Mannheim
Compact Memory

Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1934-03-01 · 5 (1.3.1934) · p. Seite 91

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
10 (1934)
Issue
5 (1.3.1934)
Date
1934-03-01
Page
Seite 91 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2727810-2728000-2728005--09386-2742655
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 5 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 91 ihres Gesellschaftslebens, für sie ist das Kind der letzte Zweck ihres eigenen Daseins, und mit großer Selbstverständlichkeit sprechen sie über diese Dinge. Wenn heute schon aus Erez Israel ein starker Geburtenzuwachs gemeldet wird, so hängt dies mit der Tatsache der völligen Umstellung der Geistigkeit unserer Jugend zusammen. Um eins sollen diese Zeilen werben, die naturgemäß auf Einzelheiten nicht so sehr eingehen können: das Verständnis der älteren Generation. Gewiß haben es die Eltern immer erträumt, ihre Kinder so lange wie möglich um ihren Tisch versammelt zu haben, um ihnen dann später, wenn es irgend geht, das Haus auch in derselben Stadt oder wenigstens unweit davon zu errichten. Aber höchste Elternliebe ist es in dieser Zeit, ihren Kindern nicht den Weg in die Zukunft zu verbauen. In einer Zeit wie der unsrigen, die nun einmal von dem deutschen Judentum eine Umstellung auf die veränderte Lage verlangt, muß dies auch von den Eltern erkannt und unterstützt werden. Mancher seelische Kampf könnte vermieden werden, wenn die Eltern diesen Begriff der Liebe zu ihren Kindern zu dem ihrigen machten. Jeder Fall liegt im Grunde anders, aber die Jugend hat, wie schon angedeutet, häufiger das richtigere, weil zukunftstragende Empfinden. ADOLPH SCHLESINGER en grosu.en detail PriellTIdyerSf fdfje 12 Seit 50 Jahren .Das Spezialhaus f. bewährte u. preiswerte Trikot-Unterwäsche, Strumpfwaren, Strick-u. Modewaren. Bleyle, Kfibler, Ribana, Professor Dr. Jäger, Schachenmayr. Es liegt ihr auch nichts mehr daran, in unbedingter Geborgenheit, ererbter Behäbigkeit — wie selten wird das übrigens noch der Fall sein — ihr Dasein zu verbringen. Sie will sich ihr Leben selbst zimmern, und man soll ihr dabei helfen. Gewiß, auch dies wird Opfer verlangen und den Einsatz der ganzen Persönlichkeit. Ein neues Land kann nicht ohne dies aufgebaut werden, und auch Derjenige, der für seine Zukunft mit dem Verbleiben in Deutschland rechnet, wird den Gefahren unterliegen, die sein Beruf mit sich bringt. Sie müssen in Kauf genommen werden, und in ihrer Überwindung liegt ein Stück Bewähren. Wenn oftmals jüdische Menschen ein wenig müde in die Zeit schauen, so sollen sie sich aufrichten an dieser Jugend, die ihren sicheren Weg gehen wird, und die unser altes Erbe im Blut zu neuem Ansehen in der Welt führen und für seine Erhaltung sorgen wird. Das Jüdische Museum in Berlin ruft zur KünstlerhiKe auf Noch niemals sprachen die Bilder im Jüdischen Museum in Berlin so laut von den Wänden herab wie am Sonntag Nachmittag. — Ihr glaubt, Bilder könnten nicht sprechen?! — Erlaubt, daß ich Euch über Euren Irrtum aufkläre. Diese Bilder können sprechen: mit meinen eigenen Ohren hab ich sie rufen und schreien, flüstern und murren gehört, wenn ich manchmal des Vormittags im selben Jüdischen Museum in der Oranienburger Straße war und der Schall meiner Tritte kaum die lebhafte Zwiesprache übertönte, die von den Wänden herabklang. Wie oft hörte ich da den knurrenden alten Lesser-Ury und den skeptisch schmunzelnden noch viel älteren Isidor Kastan von seiner Jugend im Rabbiner-Seminar erzählen; und der bitter erfahrene Liebermann hörte ihnen zu und warf ab und zu ein Wörtchen spöttischer Altersweisheit dazwischen. Sie wunderten sich, die alten Herren, daß so wenige Menschen in aller Not des Tags den Weg zur Beglückung durch die ewigen Bilder der Kunst fanden, und freuten sich wohl auch mit dem Schmunzeln des