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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1934-03-01 · 5 (1.3.1934) · p. Seite 82

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
10 (1934)
Issue
5 (1.3.1934)
Date
1934-03-01
Page
Seite 82 (sequence 2)
Language
German
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82 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung größte christliche Lehrer der alexandrinischen Schule (um 200 nach Chr.), der Schöpfer des ersten ausgeführten theologischen Systems der Kirche (am besten über ihn Karl Müller, Kirchengeschichte 2. Aufl. h 274—291), hat dem hebräischen und griechischen Text der Bibel das denkbar ernsteste und imponierendste Studium gewidmet. In seinem berühmten Riesenwerk, der „Hexapla", hat er (um 230 nach Chr.) in Palästina in sechs Parallelkolumnen (daher „Hexapla" das Sechsfache) den Urtext des Alten Testaments in hebräischer Schrift, in der zweiten (berühmtesten) Kolumne sodann in hebräischer Sprache, aber in griechischer Umschrift (wie wir etwa deutsche statt hebräischer Lettern rein nach dem Lautstand unserer Gegend und unserer Zeit gebrauchen) und sodann in vier weiteren Kolumnen die vier damals wichtigsten griechischen Übersetzungen zusammengestellt. Größere Bruchstücke der zweiten Kolumne, also des alten hebräischen Textes samt Aussprache, besitzen wir in den Fragmenten, die Monsignore Giovanni Mercati vor gut 40 Jahren in der Ambrosiana in Mailand entdeckt hat und die in griechischer Urschrift, in der Wutzschen Psalmenausgabe von 1925 (München, Kösel & Pustet) zum erstenmal beigedruckt ist. Der Mercatische Bericht über seine Entdeckung ist enthalten in den „Atti della Academia reale delle scienze di Torino", vol. XXXI, 1895/96, p. 655—76, unter dem Titel „Un palimpsesto Ambrosiano dei salmi exaplari". Nähere Untersuchungen haben ergeben, daß diese Hexapla-Transskription des Hebräischen, die hauptsächlich größere Partien aus den Psalmen enthalten, viel klarer und folgerichtiger als die Septuaginta-Umschriften (der Eigennamen usw.) ist. Trotz der Unzulänglichkeit des griechischen Alphabeths für die Wiedergabe des hebräischen Lautbestands wird uns u. a. in der zweiten Kolumne eine ausschlaggebende Entscheidung für die Quantitätsunterschiede der hebräischen Vokale geboten, während die tiberensische Tradition der Quantität später keine Beachtung mehr schenkte. Auch hierüber" hat uns unser verewigter Lehrer Gottheit Bergsträsser belehrt: Für eine künftige hebräische Grammatik ist die Origineische Transskription zu benützen, weil sie lautgesetzlich und lautgeschichtlich richtiger ist als die tiberiensische Überlieferung. Wir verweisen zur näheren Beschäftigung mit diesen Fragen auch auf die Forschungen des Schülers von Bergsträsser, des Münchener Privatdozenten Otto Pretzl (vor allem: Septuagintaprobleme im Buch der Richter; Biblica VII. 1926 und: Die griechischen Handschriftengruppen im Buche Josue; Biblica IX, 1929). Mehr als einen ersten Begriff von der Bedeutung einer alten griechischen Handschrift für das Verständnis des biblischen Originaltextes wollten wir hier nicht geben. Die Bedeutung des bisher in Leningrad aufbewahrten Codex Sinaiticus aus dem 4. Jahrhundert, seine Textgestalt und die Rolle, die er unter den Handschriftengruppen spielt, ferner sorgfältige Photos jedes Blattes sind seit langem jedem Studierenden der Altphilologie und Theologie wohl vertraut. Bei dem Verkauf der Sinaibibel nach London hat sich eine Flut von mehr oder minder sensationell aufgemachten Zeitungsartikeln über die Schicksale der Handschrift, die jedermann seit vielen Jahren in einer naturgetreuen Faksimileausgabe zugänglich gewesen wäre und die oft und gründlich beschrieben ist, über uns ergossen. Wir geben dem intimsten Fachkenner der hellenistischen Paläographie, Herrn Professor Dr. D. Adolf Deißmann, Berlin, der auch international als der bedeutendste Sachverständige gilt, über das Schicksal des Codex das Wort (vgl. Deutsche Allg. Ztg. vom 4. Januar 1934): IL Die Odysee einer Bibelhandschrift: Das Schicksal des Codex Sinaiticus Vor mir liegt ein Bildbericht aus dem Britischen Museum: die Aushändigung der aus Petersburg auf dem Luftweg über Berlin nach London gebrachten Sinai-Bibel durch den als Vermittler des Ankaufs tätig gewesenen Mr. Maggs an den Direktor und Ersten Bibliothekar des Britischen Museums Sir George Hill. Mit beiden Händen hat der oberste Hüter des Museums von den kostbaren Pergamenten Besitz ergriffen; bei ihm stehen, die stolze