Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 6 (15.3.1934)
- Date
- 1934-03-15
- Page
- Seite 110 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2727810-2728000-2728006--09406-2742676- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
110 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 6 dieser Darstellung die Schöpferkraft des Höchsten wie fernen Donnergrollen läßt. Rembrandt lebte, wie bekannt, im Judenviertel von Amsterdam und hat aus seiner jüdischen Umgebung viel Anregung und Freunde gewonnen. Unvergänglicher Besitz sind die jüdischen Gestalten, die er geschaffen. Er hat den Ruf nach dem Unendlichen wahrnehmbar gemacht, als er die Stirne seiner Menschen mit einem von oben einfallenden Licht überflutete. Sie sehen so, wie hohe Kunst und religiöses Empfinden enge verschwistert sind. Ein großer Künstler unserer Zeit, der französische Bildhauer Rodin, hat diesem Zusammenhang in ergreifenden Worten Ausdruck gegeben: „Die echten Künstler sind die religiösesten der Sterblichen. — Überall hört der große Künstler, wie der Geist der Dinge seinem Geiste Antwort gibt. Wo fänden sie wohl einen religiöseren Menschen? — Jeder Künstler, dar die Gabe hat, die Formen zu verallgemeinern, ruft dasselbe religiöse Gefühl hervor; denn er vermittelt uns den hehren Schauder, den er selbst vor den unsterblichen Wahrheiten erfahren hat. — Die Werke der Kunst, die man als die vornehmsten Zeugnisse des menschlichen Geistes und menschlicher Lauterkeit betrachten muß. sagen zwar alles, was man über den Menschen und die Welt sagen kann, machen aber außerdem begreiflich, daß es noch etwas gibt, das man nicht erkennen kann. So dringen alle Meister bis zur verschlossenen Pforte vor, die ins Unergründliche führt." Gehen wir zur Musik über, so befinden wir uns in dem Bereich der Kunst, der die Empfindungen der Menschen am tiefsten auszudrücken vermag. Zu den großen Meistern, deren Klänge heute dieses Haus erfüllen, tritt vielleicht als der größte als Mensch und Musiker Beethoven hinzu. In seinem einzigen musikalisch-dramatischen Werk zeigt er uns den Gefangenen, der im Kerker weilt, umgeben, ihm bewußt, von der treuesten Liebe seiner Gattin. An der Spitze des Werkes steht die große Ouvertüre, wohl eine der gewaltigsten Offenbarungen des menschlichen Geistes. Wir hören die Klagen des Gefangenen. In beweglichen Figuren und süßen Melodien werden die liebenden Bemühungen seiner Gattin wiedergegeben. Da schweigen die Instrumente. Und leise anschwellend, wie aus überirdischen Höhen, künden die Fanfaren dem Gefangenen, der Menschheit die Freiheit, in Liebe geboren. Ich habe ihnen hier die drei Abteilungen vorgeführt, die das Arbeitsgebiet des Jüdischen Kulturbundes in Bayern bilden, der heute zum ersten Male in die Erscheinung tritt. Es erhebt sich die Frage: Was ist es mit diesem Kulturbund. Wie ist er geworden, was sind seine Aufgaben und Ziele? Lassen sie mich mit einem Gleichnis antworten. Sie kennen alle die Pflanzen, die in den Zimmern gehegt werden, mit den wunderlichen Formen, den Wülsten und Ballen, mit den dicken Blättern und den gezackten, stacheligen Rändern. Sie machen einen alten und verstaubten Eindruck. Da erblicken wir eines Tages unversehens eine Blüte, zart und mit leuchtenden Farben. So ist an unserem gesellschaftlichen Organismus der Kulturbund gewachsen, zu leuchten in die Mühsal des Tages. Wir danken den Männern und Frauen, die sich um das Zustandekommen dieses Werkes und um seine Leitung so hingebend bemüht haben, wir danken ihnen, meine Verehrten, für die lebhafte Anteilnahme an unserem Unternehmen und bitten, daß sie ihre Gunst ihm weiter erhalten. Heute wollen wir dem Bund zum Geleite drei Worte mit auf den Weg geben. Möge der Bund Kraft und Freude schaffen zum Ausgleich für die Mühsal des Tages, mögen die Künstler, die uns diese hohen Werte vermitteln, Halt und Stütze an diesem Bund finden, möge dies Unternehmen ein einigendes Band um unsere Gemeinde und die Gemeinden des Landes schlingen und uns helfen, das schwere Schicksal dieser Tage zu tragen, möge der Segen des Herrn auf diesem Werke ruhen! Deutsche Juden vor 50 Jahren Zu Franz Oppenheimers 70. Geburtstag Franz Oppenheimer, bis vor kurzem als Ordinarius der Nationalökonomie und Soziologie, eine Zierde der Universität Frankfurt am Main, feiert am 30. März seinen 70. Geburtstag. Alle Kraft, alles Freiheitspathos und alle kämpferischen Folgerungen des echten umfassenden (noch nicht in vernünftelndes Einzelgängertum ausgearteten) Liberalismus sind in Franz Oppenheimers Schrifttum vereinigt. Seine Stellung in der deutschen Wirtschafts- und Gesellschaftswissenschaft kann in diesen Blättern nicht erörtert werden. Der heute Siebzigjährige hat in zwei Selbstdarstellungen, in einem vielbändigen System der Soziologie und in unzähligen Einzelschriften dafür gesorgt, daß sein Namen und seine Lehren bis noch vor kurzem immer wiezum Was die Mode FrühjahrUndSommer bringt, Herren- und Damenfinden Sie in STOFFEN höchster Vollendung bei günstiger Preisstellung in dem führenden Tuchhaus bester Qualitäten Weinberger & Bissinger Rindermarkt 7 der genannt wurden. Wo in der so fragwürdigen Wissenschaft der Soziologie der Kampf der Meinungen am heftigsten tobte, sah man Franz Oppenheimers Helmbusch wehen. Im Nachfolgenden sollen aus seinem Ende 1931 erschienenen Erinnerungsbuch („Erlebtes, Erstrebtes, Erreichtes") einige charakteristische Stücke über das „Elternhaus" wiedergegeben werden. Hier sieht man mitten hinein in das beste deutsche Judentum des 19. Jahrhundert, das noch gänzlich, in einem grenzenlosen Optimismus, von dem Prozeß der Angleichung an die Außenwelt absorbiert ist. Franz Oppenheimer hat seit mehr als 25 Jahren die Lösung der Judenfrage in der Verwirklichung des zionistischen Programms gesehen. Wie er die Lösung der sozialen Frage nur von einem neuen Bauerntum auf eignem Boden ohne Großgrundbesitz erwartet, so erhofft er sich auch die palästinensische Lösung nur von der richtigen Siedelung her. Er hat bekanntlich auch aktiv bei der jüdischen Kolonisation mitgewirkt und 1910 die erste jüdische Siedlungsgenossenschaft im Emek Jesreel gegründet. Der Sohn des Predigers an der Berliner jüdischen Reformgemeinde, der einstige Burschenschaftler und gefürchtete Fechter, der wagemutige Alpinist, der reim- und trinkfrohe Genosse an Stammtischen der Künstler und Schriftsteller, der Schwager Richard Dehmels und Freund Detlev von Liliencrons ist schon vor Jahrzehnten zum praktisch und theoretisch gleichmäßig durch und durch gebildeten Zionisten geworden, freilich -gänzlich frei von jeder Parteigängerei, über die diese tatenfrohe und optimistisch vorwärts schreitende, von nörgelnder Selbstkritik nicht gestörte Persönlichkeit erhaben war.