Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 5 (1.3.1934)
- Date
- 1934-03-01
- Page
- Seite 89 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 5 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 89 sni generis ist, die nicht über den allgemeinen Leisten des Nationalitätenprinzips geschlagen werden kann. Aber weil er die tiefen psychologischen und metaphysischen Zusammenhänge nicht erfaßt, spricht er von dem Verhältnis von Deutschen und Juden wie von einer Beziehung zu Nationen, die sich über Staatsgrenzen hinweg verständigen wollen und er versteht nicht, wie man in diesem Sinn „von einem Volk zum anderen" übergehen kann. Wenn er tiefer gegraben hätte, wäre er zur Erkenntnis gekommen, daß das jüdische Volk eine Gemeinschaft ist, die in den neueren Nationen als ein Bestandteil von ihnen selbst sein eigenes Leben führt und das mit den üblichen soziologischen Kategorien nicht erfaßt werden kann. Die Juden sind das „wandelnde Geheimnis", als das sie schon Heine bezeichnet hat, das Paradoxon der Weltgeschichte. Ernst Ringer hat im Novemberheft des „Hochland", der führenden katholischen Zeitschrift, hierüber in einer sehr feinen und eindringlichen Weise geschrieben. Gzermak verlangt auf der einen Seite von den Juden restlose Anerkennung des deutschen Staates, während er auf der anderen Seite meint, daß die Juden, weil sie „ihre richtige Heimat doch in Palästina haben", der vollen Hingabe an den Staat nicht fähig sind. Der Begriff der Heimat wird dabei mit den geistigen Ursprüngen des jüdischen Daseins verwechselt, während Ringer, der nicht als Politiker, sondern als Katholik an die Dinge herangetreten ist, in der Wechselwirkung zwischen Palästina und Diaspora das Grundgesetz des jüdischen Daseins richtig erkannt hat. (Gleichviel bleiben die nebeneinanderstehenden Arbeiten von, Gzermak und Karbach als Zeitsymptom beachtenswert. Sie zeigen an, daß die Epoche vorüber ist, in der man den Juden als Menschen und Bürger „wie alle anderen" ansehen konnte. Die Judenfrage ist als ein Problem der Gruppensoziologie erkannt worden. Aber wo ist die „Lösung", die Gzermak und Karbach uns zu bieten haben? Ihre Aufsätze muten so an, wie die Vorredezu einer Abhandlung, die „Die.Ordnung in der Judenfrage" zum Inhalt haben soll. Einige Prolegomena sind gegeben: die Eingliederung der Juden als einer besonderen Gruppe muß in den Wohnländern erfolgen, Wanderungen sind in ihrer zahlenmäßigen Ausdehnung wie in ihrer Bedeutung begrenzt; die grundsätzliche Übereinstimmung zwischen Mehrheitsvolk und jüdischer Minderheit ist Voraussetzung jeder Bereinigung in der Judenfrage; die jüdische Frage ist MÜNCHEN \ BRIENNERSTRASSE52 KOSTÜME . KLEI DER . MAWTEIj . PELZE unter dem Gesichtspunkt des Minoritätenrechts nicht zu lösen, weil die Juden eine Minderheit eigener Art darstellen, die beispielsweise sprachlich in Deutschland göllig eingedeutscht ist und so mit der Hauptfrage des üblichen Minderheitenschutzes nichts zu tun hat. Aber nun beginnen die Schwierigkeiten! Können die deutschen Juden auf Gleichberechtigung verzichten? Oder wird der Inhalt dessen, was man unter Gleichberechtigung zu verstehen hat, sich ändern? Kann sich Gleichberechtigung in Gleichstellung verwandeln in dem Sinn, in dem im Mittelalter verschiedene Stände ihr eigenes gleichgewertetes, wenn auch untereinander äußerst verschiedenes Recht besaßen? Kann man über die vielfach schon eingeleitete Trennung des Schulunterrichts hinaus eine Trennung der „Kulturen" in Wirklichkeit einleiten. Auch die jüdische Schule in Deutschland ist eine deutsche Schule. Daß es auf dem Boden der Wirtschaft für ein großes modernes Volk nur gleiches Recht für Alle geben kann, daß im ökonomischen Leben kein Sektor aus dem Gesamtorganismus ohne tötliche Gefahr für das Ganze herauszuschneiden ist, ist im nationalsozialistischen Staat durch eine Fülle von Verlautbarungen maßgebender Persönlichkeiten und Behörden anerkannt worden. Wir wollen mit solchen zweifelnden und mahnenden Fragestellungen den Weg nicht schlecht machen, den die. beiden österreichischen Schriftsteller weisen wollen. Wir sind überzeugt davon, daß in einem Augenblick hoher Gefahr zu den „Müttern" gegangen werden muß, zu den Urgründen des Seins, die lange verschüttet waren. Gutes wie Böses zu gleicher Zeit wird aus diesen Urgründen heraufgewühlt, das ist sicher. Wir können uns deshalb der billigen Mahnung nicht anschließen, als ob allein durch ein solches Zurückbesinnen und Zurückgehen die Gefährlichkeit des menschlichen Lebens gebannt werden kann. Gefährlich und gefährdet — fragwürdig bleiben alle Dinge dieser Welt bis ans Ende der Tage. Die jüdische Jugend in dieser Zeit Von Studienrat a. D. Dr. Willy Cohn (Breslau) Es ist immer Sache der älteren Menschen gewesen, in die Vergangenheit zurückzuschauen, und wenn man in ein gewisses Alter getreten ist, so wächst die Neigung, nur in der Vergangenheit das Gute zu sehen. Doch wäre die Menschheit in sich längst erledigt, wenn nicht immer wieder frische Jugend in tatfroher Hoffnung auf die Zukunft den Kampf mit dem Leben aufs neue aufnehmen möchte. Wer in den letzten Monaten Gelegenheit hatte, mit jüdischen Menschen Deutschlands in den verschiedensten Lebensaltern Fühlung zu nehmen, der konnte im allgemeinen diese grundsätzlich verschiedene Haltung der Lebensalter feststellen. Deswegen mutet es ja eben oft außerordentlich schwer und bedrückend an, wenn man erkennen muß, daß ein Älterer gezwungen ist. in seinem beruflichen Dasein eine grundlegende Ände-