Mannheim
Compact Memory

Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1934-02-15 · 4 (15.2.1934) · p. Seite 66

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
10 (1934)
Issue
4 (15.2.1934)
Date
1934-02-15
Page
Seite 66 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2727810-2728000-2728004--09360-2742628
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

66 ■' / Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Adolf Stark fter moderne &errenf$ttetöer Saijerffrafje 5, II.©fo<f, im 27iafl)äferbräu, Set. 55024 düng tragen, werden alles verlieren, und die Proletarier kaum Sachtbares gewinnen." (S.:10.) Und immer noch — fährt Stehr fort — züchte man Kollektivd. h. Massengeist und müsse doch wissen, wer die Masse zum Richter mache, wer von ihr Rat und Besinnung verlange, habe kein Wissen, keine Ehrfurcht und Liebe zu den Menschen. Nie vergißt es Stehr, der einmal den „heiligen Spinoza" 'S. 25) als Kronzeugen anruft, zu erwähnen, wenn er „Gedankengut Walter Rathenaus" (S. 21) ausspricht, und formuliert die Synthese vom äußeren und inneren Leben so (S. 29 sqq): ..Auf dem Wege nach dem Leitstern des menschlichen Daseins ... erreichen wir wieder, was uns so sehr nottut, die Erlösung aus dem Gesellschaftschaos zu einer Ordnung der Müdigkeit, das Aufhören des dummen, aber so verderblichen Klassen- und Ständekampfes und das Versiegen des Rassenlärms ... Nach Überwindung des Feudalismus der Landmagnaten wird, auf diesem Wege ausgedauert, das Volk keinem anderen Feudalismus mehr verfallen, weder dem Feudalismus des Großkapitals, noch dem der Großindustrie, noch der Ochlokratie, der Herrschart der Arbeiter. Auf diesem Wege der Seele wird der neue Staat der Demokratie, der Selbstverantwortung jedes einzelnen, geschaffen... So wird die Not, die uns drückt, nicht von heut auf morgen schwinden, ia sie kann noch größer werden und bis zu einem Grade anwachsen, daß wir keine andere Rettung finden als die Einkehr in uns selbst. Der Durchbruch dieser Erkenntnis ist der Beginn des Aufstiegs. Sonst endet unser Volk durch den Selbstmord der Feindschaft des Mißtrauens und Hasses, der begonnen und sich schon so tief eingefressen hat." Das Beispiel Hermann Stehrs entkräftet auch den immer wieder erhobenen Vorwurf, daß das Judentum das bodenständige, gesunde Schrifttum absichtlich niedergehalten habe. Nicht weniger als vier Schattierungen jüdischer Menschen haben für Stehr gezeugt. Der Judenstämmling Hugo von Hofmannsthal schrieb: „Hier ist das abgegriffene Wort zu gebrauchen: Ich habe, da ich Stehr las, etwas erlebt. Und noch ein Wort: Groß, groß, groß. Und noch eins- Ehrfurcht." Der Assimilationsjude Walter Rathenau schrieb: „Unser Land schuldet Stehr den Dank, die Verehrung und die Liebe derer, die sich im Geist verantwortlich fühlen." Der Nationaljude Martin Buber schrieb: „Ein echter Mystiker und ein echter Erzähler. Ich weiß keinen anderen in keiner Literatur, von dem das gälte. Er gehört in die unsterbliche Reihe." Und Arnold Zweig, Schlesier und Zionist, Internationalist und Intellektualist, schrieb: „Stehr ist die stärkste dichterische Kraft, die heute in Deutschland am Werke ist: eine erdbestellende, waldvertraute, menschenhörende, seelenbauende Dichterkraft." Lutz Weltmann. Ein Kapifel über die Begabung der Jüdin für die Schauspielkunst Von Dr. Martha Wertheimer Als im April und Mai 1933 die Zeitungen fast täglich Namen von Künstlern veröffentlichten, die als Juden von deutschen Bühnen entlassen wurden, hörte man mit Erstaunen, wie viele und wie bedeutende Schauspielerinnen zu uns gehörten. Von den Sternen erster Größe, der Bergner und der Massary, von Irene Triesch und der Orska, wußte man das allenfalls. Aber die Reihe der Begabungen ist länger, ist erstaunlich groß. Und wer den hellsten Stern von ihnen allen gesehen hat — die Rowina, der die deutsche Kritik den Beinamen der „Göttlichen" gab, wie ihn einst die Düse führte — der sucht nach den tiefen Zusammenhänge n zwischen jüdischem Wesen und jüdischer Begabung für die Kunst, Menschen darzustellen. Arnold Zweig hat in seinem Buch „Juden auf der deutschen Bühne" das Wichtigste über dieses Thema in großen Strichen gegeben. Wer über die jüdische Frau als Sonderfall etwas sagen will, kann in den großen Umriß nur hineinstricheln. Auch die jüdische Frau leistet ihre Menschendarstellung zunächst aus dem Schicksalhaften des Judeseins. Auch sie muß, wie der jüdische Mann, ihre Begabung als Verbundenheit und Gebundenheit an das begründen, was den ..Mittelmeermenschen" dazu auseiiiest: die natürliche Kraft der Gestik und Mimik, das tönende, schwingende Pathos selbst der alltäglichen Rede, die Gelöstheit des Körpers bis zur tänzerischen Ausdruckskraft, das Freisein von Hemmungen in allen Äußerungen — das heißt, daß der Schrei, das Weinen, das Jauchzen, Lachen, Schelten, Fluchen und überströmende Liebeslaute nicht von anerzogener Scham unterdrückt werden, wie in anderen Breiten. Das alles befähigt zur Schauspielkunst, aber es macht sie nicht aus. Ihr Wesen ist der Seele n - t ausch. Der Menschendarsteller leiht seinen Leib und seine Ausdruckskräfte jeden Abend einer anderen Seele, die er nicht geschaffen hat, die ihn vom Dichter aufgezwungen wird; der verliehene Leib ändert sich unter den dynamischen Gewalten, die ihn fremd erfüllen. Der Schauspieler verzichtet mit jeder Rolle auf sein eigenes Ich. Er darf nicht mehr sein, der er ist — und geht damit den Weg ins Urleid des jüdischen Menschen überhaupt. Shakespeare, der selbst ein Schauspieler und ein Ausgesonderter unter den unbekümmert Lebenden war, hat dieser Tragik Worte gegeben; er hat aus ihr heraus den Shylock geschaffen. Anderssein müssen als die andern, und das als den Sinn des eigenen Daseins begreifen — das macht den großen Schauspieler aus, vielleicht den Künstler überhaupt — und dies Wesen bringt der jüdische Mensch schon der künstlerischen Gestalt im besonderen mit. Die jüdische Frau aber, und gerade die jüdische Frau des letzten Jahrhunderts, in dem der Frau neue Seins- und Arbeitswege erkämpft wurden, hat die Leidenschaft für die Sache des „A n - dem", dieses spontane Sich-Einsetzen für das als Recht Erkannte; als Schauspielerin variiert sie es in das Andere-Werden. Das Ulieid brennt in ihrem Blut, die verlorene Heimat heißt sie suchen und sich der Seele der andern einfühlen, braucht Hingabe bis zur

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.