Großvaters, wenn ab und zu Schulkinder mit ihren Lehrern vor ihnen stille standen und große Augen machten. — Aber heut Nachmittag war alles anders. War es die festlich helle Beleuchtung, die etwa in der altmärkischen Synagoge, diesem Prunkstück der Sammlung (wenn auch längst nicht so schön wie die Synagoge im Würzburger Museum!), alle ehrwürdigen Stickereien und Wandtafeln aufglänzen ließ, als wären sie eben erst fleißigen Händen gelungen? War es die schlicht gekleidete Menge von Menschen, die erwartungsvoll den großen Saal füllte, daß kaum ein Plätzchen noch zu haben war? Oder waren es die Töne der Schwesterkunst, der Musik, die in schwebenden Geigen und tiefen Cellotönen und in rieselnden Klavierakkorden durch die Säle zogen? Oder die menschliche. Stimme, die endlich alle die Instrumente ablöste und — wie es schien — erlöste? Es schien, als wären alle die Bilder, die alltags nur selten ihre Stummheit verloren und nur feinhörigem Ohr ihre Geheimnisse anvertrauten, heute wie von einem Banne erlöst und zur Freiheit erwacht: weil ihnen allen an der Stirne geschrieben stand, wie freudig sie Absicht und Zweck dieses ernsten und doch festlichen Nachmittags bejahten... mit all ihrer Kraft bejahten. Ein Kunsthistoriker hatte die längst vermißte Absicht, einmal etwas zur Unterstützung der jüdischen bildenden Künstler zu tun, zur Ausführung gebracht; und die Leiterin des Jüdischen Museums hatte ihn in ihrer liebenswürdig geschickten Art bei der Ausführung unterstützt. Und doch hätte den Beiden dies Werk nicht gelingen können, nicht zu solcher Harmonie gedeihen können, wenn sich nicht Künstler selbst in den Dienst ihrer hilfsbedürftigen Brüder gestellt hätten. Da spielte das rühmlich bekannte Trio Rosen-Zeelander-Jarecki zuerst das herrliche Tschaikowsky Trio op. 50 a-Moll: leider hörte man nur den ersen Satz — aber auch der hatte, wie sich dann herausstellte, geheimnisvolle Beziehung zu der Bedeutung des Nachmittags. Dann sang Hede-Türk, die wir alle kennen und bewundern, zwei Mozart-Lieder, die Arie des Cherubin „Neue Freuden, neue Schmerzen" und einen herrlichen, viel weniger bekannten italienischen Friedensgesang; sie schloß mit dem Schubertschen Suleika-Lied. Und nun erst erfuhr nian den Sinn dieses eigenartig und wie es schien, etwas bizarr zusammengestellten musikalischen Programms. Meta Cohn-Hendel, die bekannte Malerin und Graphikerin. erzählte von ihrem eigenen Schaffen und offenbarte die Rolle, die gerade diese musikalischen Eindrücke, wie sie aus den eben gehörten Tönen hervorquollen, wie der Entstehung ihrer Mappe von Musik-Radierungen spielten. Als sie im Jahre 1919 zum ersten Male nach den allgemeinen Leiden des Krieges und nach schwersten persönlichen Schicksalen — ein Grab in Rußland auf einer ihrer Radierungen kündete mehr als ihre Worte — wieder ins Hochgebirge, in ihre geliebten Engadiner Berge zu kommen gewürdigt war, da entstanden diese Blätter; und jedes von ihnen, das nun vor den Augen der Hörer auf der Leinwand erschien, kündete die alte, immer wieder vergessene Botschaft, daß dem Menschen Kraft verliehen ist, den Schmerz zu überwinden und daß der Himmel ihm hilfreiche Boten sendet und ihm bei dieser schwersten Lebensarbeit hilft: die Natur mit all ihren Wundern, ob sie sich nun in der Vielfalt der blumigen Wiese oder in der Gewalt der Schneeberge offenbaren; die Musik, deren Zauberklänge uns „Schmerzensgewalt und Lust" in immer erneutem Wechsel mit Mozarts Tönen ins Herz gießen; die Malerei, deren begeistert hingegebenes Schaffen hier von einem sehr lebendigen Menschen vor uns dargestellt wurden. Nicht nur die Bilder auf der Leinwand wirkten, und nicht nur die farbigen Holzschnitte und graphischen Mappen, die sich das Auge der Neugierigen dann im Nebensaale ansehen konnte. Hier stand, wie schon eben gesagt, ein leben-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.