Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 4 (15.2.1934)
- Date
- 1934-02-15
- Page
- Seite 64 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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64 Bayerische israelitische Gemeindezeitung Nr. 4 Versöhnungsjude dieser niederen Gattung macht sich gleichfalls das Versöhnen leicht. Er ist sofort bei der Hand und sofort fertig damit. Überhüpft Zwischenstufen, erdgewachsene Hindernisse, sieht sie nicht, will sie gar nicht sehen. Damit kompromittiert er das Ziel der letzten allmenschlichen Versöhnung, wird, oft ohne darum zu wissen, •— in schlimmeren Fällen auch bewußt — zum Faiseur, zum Scharlatan, dessen Kühnheit sich in „scharfen Artikeln" in Zeitungen und Zeitschriften erschöpft, ohne den Mut, mit seinem Leben und Blut für seine Überzeugungen einzutreten. Er ist nicht mutig, bloß frech. Und selbst in seinen mutigen Varianten überwindet er die tragischen Hindernisse nicht, er möchte sie nur wegzaubern, wenn das möglich wäre. Richtig ist, daß wir Juden alle letzten Endes die Versöhnung wollen. Der Arier bleibt im Notfall bei der Tragik stehen. Im Notfall, was bedeutet das? Wann ist dieser „Notfall" gegeben? Darin eben liegt das ganze Problem — nimmt man ihn nicht zu früh an. wann immer man ihn annimmt? Übrigens nehmen nicht alle Arier den „Notfall" leicht an, manche wirklich sehr spät, und Goethe und seine Nachfolge tut es sogar nie, nie — aber sehr viele ertragen ihn eben doch sehr einfach (was sie dann „unsentimental" nennen), fühlen sich sogar wohl dabei und betrachten dies Wohlgefühl als männliche, kriegerische oder sogar religiöse Tugend, wenn als letzte Entscheidung, als Schlußpunkt menschlicher Entwicklung, das Verdikt „Unversöhnliche Gegensätze" ertönt. Der Jude erträgt das unter keinen Umständen. Manches geht in Nacht verloren? Nein, Protest, damit wird er sich nie abfinden. Weil er zuletzt noch immer transigiert. Im guten Sinn — er wird beispielsweise nie wahrhaben wollen, daß bei zwei höchstentwickelten Völkern wie den Deutschen und Franzosen Interessensphären bestehen, die bis in alle Ewigkeit miteinander unvereinbar sind und immer wieder Krieg verlangen. Ein Labyrinth von Mißverständnissen, durch das man kaum mehr durchkommt, von Konflikten, die neue Konflikte zeitigen, — das wird er zugeben — Konflikte, die nicht vom Volk, sondern von einzelnen freßgierigen Volksschichten ausgehen, deren Ansprüche zugunsten der Allgemeinheit im eigenen Volke zurückgedämmt werden müssen — eine fürchterlich schwere Arbeit — das alles wird er zugeben; und dennoch nach Beendigung all der Aufdröselungsmühe eine friedliche Lösung des Knotens erwarten. Nicht jetzt, nicht morgen, aber irgendeinmal doch! Dem Arier oder einer jedenfalls sehr maßgebenden Kaste von Ariern liegt es näher, diese Lösung nicht bloß für schwierig, sondern für prinzipiell niemals möglich zu halten. Und nun die Karikatur des Versöhnungsjuden, diese allzu häufige Spezies — er kann sich mit keinem von beiden, nicht mit dem Volljuden, nicht mit dem Vollarier richtig auseinandersetzen, denn er sieht ja die Schwierigkeiten gar nicht oder erklärt sie für unwissenschaftlich, für veraltete Fiktionen, Märchen, über die man lachen muß, er will die Versöhnung noch heute, rasch, ungeachtet der Warnung unserer Weisen, „das Ende nicht zu drängen" — der oberflächliche Versöhnungsjude ist bereit, Wesentliches zu opfern, die menschliche Natur zu vergewaltigen, deren starke Instinkte in ihm nur noch domestiziert, schattenhaft vorhanden sind — wenn er nur gleich ans Ziel kommt, das heißt, zu einem unorganischen Vermanschen der Gegensätze, das er mit einem echten Ausgleich verwechselt. Sein Fehler: daß er dieselbe Instinktschwäche, die er in sich spürt, auch bei anderen voraussetzt. Nicht ein Mehr an Vernunft, ein Weniger an Instinkt trägt er an die Probleme heran. Ich spreche von der Karrikatur des Juden —". Es freut sich jeder Herr mit Kleidung von „IUI" Das Fachgeschäft für gute Bekleidung. Gegr. 1878 Bayerstraße 5 III. Ohne