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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1934-03-01 · 5 (1.3.1934) · p. Seite 90

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
10 (1934)
Issue
5 (1.3.1934)
Date
1934-03-01
Page
Seite 90 (sequence 10)
Language
German
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90 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 5 LUDWIG ORÜBER Odeonaplat* 17 Geschäft des Qualitätsraucbers! rung vorzunehmen. Wir wollen übrigens damit nicht sagen, daß nicht auch viele ältere jüdische Menschen in großer Tapferkeit und mit äußerster Härte gegen sich selbst ihr Schicksal in die Hand genommen haben. Heute aber soll im besonderen von der Haltung der Jugend die Rede sein, die so häufig von der älteren Generation nicht verstanden wird und die doch instinktiv weiß, was das Leben ihr zu bieten haben wird. Jüdische Eltern haben sich in vergangenen Jahren für ihre Kinder vor allem den sogenannten sozialen Aufstieg ersehnt. Wir wollen mit ihnen deshalb heute nicht mehr rechten, denn es hat ja keinen Zweck, sich gegenseitig die Fehler der Vergangenheit vorzuwerfen. Es war auch begreiflich, daß man für die nächste Generation eine angeblich höhere Stellung erstrebte, zumal, wenn damit die Möglichkeit gegeben war, sich in der Berufsausbildung größeres Wissen anzueignen. So ist es gekommen, daß eben in Deutschland jüdische Jugend der akademischen Laufbahn zustrebte. Die Jugend von heute weiß, daß es auf diese Weise nicht mehr geht. Sie ist fest entschlossen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, und sie geht den harten Weg der Berufsumschichtung. Sie weiß, daß dieser Weg für sie oftmals härter ist wie für andere Menschen, weil eine lange Zeit rein geistiger Beschäftigung ihre Erbmasse verändert hat, und es so mancher Generation erst bedürfen wird, bis eine körperliche Erneuerung zu der seelischen getreten ist. Die Söhne der Hafenarbeiter in Saloniki, die heute in Haifa die Güter jüdischer Einwanderer ans Land bringen, haben es leichter, einen solchen Beruf durchzuführen, als jüdische Jugend aus Deutschland, deren Vorfahren durch Generationen anderen Berufskreisen angehörten. Es wäre unrecht, wenn wir mit einem hundertprozentigen Erfolg für jeden einzelnen Jugendlichen rechnen würden, der sich heute körperlicher Arbeit zuwendet. Aber es wäre ebenso unrecht, wenn man aus dem Fehlschlage einzelner Versuche auf die Ungeeignetheit der jüdischen Jugend als solche schließen würde. So ist man in allen Teilen Deutschlands am Werk, aus den Kreisen der Jugendlichen heraus sich ein neues Leben aufzubauen. Man verläßt früher die Schule als man es sonst getan hätte, man erkennt deutlich, daß der Besuch der Hochschule im allgemeinen wenig Zukunftsmöglichkeiten mehr zu bieten hat, wobei übrigens deutlich gesagt werden soll, daß der, der wirklich das Zeug in sich spürt, Geistes- Arbeiter zu werden, diesen Weg gehen soll und die Schwierigkeiten, die sich ihm entgegensetzen, zu überwinden versuchen muß. Wir wollen in diesem Zusammenhang nicht die Frage aufrollen, ob die Zukunft der jüdischen Jugend in stärkerem Maße in Deutschland wie in Palästina liegen wird. Für die seelische Grundhaltung ist dies gewiß nicht belanglos, denn es ist erklärlich, daß der junge Mensch, der entschlossen ist, im Lande der Väter als Pionier zu arbeiten, einen ganz besonders großen seelischen Schwung mitnimmt, und daß für diese Aufgabe letzten Endes nur die Besten zureichend sind. Im allgemeinen aber kann man trotz dieser Einschränkung deutlich feststellen, daß in allen Kreisen in jüdischer Jugend der Wille zur Umschichtung vorhanden ist. Noch sind die endgültigen Organisationsformen hierfür nicht geschaffen. Jetzt unmittelbar vor dem Ostertermin, zu dem wiederum viele jüdische Schulentlassene vor der Frage ihrer Zukunft stehen, ist es doppelt wichtig, daß die dafür zuständigen jüdischen Behörden /alles» tun, um der Jugend den Weg ins Leben zu erleichtern. Zwei Formen kommen für die Umschichtung in die neue Lebensart unserer Jugend in Frage. Einmal ist es die Einzelausbildung, bei dafür geeigneten und dazu bereiten Meistern, dann aber vor allem die gemeinsame Ausbildung an besonderen Ausbildungsstätten. Die erste Form dürfte in der Regel weit weniger kostspielig sein, weil für sie besondere Wohnmöglichkeiten usw. nicht geschaffen zu werden brauchen. Die zweite Form aber ist vorzuziehen, und sie wird auch von der Jugend in der Regel bevorzugt. Auch die jüdische Jugend ist sich darüber klar, welche Kraft von der Gemeinschaft ausgeht. Wer jemals die Freude hatte, mit jüdischen jungen Menschen, die in einer solchen Gemeinschaftssiedlung wohnten, zu sprechen, der merkt alsbald, wie rasch sich hier der Typ des jüdischen Jugendlichen abwandelt. War es oft Sache der Großstadt-Jugend, vor allem daran interessiert zu sein, bei jedem Ereignis mit dabei zu sein, gewissermaßen up to date, so entwickelt sich hier in diesem Lager eine ganz andere Menschenart. Alles Hastige und Fahrige wirkt hier sinnlos. Wer den Boden bearbeitet und dies als nachdenklicher Mensch tut, der weiß, daß jedes Ding seine Zeit hat. Und wenn man noch dazu in einem kleinen Dörfchen weitab von einer Großstadt wohnt und arbeitet, dann wird alles, was für den Großstädter so wesentlich ist, bedeutungslos, und andere Werte treten in den Vordergrund. Wiewiel hat man z. B. über die Möglichkeit geschrieben für die städtische Jugend den Sabbath wieder zum Erlebnis zu machen! Für jüdische Jugend in einer landwirtschaftlichen Gemeinschaftssiedlung wird der Sabbath zu einem Erlebnis besonderer Art. Selbstverständlich muß auch hier die notwendige Arbeit verrichtet, das Vieh besorgt werden, aber am Freitag Abend herrscht dort die .Stimmung, die unsere Altvorderen erfüll*, hat. Das jüdische Mädchen dieses neuen Typus wird auch gänzlich anders wie das der vorigen Generation. Die Entartungserscheinungen, die das Großstadtleben naturgemäß häufig mit sich brachte, verschwinden, und so manche Studentin stopft heute den Kameraden die Strümpfe und besorgt das einfache Hauswesen. Auf der jüdischen Frau steht die jüdische Zukunft, und im Umgang mit diesen jungen Frauen erkennt man, daß sie auch das Problem überwinden werden, das uns heute besonders am Herzen liegt: den Volkstod des Judentums durch Geburtenrückgang. Denn die Frau, die ihren Sinn wieder auf das Wesentliche richtet, und für die der Vergnügungs- und Modebetrieb eine überwundene Angelegenheit darstellt, für diese Frau ist es auch eine Selbstverständlichkeit, einmal wieder Kinder zu haben. Für sie bedeutet das Kind keine Störimg

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