein ehrlicher deutscher Patriot war mein Vater bis zu seinem Tode, kein Hannoveraner (als solcher war er geboren) und kein Preusse im engen Sinne, aber ein Deutscher aus Herzensgrund. Darf ich die schlichten Verse hersetzen, die ich schrieb, als Fünfzehnjähriger, in der schlimmen Zeit, wo wir erkennen mußten, daß uns all unser ehrliches Deutschsein, all unsere deutsche Bildung nicht schützen. „Meines Vaters Großvater wohnte am Rhein. und vor ihm wohl zehn Geschlechter, und da sollt' ich kein Deutscher sein, kein eingeborener, echter? Meines Oheims Blut gab rote Spur bei Alsen an der Fähre, mein Vetter fiel bei Mars la Tour im Kampf für Deutschlands Ehre. Ich sah, wie im Aug' die Träne schwoll, als von Sedan die Kunde scholl, dem Vater, er weinte selten: und Ihr wollt Fremde uns schelten?" ... Ja, seit Jahrhunderten wohnten seine Vorfahren am Rhein, wenn die Familientradition nicht täuscht; ein Stamm soll von Spanien über Holland hereingekommen sein, vornehme Professoren aus dem Stamme Juda, wie der Name einer der Linien bezeugt; Ben Ari, Sohn des Löwen; denn der Löwe war das Wappen Judas. Agathon, ursprünglich Aaaron, und Ferdinand Benary, der berühmte Kirchenrechtslehrer der Berliner Universität, waren nahe Verwandte meines Vaters und sich der Verwandtschaft noch bewußt; ohne jenen hätte mein alter Herr, dem alle Mathematik und alle Rechenkunst zeitlebens ein Buch mit sieben Siegeln blieben (oh, wie jüdisch!) das Abiturientenexamen am Kölnischen Gymnasium, wo der Vetter damals noch Lehrer war, vielleicht nicht bestanden; er durfte die klaffende Lücke durch verdoppelte Leistungen in den alten Sprachen ausfüllen. II. Die Mutter Meine Mutter stammte von der Seite ihrer Mutter her aus der angesehenen, seit Ende des siebzehnten Jahrhunderts in Berlin ansässigen Familie Benda. Einer der Träger dieses Na- #WANNER & HECHT HOF-SCHNEIDER DIENERSTRASSE 9/1 Die besten Anzüge und Mänfel von 198.— RM. an. mens hat einen Stammbaum angefertigt, der gerade bis zu meiner Mutter und ihren Geschwistern reicht. Der Stammvater, David Benda, war mit einer Tochter aus der sehr bekannten Familie Itzig verheiratet; einer von ihnen war meines Wissens Münzmeister eines preußischen Königs; ein Nachkomme legte sich den „Spiritus asper" zu und verwandelte sich in einen deutschen Hitzig, von dem noch heute die Hitzigstraße im Berliner Westen Zeugnis ablegt; er war. wenn ich recht berichtet bin, ein bedeutender Baumeister. Das Ehepaar zog nicht weniger als zehn Kinder groß, die ihrerseits wieder durchschnittlich eine zahlreiche Nachkommenschaft hatten; war es doch die Zeit vor der Domestikation des Klapperstorches! Selbstverständlich trugen diese Nachkommen des alten David durch Vermittlung der Tochter die verschiedensten Namen. Ihre Träger gehörten den mannigfachsten Berufen an; es finden sich nicht nur bedeutende Kaufleute, sondern zahlreich auch Anwälte, Ärzte, Professoren und — evangelische Geistliche in nicht geringer Zahl, z. B. Kanitz, Taube usw. Eine flüchtige Durchmusterung zeigt, daß schon damals, als dieser Stammbaum angefertigt wurde, also vor mehr als einem halben Jahrhundert, weitaus die Mehrzahl dieser Verwandten dem jüdischen Glauben nicht mehr angehörte. Das war damals kein Zeichen von Schwäche, Charakterlosigkeit oder Streberei, sondern, wie die Familiengeschichte der Mendelssohn beweist, nichts als die unvermeidbare Folge der damaligen Situation. Der gebildete Israelit wurde in aller guten Gesellschaft als gleichberechtigt betrachtet; noch beherrschte der Kapitalismus mit seiner Psychologie der Konkurrenz die Seelen nicht; und noch gab es keinen Antikapitalismus, der seine Angriffe gegen die schwächste Stelle der gegnerischen Klaviertastenanschlag und Typenkorb-Umschaltung sind zwei der wesentlichen Vorzüge der CORONA;>S« Sie hat die Qualität einer BÜrOmaschine, jedoch das Gewicht und die Grölje einer Reisemaschine Verlangen Sie unverbindliche Vorführung Kleine Anzahlung Kleine Raten Weltgarantie « IBüro Heim Reise Hauptvertretung: Alfred Bruck, Sonnenstrafje 12 Inn.. Rudolf Lewin Tel. 90786