unsere geburtshilfliche Mitwirkung „Da wollen sie also die Juden raushaben?..." „Aus den Führerstellen jedenfalls." Sie müßten sich sagen, daß sie als Juden, die unter Deutschen leben und mit ihnen fühlen, doch nur in besonderen Glücksfällen auch die irrationalen Wünsche und Bedürfnisse des deutschen Volkes mitschwingen können. Diese Einsicht legt Reserve auf. Man wird zum bescheiden ratenden, wohlmeinenden Freund. Nie zum Präzeptor. Nicht überlegen spotten, nicht behohnlächeln, was man nicht ganz versteht, was aus der deutschen Landschaft dumpf in die Großstädte schallt. Gegen diese selbstverständliche Forderung der Zurückhaltung, Selbsteinkehr, Distanz ist öfters gesündigt worden. Und dabei ist es einfach Uberhebung von uns, wenn wir glauben, Vormünder der anderen Völker spielen zu können, andere zu belehren statt uns selbt, — was immer das Schwerste bleibt. Ein Beispiel der Toleranz, der Menschlichkeit, der organischen Gerechtigkeit geben im eigenem Land — eine andere Lehre von uns wird mit Recht nicht angenommen! Denn im harten Leben gilt nur die Lehre der Realität, nicht der Worte und gedanklich noch so schöner Konstruktion. Die Deutschen müssen sich also mit eigenen Kräften zu einem freieren europäischen, goethehaft weltbürgerlichen Standpunkt durchkämpfen, — ohne unsere geburtshilfliche Mitwirkung. Sie brauchen uns auch gar nicht dazu; das reden wir uns bloß ein. Die Franzosen haben ja ihre große Revolution auch ohne uns gemacht — und es ist sehr gut gegangen. Pure Einbildung von uns, daß die Völker auf uns warten, um ihr Haus richtig zu bestellen. Die russische Revolution, die zwar nicht unter jüdischer Führung, aber doch teilweise unter jüdischer Beihilfe gemacht worden ist, kann doch als Gegenbeweis dienen; denn wahrscheinlich ist doch gerade infolge des jüdischen Anteils manches in ihr zu abstrakt und .überspitzt geraten; man muß abwarten, ob und wie es nun ins Gleiche kommt. Wir Juden müssen wissen: wo wir allzu eifrig mittun, sei es auch mit bestem Willen, mit reinstem Herzen, schaden wir mindestens soviel wie wir nützen. Ja, vielleicht wird sich einem, der die letzten hundert Jahre prüfend überblickt, die Sache überraschenderweise einmal so darstellen, daß die Juden die großen revolutionären Bewegungen vereitelt haben, indem sie an ihnen zu heftig beteiligt waren. Dadurch lieferten sie nämlich den Gegnern das stets wirksame Gegenargument, die Bewegungen als jüdisch zu diskreditieren, obwohl diese tatsächlich keinen oder nur sehr losen und entstellten Zusammenhang mit jüdischem Gedankengut hatten und im Grunde deutsche, englische, russische Volksbewegungen waren. Als solche hätten sie durchgeführt werden sollen — und dann wohl auch mit größerem Glück durchgeführt werden können. — Sich von einer Sache, deren Gedeihen man wünscht, gerade aus Sympathie für die Sache fernhalten: das ist etwas, was die Juden der Diaspora noch lernen müssen. Es ist freilich sehr schwer, ja ich erkenne sehr wohl, daß es fast widernatürlich ist, und jedenfalls frisch zupackenden, begabten, leidenschaftlichen Menschen im Innersten widerstrebt — wie leider so vieles, was unsere anormale Geschichte uns auferlegt. Erinnerung an das Purim-Fesf In diesen Tagen (am Abend des 28. Februar und am 1. März) feiern wir Purim. Es sei die Gelegenheit benützt um auf ein viel zu wenig verbreitetes rein stofflich und vor allem auch didaktisch ausgezeichnetes Buch „Von jüdischen Bräuchen und jüdischem Gottesdienst", verfaßt von dem Heidelberger Lehrer S. Müller (2. Aufl. I. Kauffmann, Frankfurt a. M. 1934), nachdrücklich hinzuweisen. Die Neubearbeitung erfüllt mit ihren 43 knappen Kapiteln die Anforderungen, die man bei hohem Maßstab an ein gutes Einführungsbuch für die Teilnahme an den jüdischen Lebensformen stellen muß. Die Art der reichlichen Verwendung des hebräischen Zitats ist vorbildlich; der Geist des Ganzen, der zusammengedrängte Stoffreichtum und die Fülle der in leichter Faßlichkeit vorgetragenen Einzelheiten macht das (im Preis sehr niedrig gehaltene) Werk-