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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1934-03-01 · 5 (1.3.1934) · p. Seite 87

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
10 (1934)
Issue
5 (1.3.1934)
Date
1934-03-01
Page
Seite 87 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 5 Bayerische Israelitische Gemeindezeituiiff 87 Umwelt im gesamten deutschen Sprachgebiet. Er geht ebenso wie Karbach von einer völlig negativen Zergliederung der Tendenzen des Assimilationszeitalters aus und gelangt zu dem Ergebnis, daß ein aus der nationalen Gemeinschaft des „Wirtsvolks" ausgegliedertes und auf sich selbst angewiesenes Judentum mit dem deutschen Volk eine beiden Teilen genügende Form des Lebens finden könnte. Bei der Betrachtung derjenigen Lösung der Judenfrage, die für das 19. Jahrhundert bezeichnend war, mischen sich freilich richtige Beobachtungen mit falschen Erkenntnissen. Czermak spricht davon, daß die hemmungslose Assimilation der Juden und ihre Angleichimg an die Tendenzen des neueren europäischen Rationalismus zersetzend auf die eigenen jüdischen Lebensformen eingewirkt habe. Deshalb müsse es auch für die Juden ein Glück bedeuten, daß wir jenem Zeitalter entronnen sind. Es ist richtig: deutsche Aufklärung und französische Revolution haben die Gleichstellung der Juden mit allen anderen Bürgern auch im staatlichen Bereich zur Folge gehabt. Es ist deshalb verständlich, wenn die Juden von einem Gefühl der Dankbarkeit den Männern und Ideen gegenüber erfüllt blieben, die das Befreiungswerk vollbracht hatten. Es ist nicht minder richtig, wenn man feststellt, daß die Juden den immer weiter bis zu offenbaren Entartungserscheinungen fortschreitenden Prozeß der Individualisierung, der in den letzten Jahrzehnten zu beobachten war, zwar nicht hervorgerufen haben, daß sie aber vielfach daran beteiligt gewesen sind. Gleichwohl übertreibt Czermak gewaltig, wenn er von der Annahme ausgeht, daß ohne die Freilassung der Juden jene Entwicklung, die längst vor der Judenemanzipation eingesetzt hatte, weniger radikale Wege gegangen wäre. In einem schwachen Augenblick gibt er selbst zu, daß es nur „einzelne" jüdische Wortführer waren, die sich von allen überkommenen Bindungen losgelöst hatten. Für die Masse, wie für die eigentlichen Repräsentanten der gutbürgerlichen Judenschaft der vergangenen Jahrzehnte gilt sein Urteil nicht. Dankenswert bleibt es, daß er die alte Fragestellung der deutschjüdischen Existenz neu ins Licht gerückt hat, die schon von den deutschen Romantikern als den Gegnern der damaligen liberalen Judenemanzipation vor mehr als 100 Jahren vertreten worden ist. Politische Gleichstellung unter Gefährdung der religiöskulturellen und soziologischen Eigenart boten die Liberalen, Bewahrung eigenartigen Lebens unter Zurückwerfung in Formen öffentlicher Zurücksetzung war die Forderung der romantischen Schule und derjenigen neueren Politiker, die von ihr abstammen. Karbach Zum Frühjahr ist dieWahl nicht schwer Kauf Deine Kleidung von „RR" Rosenfelder Das Fachgeschäft für gute Bekleidung. Gegr. 1878 Bayerstr.5 bemerkt daher mit Recht, daß die Juden der nationalen Dissimilation, diö auf dem Berner Minderheitenkongreß vom vergangenen Jahre vorgeschlagen wurde, deshalb mit so vielen berechtigten Zweifeln gegenüberstehen, weil sie die Erfahrung gemacht haben, daß ihr Heraufziehen bisher stets mit der Vernichtung wesentlicher staatsbürgerlicher Rechte verbunden war. Czermak dagegen glaubt, den Juden die bange Wahl damit erleichtert zu haben, daß er ihnen den Schutz ihrer „billigen Existenz" ohne jede Sicherung und ohne Klarlegung dessen, was darunter zu verstehen sei, in höchst unsichere Aussicht stellt. Karbach muß zugestimmt werden, wenn er bei Betrachtung der Strömungen, die das heutige Deutschland beherrschen, immer von der selbstverständlichen Anerkennung der Tatsachen ausgeht und dabei feststellt, daß Reformgedanken und Formulierungen eines kompromißlosen Kampfantisemitismus nebeneinander stehen. Als Vertreter der Richtung, welche die Judenfrage durch Aufstellung von Normen lösen will, die dem neuen Staatsgedanken gemäß sind, und die in einem neuen Judengesetz gipfeln, sieht er den Rektor der Frankfurter Universität, K r i e c k , an, während auf der anderen Seite der Schriftsteller Achim Gerke und der Politiker Leers stehen. Gerke gibt einer nach Karbachs Meinung weitverbreiteten Anschauung einen knapp formulierten Ausdruck, wenn er im Hinblick auf die deutschen Juden sagt: „Staatlich geregelt werden kann und darf nur der planmäßige Ausmarsch.'' Jedes Judengesetz, jede Anerkennung einer jüdischen Organisation und sei deren Rechtsstellung noch so sehr von der Rechtsstellung der arischen Deutschen abgehoben, bedeute schon eine Anerkennung jüdischen Daseins im Umkreis des deutschen Staats- und Volkslebens. Reichsminister F r i c k allerdings hat in einer neuerlich vor dem diplomatischen Korps und der auswärtigen Presse gehaltenen Rede die zwangsweise Aussiedlung als Lösung der deutschen Judenfrage ausdrücklich abgelehnt. Im Zusammenhang mit den Überlegungen von Gerke und Leers ist dagegen der Vorschlag entstanden, die Juden zur Auswanderung zu bewegen, sie als eine Nation zusammenzufassen und ihnen bei der territorialen Unzulänglichkeit von Palästina die im Indischen Ozean gelegene große Insel Madagaskar zuzuweisen. Czermak wie Karbach treffen sich in diesem Punkt der Erörterungen in der Erkenntnis, daß Palästina quantitativ gesehen nur eine Teillösung bedeuten kann und daß eine tropische Kolonie für Massensiedlung europäischer Großstadtmenschen völlig ungeeignet ist. Daraus folgt für beide Verfasser, daß die in der Staatsraison liegenden Grenzen des kompromißlosen Kampfantisemitismus allmählich deutlich werden und daß die Aufgabe gestellt ist, die Eingliederung der Juden in ihren Wohnländern in Angriff zu nehmen. Daß eine solche Eingliederung nur möglich ist, wenn man versucht, über den dabei zu beschreibenden Weg eine Übereinstimmung zwischen Staatsvolk und Juden herzustellen, ist eine ergänzende Bemerkung, die von Karbach gemacht wird und auf die der reichsdeutsche Jude besonderen Nachdruck legen muß; denn es ist selbstverständlich, daß die Ziele, die-.

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