Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 5 (1.3.1934)
- Date
- 1934-03-01
- Page
- Seite 88 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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88 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 5 erreicht werden sollen, nur erreicht werden können, wenn sie auf die Erfordernisse des nationalen Reichs der Deutschen eingestellt sind. Wir vertreten die Meinung, daß diese Erfordernisse mit dem, was unserem jüdischen Leben Bedürfnis ist, nicht in Widerspruch stehen. Wir denken dabei an die Fabel vom Haupt und den Gliedern, die alle aufeinander angewiesen sind, mit welcher in Hen Rom Menenius Agrippa die secessio plebis in tem sacrum zum Dienst an der Allgemeinheit zu .zuführen versucht hat. Die der .en Juden sollten auch gegenüber einer ehrlichen .b^mühung, wie derjenigen von Czermak, nicht in allzu große Bescheidenheit verfallen, die über einer freundlichen Geste viel Oberflächlichkeit, ja manche feindliche Gleichgültigkeit übersieht. Czermak •hat sich gewiß über den Horizont kleiner christlichsozialer Parteifunktionäre erhoben, aber zu einer klaren Erkenntnis der jüdischen Existenz ist er deswegen noch lange nicht vorgedrungen. Das von ihm entworfene Bild ist voll von Widersprüchen So gibt er einmal das Rassenpri.nzip als jüdische Angelegenheit an, während er bald darauf das Vorwalten des religiösen Gedankens im Judentum anerkennt. Der vor wenigen Monaten in Marienbad ums Leben gekommene Theodor Lessing wird, um eine fragwürdige Redensart von ihm über den Anspruch der deutschen Juden auf geistige Führerschaft als Philisterschreck verwenden zu können, zu einem „maßgebenden Mann" des deutschen Judentums gemacht, der er niemals gewesen ist. Die scheinheiligen Phrasen von Hilaire Belloc bezeichnet er als „wohlwollende" Beurteilung des Judentums, den jüdischnationalen Schriftsteller Klatzkin hält er für „unverdächtig". Unverdächtig — für wen? Doch wohl nur für den, der seinen Satz „eine unüberbrückbare Kluft gähnt zwischen uns und euch" als eine angenehme Bestätigung seiner vorgefaßten Meinung auswerten will. Die Empfindungswelt des deutschen Juden ist Czermak fremd. Er hätte sonst nicht schreiben können, daß die Juden des deutschen Sprachbereichs ihr Deutschtum „mimen"! Er hätte nicht das Bekenntnis zu Heimat und Vaterland, das für jeden gesund gewachsenen Menschen eine Selbstverständlichkeit sein muß, dadurch herabgewürdigt, daß er das „Vaterland" in diesem Zusammenhang in beleidigende Anführungszeichen setzte! Man muß ihm freilich zugute halten, daß das Wiener Judenproblem in mehr als einer Beziehung von dem im deutschen Reich gestellten sich unterscheidet. In Wien leben unter knapp 2 Millionen Einwohnern über 200 000 Juden, die vielen Mischlinge uneingerechnet und unter diesen Juden befinden sich prominente Vertreter der führenden Berufe ebenso wie ein elendes Proletariat. Ein sehr großer Teil der Wiener Juden sind nichtdeutscher Herkunft; viele von ihnen, wenn auch bei weitem nicht die Mehrzahl, sind während des Krieges und nach dem Krieg als Flüchtlinge aus den östlichen Kronländern der ehemaligen Monarchie nach Wien gekommen. Es versteht sich von selbst, daß demgegenüber das eingesessene österreichische Judentum einen schweren Stand haben muß, wenngleich es sich durch Männer wie Stefan Zweig, Werfel, Schnitzler, Hofmannsthal unverwelklich in den Kranz deutscher Kunst hineingewoben hat.1 Czermak ist ein Freund des jüdischen Nationalismus, hält aber die Auseinandersetzungen darüber, „ob die Juden als Volk, als Nation oder als Stamm zu bezeichnen seien", zur praktischen Behandlung und Lösung der Judenfrage nicht für wichtig. Daß die Juden eine „deutlich erkennbare Gruppe" sind ist ihm ebenso wie Felix Weltsch, den er mit diesen Worten zitiert, einleuchtend. Weshalb freilich eine besondere Gruppe zugleich und immer eine „fremde Gruppe" sein muß, weshalb nicht auch sie in die Lebensbedingungen des Heimatlandes eingewurzelt sein kann, davon spricht er nicht. Wie wenig er mit einer solchen leichten Ablehnung schwieriger Grundfragen zu ernsthafter Erkenntnis vordringen kann, zeigt sich, wenn man in seiner Abhandlung einige Seiten weiterblättert. Er bekennt sich, wenn auch unausgesprochen, zu der These, die bei den Minderheitendebatten in Genf der deutsche Gesandte von Keller vertreten hat, daß nämlich eine bloße „Zuerkennung der für die Minderheiten vorgesehenen Rechte für die Juden" eine Lösung nicht bedeuten kann. Er verlangt „zur Sicherung einer dauerhaften, gefahrlosen und wirklich staatsbürgerlichen Einordnung der jüdischen Mitbürger ein besonderes Minderheitenrecht, das der spezifischen Situation der Juden gerecht wird und das insbesondere die wirtschaftliche und soziale Eingliederung der Juden in das Gesamtvolk so regelt, daß auf beiden Seiten möglichst wenig Anlaß und Gelegenheit zu Haßkonflikten übrig bleibt". Er ahnt etwas davon, daß die Judenfrage eine Frage 1 Vgl. dazu das neue Buch von Tietze, Die Juden Wiens, darüber Bayer. Isr. Gemeinde-Zeitung vom 1. Januar 1934,'S. 9. kücHENmöBBL MARTIN PACSON in bester Qualität MÜNCHEN NEUHAUSER STRASSE 9 ALLE ARTIKEL Telefon 91720 und 93489 für Küche und Haushalt ö . „ . . ' Spezialhaus für vollständige Aussteuern Porzellans er vice und Gebrauchsgeschirre Bleikristall Glaswaren jeder Art REICHE AUSWAHL AN PREISWERTEN GESCHENKEN