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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1934-03-01 · 5 (1.3.1934) · p. Seite 86

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
10 (1934)
Issue
5 (1.3.1934)
Date
1934-03-01
Page
Seite 86 (sequence 6)
Language
German
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86 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr/5 Reiche Auswahl in Weißwaren aller Art Trotz guter Qualitäten massige Preise! Braune Rabattmarken Dies alles spielte sich in den ersten 14 Tagen ab, in denen ich mir recht hilflos vorkam. Mit der ganzen von zu Hause mitgebrachten Sicherheit, mit allen Kenntnissen und allen gewohnten Gebräuchen wußte ich zunächst nichts anzufangen, aus Angst, irgendwo Anstoß zu erregen. Das einzige, was ich positiv verwerten konnte, war mein Einfühlungsvermögen und ein gewisses Fingerspitzengefühl. Ich lernte die Taktfrage als eine der schwierigsten erkennen, denn man kann mit dem. was bei uns nicht taktlos erscheint, hier leicht Anstoß erregen. Ich hatte mir, kühl berechnend, um mir die Umgewöhnung zu erleichtern, vorgenommen, nicht zurück zu denken, keine Vergleiche anzustellen mit dem, was ich gewohnt war und verlassen hatte, und mich vorbehaltlos zunächst dem hinzugeben, was neu und anders sein würde. Als ich einmal, ganz gesprächsweise, äußerte: „bei uns ist das so...", bemerkte ich sofort, wie recht ich mit meinem Vorsatz hatte. Man soll erst dann Vergleiche äußern, wenn man in den Kreis, in den man sich begeben hat, bereits hineingewachsen ist oder wenn man gefragt wird. Oder aber, wenn man mit Sicherheit weiß, daß man nicht durch Fehler in der fremden Sprache Mißverständnisse hervorruft. In jedem anderen Fall schadet man sich und allen mehr, als man ahnt. Wer von uns, ob wir nun umschichten wollten oder mußten, spürte nicht die Härte dieser Forderung. Wer nicht das Heimweh und die Sehnsucht nach der deutschen Sprache, die uns selbst die graziöseste, klangvollste, spritzigste der romanischen Sprachen nicht ersetzen kann. Darin beruht wohl auch das einzige, uns allen gemeinsame Umschichterlebnis: im Heimweh. Weil ich von diesen leicht sentimentalen Gefühlen nicht frei bin, freue ich mich, die Heimat loben zu hören, was nicht selten geschieht. Ich fühle mich für die Erhaltung des lobenden Rufes gerade deshalb verantwortlich, weil ich hier nicht als die Jüdin, sondern als die Deutsche gelte. — Für die Problematik und Verwirrung, in die ich mich gestoßen fühle, finde ich in meiner Tätigkeit einen Ausgleich: das Kind. Um dieses kleine Mädchen habe ich werben müssen, wie ein Liebhaber um eine launenhafte Frau. Nur war meine Werbung noch dramatischer. Nicht allein, daß in dem Kleinmädchcncharakter schon recht „frauliche" Kaprizen spuken, hier spielte das Hindernis der fremden Sprache noch mit. Das Kind merkte ganz genau, daß jemand anders sprach, als es zu hören gewohnt war. Die Geschichten mußten ihm plötzlich falsch vorkommen (weil sie in ungeschickten Worten erzählt waren) und, wenn es nicht nervös wurde, konnten ihm meine ernsthaftesten Vorstellungen manchmal die gelassenen Worte entlocken: „Du sprichtst aber nicht, wie man spricht!" Da stand ich dann entwaffnet vor diesem kleinen Ungeheuer, das mich, unbestechlich und egoistisch, mit seiner dreijährigen Weisheit peinigte; das mir verzogen, verhätschelt und verwöhnt vorkam und das mich in der ersten Zeit oft fast verzweifeln ließ. Ich hatte damals noch nicht erkannt, daß ich mit meiner ganzen Umstellung beim Kind anfangen mußte. Ich war noch nicht auf die Idee gekommen, daß sich Mentalität und Charakter des anderen Volkes auch in dem Kinde spiegeln mußten. Darum konnte ich mit meiner Sprache nichts ausrichten. Ich mußte also die Eltern beobachten — und verstand das Kind. Ich horchte auf die Sprache der Mutter — und stellte mich so langsam auf das Wesentliche ein. Das Wesentliche ist, daß das Kind hier eine weit wichtigere Rolle in der Familie spielt als bei uns. Nach ihm kommt lange nichts. Alle Sorge und alle Mittel werden auf das Wohl und auf die Eigenart seiner kleinen Persönlichkeit verwandt, und ich konnte erleben, daß es deshalb doch lange nicht immer verzogen wird, es wird nur anders erzogen. Inzwischen ist mein kleiner Schützling mein guter Kamerad geworden, „meine Freundin", wie er selbst zu sagen peflgt. Glücklicherweise habe ich mich nicht in das übliche Gouvernanten-Fahrwasser treiben lassen — die Gefahr dazu liegt näher, als ich glaubte. Ich bin dem Kinde wirklich eine Freundin geworden, die es entbehrt, wenn ich einen kurzen Nachmittag in der Woche ohne es verbringe. Dann empfängt es mich etwa mit den Worten: „Warum hast Du mich verlassen?" Und wenn ich versichert habe, daß ich dies nie tun würde, beendet es die Unterhaltung etwa mit dem Geständnis, „ich hatte Angst, Du würdest nicht wiederkommen!" Oder wenn mich die Kleine traurig sieht und als Grund eine schlechte Nachricht erfährt, fragt sie treuherzig, „warum willst Du denn immer nur gute Nachrichten?" Da lasse ich mich gerne lachend trösten und bewundere den Philosophen im Kinde. Ähnliche Dinge ereignen sich fast täglich und das ist mir Ausgleich für alle Umschichtungssorgen und alle durchwachten Nächte, für alle Kinderstubenszenen und alle Verantwortung, für die Aufgabe meiner persönlichen Ungebundenheit. Es ist eine wahre Herzensfreude, nachhaltender als das Erleben des schönen Teiles der Welt, in den ich „verschlagen" bin. Hier ist mir ein Blick vergönnt aus der wüsten Umwelt in die Oase einer Kinderseele, in der die Anlagen zu allen Verirrungen noch verhangen sind durch den Schleier der Unwissenheit. F—l S—1. „Ordnung in der Judenfrage" Eine Buchbesprechung von Dr. Werner Gahnmann Vom Reinhold Verlag Wien-Leizpig werden in einer gemeinsamen Broschüre zwei Abhandlungen unter dem Sammeltitel „Ordnung in der Judenfrage" der Öffentlichkeit vorgelegt. Die eine heißt „Verständigung mit dem Judentum?" und hat zum Verfasser den ehemaligen österreichischen Bundesminister und christlichsozialen Parteiführer Emmerich Czerm a k, die andere führt den Titel „Wende der staatlichen Judenpolitik" und stammt von dem nationaljüdischen Schriftsteller Oskar Karbach. Die beiden Abhandlungen sind ohne gegenseitige Fühlungnahme der Verfasser entstanden. Um so bemerkenswerter ist es, daß sie in der Grundhaltung übereinstimmen. Wenn man bedenkt, daß Czermak als Politiker zu; den Nachfahren von Karl Lueger gehört, der den neueren österreichischen Antisemitismus katholischer Richtung begründet hat, sind seine Ausführungen ein bemerkenswertes Zeichen der durch den Sieg des Nationalsozialismus im Reich geförderten ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Problem von Judentum und

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