Mannheim
Compact Memory

Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1934-02-15 · 4 (15.2.1934) · p. Seite 65

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
10 (1934)
Issue
4 (15.2.1934)
Date
1934-02-15
Page
Seite 65 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2727810-2728000-2728004--09359-2742627
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr. 4 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 65 chen von Müller mehr als ähnliche Veröffentlichungen auch als Einführungsbuch für Anspruchsvolle, insbesondere Kurse und Arbeitsgemeinschatten geeignet. Wir brauchen gerade jetzt ein solches Buch. — Wir geben aus der Neubearbeitung mit Erlaubnis des Verfassers einen Teil des 13. Kapitels ,Purim" als Leseprobe hier wieder. Ein Freudenfest ganz anderer Art als Chanukka ist Purim. Es wird am 14. Tage des Monats Adar (im Schaltjahr im zweiten Adar) begangen. Es ist eines der Feste, die in volkstümlichem Gewände wieder einmal ein Kapitel von Not und Rettung erzählen. „Der Finger Gottes" fügt zur Rettung oft kleine Umstände, unbedeutende Dinge zusammen, die uns wie Zufälligkeiten erscheinen. Es geschah in den Taigen des Achaschverosch (des Perserkönigs Xerxes 485—465 v. Chr.), so beginnt die Erzählung des „Buches Ester", da erwählte Achaschverosch ein durch Schönheit und herzgewinnende Bescheidenheit ausgezeichnetes jüdisches Mädchen Hadassa zur Königin. Der König gab ihr den persischen Namen Ester (der Stern). Es war die Pflegetochter Mordechais, eines der aus Jerusalem Hinweggeführten. Die Nebukadnezar im Jahre 597 v. mit dem Könige Jeschonja (Jojachin) nach Babel brachte. ('Es folgt die Erzählung der Estergeschichte.) Aus Dank für die wundersame Errettung wurde der 13. Adar als Fasttag (Taanit Ester) und der 14. Adar als Festtag eingesetzt. „Ester und Mordechai, der nur Gutes für sein Volk wollte und Frieden suchte für sein ganzes Geschlecht, schrieben an alle Juden, die nahen und die fernen, Worte des Friedens und der Wahrheit, in ihrer Seele und in ihren Kindern die Lehren jener Nöte und Schrecken fetzuhalten" (Ester 9). Am Abend des 13. Adar (nach der Schemone-esre) und am Morgen des 14. Adar (nach der Toravorlesung) wird das „Buch Ester" verlesen. Eine besondere Pergamentrolle („Megillat Ester") nach der Art Torarolle dient diesem Zwecke. Die Verlesung wird durch Segenssprüche eingeleitet, deren letzter „Schehechejanu" ist. In die Tagesgebete wird ein Gebet eingeschaltet, das wie am Chanukka, mit den Worten „A 1 h a-n i s s i m" („Für die Wunder") beginnt und den geschichtlichen Untergrund des Purim darlegt. KOSTÜME . KLEIDER . 31 ANTEI,. PELZE Mehr als andere Feste lenkt Purim unseren Sinn zum Nächsten hin. Freunde beschenken sich gegenseitig (mjo n^ra =. Mischloach manot). Man sucht anderen Freude zu bereiten. Besonders sucht man denen Liebe zu erweisen, die sie am nötigsten haben: den Armen. Auch in deren Wohnungen soll an diesem Tage Frohsinn herrschen. Das Buch Ester (9. 22) weist besonders darauf hin, die Hilfsbedürftigen durch Gaben zu erfreuen (Matanot laebjonim). Neben solchen Gaben des Herzens geben ein Festmahl (S'uda) am Abend des 14. Adar, nicht selten auch Veranstaltungen froher Geselligkeit dem Purim als Dank- und Freudenfest ein besonderes Gepräge. Für die Jugend ist es eine Art Karneval geworden. Und wenn das Buch Ester erzählt, daß die Juden S usas an ihren größten Feinden Blutrache nahmen, ähnlich wie die Nibelungensage es von Krimhild und Hagen berichtet, so hat sich in der Folge die Purimfeier von jedem Rachegedanken entfernt. Das zeigt sich besonders in dem freien Palästina. Dort hat das Purimfest neuerdings den Charakter eines Volksfestes angenommen. Auf den Straßen finden Maskenzüge von Kindern und Erwachsenen, nachts Gartenfeste unter freiem Himmel statt. „Aus dem Volksfeind Haman wird Kasperle, aus dem Hass harmloser Spott, aus der nüchternen Geschichtsbetrachtung, die zum Rausch des Hasses führen könnte, der Rausch der Freude, die keinen Unterschied mehr bewahrt zwischen dem „verfluchten Haman" und dem „gesegneten Mordechai", schreibt ein palästinensischer Schriftsteller unserer Tage.1 1 Ernst Simon, Haifa. Zu Hermann Stehrs 70. Geburtstag am 16. Februar 1934 . Hermann Stehr hat im Vorjahr den Frankfurter Goethepreis erhalten. Das neue Deutschland hat sich zu ihm als einen Dichter bekannt, der sich nicht gleichzuschalten brauchte. Auch wir Juden haben Anlaß, seines 70. Geburtstages zu gedenken. Hermann Stehr hat sich selten zu politischen Fragen geäußert. Eine dieser wenigen Äußerungen ist seine Rede „Über äußeres und inneres Leben" (Paul List Verlag, Leipzig), die er am 28. Juni 1930 in der Walter-Rathenau-Gesellschaft hielt. Hatte doch auch das alte Regime ihn geehrt, Moritz Heimann hatte ihn entdeckt, der Verleger S. Fischer gedruckt und er war der erste Träger des Walter-Rathenau- Preises. So beginnt Stehr seine Rede denn auch mit der Feststellung, daß er mit ihr nicht nur die Pflicht überkommener, sondern aus dem Wesen seines Herzens kommender Dankbarkeit erfülle: „gegen jenen Mann..., der mir Jahrzehnte ein Freund der Gesinnung und Tat gewesen ist." (S. 3.) Immer wieder kommt'er in dieser Rede auf Rathenau zurück: „Walter Rathenau erhob schon 1919 seine warnende Stimme: ,Den Kommunisten und buchstabenversessenen Nursozialisten sei es im Hinblick auf das immer deutlicher Zutagetreten des allgemeinen Elends im sowjetistischen Rußland gesagt', schrieb er, daß ein gesellschaftlicher Zustand des reinen Sozialismus ein proletarischer Zustand für alle sein wird, daß wir alle nicht nur arm, sondern sehr arm sein werden." (S. 9.) „Es ist fast eingetroffen" (zitiert Stehr weiter), was Rathenau vorausgesagt hat: „Die Stände, die Deutschlands Bil-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.