Freude eines großen Tages auf ihrem Antlitz, zwei britische Sachverständige höchsten Ranges für antike und frühchristliche Handschriftenkunde: Sir Frederick Kenyon, Sir Georges berühmter Vorgänger, und der Vorsteher der Handschriften-Abteilung, der bekannte Papyrologe Mr. H. Idris Bell. Für Kenyon, der Jahrzehnte seines langen Forscherlebens den ältesten Bibelhandschriften gewidmet hatte, waren die letzten Jahre auch sonst eine Reihe von unerhörten Überraschungen: gerade jetzt hatte er neuentdeckte ägyptische Papyri, die für das Neue Testament bis ins 3. Jahrhundert nach Christus zurückreichen und als die ältesten bis jetzt überhaupt bekannten Textzeugen anzusehen sind, veröffentlichen dürfen, die Chester Beatty Biblical Papyri. Nun hat er, nach dieser Krönung seines Lebenswerkes, eine der ältesten und wertvollsten Pergamenthandschriften der ganzen griechischen Bibel in der großen, so lange seiner Obhut anvertraut gewesenen nationalen Schatzkammer der Wissenschaften willkommen heißen dürfen! Das Britische Museum besaß bereits seit 1753 einen dem Sinaiticus gleichwertigen, wenn auch etwas jüngeren Bibel- Codex, den Alexandrinus. Er war schon im Jahre 1628 als Geschenk des Patriarchen von Konstantinopel, Kyrillos Lukaris, der den Titel „ökumenisch" nicht nur als äußerliches Ornament trug, sondern auch nach seiner Gesinnung verdiente, an König Karl I. von England gekommen. Durch die Erwerbung des Sinaiticus hat das Britische Museum nunmehr eine geradezu einzigartige Bedeutung für die Bibelwissenschaft erhalten. Wer England kennt, hat keinen Zweifel, daß die aus privaten Quellen erbetene Hälfte der Kaufsumme, 50 000 Pfund Sterling (die andere Hälfte hat die Regierung übernommen), bald zustandekommt. Der soeben bekannt gewordene Protest des unionistischen Abgeordneten Mr. Boothby gegen die Bereitstellung der anderen Hälfte durch die Regierung wird schwerlich irgendwelchen Erfolg haben. Vielmehr wird sich in kleinen und großen Beiträgen (wie der sofort gemeldeten Tausend- Pfund-Spende des Lord Wakefield) die alte britische Verehrung der Bibel und Achtung vor der Wissenschaft und ihren Pflegestätten gewiß wieder einmal tatkräftig offenbaren. Der durch Detektive scharf behütete Einzug des Sinaiticus in das Britische Museum bedeutet wohl das Schlußkapitel einer wundervollen Odyssee. Im 4. Jahrhundert, bald nach dem Siege des Christentums über den heidnischen Staat, im Osten vierspaltig auf feinstes Antilopenpergament geschrieben, gilt der Codex bei vielen Forschern als eine der 50 kostbaren von dem Kaiser Konstantin für die Kirchen Konstantinopels in Auftrag gegebenen Bibeln. Seine ferneren Schicksale sind unbekannt. Vielleicht führten sie ihn zunächst nach Palästina, in die berühmte Bibliothek zu Caesarea, bis er dann für lange Jahrhunderte ein völlig verborgenes Asyl auf dem Berge Sinai fand, in dem in frühbyzantinischer Zeit gegründeten Kloster der Heiligen Katharina. Dort bewahrten ihn im Frühling 1844 der ScharfbÜ.k und das Finderglück eines deutschen Bibelforschers vnr drohender Vernichtung. Der Leipziger Privatdozent Lobegott Friedrich Konstantin Tischendorf weilte damals auf seiner ersten orientalischen Handschriftenreise auf dem Sinai und bemerkte in einem bereits zum Verbrennen weggestellten Korb unter einer Fülle von anderen Handschriftenfragmenten viele Blätter eines sehr alten Codex der griechischen Septuaginta-Bibel Alten Testaments. Tischendorf besaß schon damals eine Gabe, die nicht allen Privatdozenten zuteil geworden ist: sich schöne Dinge schenken zu lassen. Sie hat ihn auch später nicht verlassen. Als ich vor einigen Jahren die Serai-Bibliothek in Istanbul durchforschte, konnte ich feststellen, daß ein Widmungsbrief des Historikers Kritobulos an Sultan Mehmed II., der bei einem Besuche Tischendorfs in Begleitung des russischen Gesandten Fürsten Alexander Lobanow im Serai daselbst noch lag, einige Tage später dem Leipziger Gelehrten von dem russischen Diplomaten geschenkt worden ist, nachdem dieser den Brief offenbar auch seinerseits zuvor als Geschenk, erhalten hatte. So schenkten damals die sinatischen Mönche ihrem Gastfreund 43 jener Pergamentblätter; 86 andere, die er dann noch bemerkte, rückten sie aber nicht heraus. Diese 43 Blätter wanderten auf dem Rücken eines Kamels nach Ägypten; von da zu Schiff nach Europa und wurden von ihrem nunmehrigen Besitzer der Leipziger Universitätsbibliothek übergeben (wo sie sich noch heute befinden) und veröffentlicht.

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