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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1934-02-15 · 4 (15.2.1934) · p. Seite 63

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
10 (1934)
Issue
4 (15.2.1934)
Date
1934-02-15
Page
Seite 63 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 4 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 63 Sorge und Besinnung um unsere geistige Situation Gedanken von Max Brod Der Titel von Max Brods neuem, jüngst hier schon besprochenem Buch „Die Frau, die nicht enttäuscht" ist irreführend, denn er verdeckt die Tatsache, daß es sich um ein ausgedehntes Gesprächsbuch über unsere gegenwärtige deutsch-jüdische Situation (nicht um unsere politische, sondern geistige) handelt. Eine Probe sollen die drei nachstehenden Abschnitte bieten. I. „Aus alten Märchen winkt es hervor mit weißer Hand" Die Merkwürdigkeit, daß Schumann so viele Texte von Heine komponiert hat! Von einem Juden also! Ich gehöre durchaus nicht zu jenen, die Heine vorbehaltlos in die deutsche Literatur einreihen. Er gehört schon in eine besondere Provinz. Aber solcher Provinzen gibt es einige — und selbst die entlegensten hängen mit dem Hauptgebiet unterirdisch zusammen. Unterirdisch — nicht bloß an der Oberfläche und für den entsprechend flachen Beobachter. Wohl klingt's bei Heine da und dort recht gezwungen und holprig. Aber sehr oft klingt es doch auch, wie es klingen soll und muß, ehrlich, hell und sroß. Und einen unterirdischen Zusammenhang zum Kern des deutschen Wesens beweist es gewiß — sonst hätte ja Schumann diese Verse nicht mit solcher Hingabe und ganz ebenso wahr im Ausdruck komponieren können wie die von Eichendorff. Das deutet über alle Zweifel darauf hin, daß auch ein gemeinsamer Bestand da sein muß; bei aller Verschiedenheit der deutschen und der jüdischen Seele, die ich nicht leugne, gibt es also auch Affinitäten. Vertrautes im Inständigsten, Echtesten, im heiligen Bezirk — anders hätte Schumann in einigen Gedichten Heines nicht das seiner Seele Gemäße finden können oder es hätte die Verflechtung von Dichtung und Musik in diesem Falle anders ausschauen, hätte etwas Klappriges haben müssen. Meint man aber daß auch ein Künstler vom Range Schumanns über das Wesentlichste seines Gefühles unklar oder von Geschicklichkeit oder einer Zeitmode verführt sein kann, dann wird man am besten — abgesehen davon, daß man durch die gefährliche Nähe jenes professoralen Ausspruchs „Hier irrt Goethe" einigermaßen lächerlich gemacht wird — der unmittelbaren Kraft jener Lieder gegenübergestellt und so, wenn man sich nicht geradezu böswillig sperrt (mit anderen Worten: wenn mau noch ein Künstler, mithin unbedingt wahr bleibt), eines Besseren belehrt. Jener Lieder, wie „Im Rhein, im heiligen Strome" — oder „Mit Myrten und Rosen" — oder gar: „Aus alten Märchen winkt es hervor mit weißer Hand" — das gleichsam d(ie herrliche Nationalhymne aller Romantik ist. Kein falscher Ton dabei, kein leisester Schimmer von Lorelei — oder Grenadiersentimentalität. Wie man sich auch dazu stellen mag: zu beachten bleibt es jedenfalls, daß diese beiden großen Herzen übereinkommen konnten, Heine und Schumann. Und es gibt vielleicht Ausblicke auf immer noch mögliche Versöhnung. Bedenkt mau es aber, dann darf man natürlich nicht vergessen, daß es gerade Schumann war, der lautere, selbstlose, unendlich liebefähige Mensch ohne Arg und ohne Makel, der noch in seinem Wahnsinn — kennen Sie diese überlieferte Geschichte? Als Schumann wahnsinnig wurde, glaubte er, Engel zu hören, die ihm aus den Wolken Melodien zusangen. Und es waren Melodien von Schubert und Mendelssohn! Ich wüßte nichts, was den Menschen Schumann mehr ehrte als diese Wahnvorstellung, — ihn, der sich immer für das echte Können auch der andern, der Berlioz, Chopin, Brahms ohne jeden leisesten Gedanken der Rivalität, des Neids eingesetzt hat. Hier fragt sich's nach der Kunst allein, — wie ein anderer sagt, der vielleicht genialer aber vermutlich nicht ganz so rein war. Dem reinen Schumann singen selbst noch in seinen unkontrollierten Wahnzuständen die Engel Melodien seiner Kollegen, und er freut sich daran! Ich will nicht fragen, wie viele der heute Schaffenden in ähnlicher Lage eine ebenso edle Gesinnung verraten und nicht ausschließlich ihre eignen Melodien im Hh.imelskonzert hören würden." II. Mangelnder Point d'honneur bei den .luden? Goethes Ausspruch, daß die Juden keinen Ehrbegriff haben und immer noch weiterverhandeln!... Wir resignieren eben nicht, wir glauben immer noch an ein gutes Ende. Daher verhandeln wir immer noch weietr, wo andere ihre Bemühung vornehm abbrechen. So ist das aufzufassen, was Goethe ganz richtig erkannt und nur, einer unverbindlichen Stimmung folgend, von der negativen Seite aus dargestellt hat. ... Als „jüdisch" möchte ich gerade dieses Grundgefühl aussprechen: daß es unter allen Umständen möglich ist sich gütig zu verhalten und zu einer Verständigung zu gelangen. Es gibt immer noch einen Weg. Es gibt keine unauflösliche Tragik in menschlichen Angelegenheiten, — nur dem Unendlichen gegenüber müssen wir notwendigerweise versagen, vor Gott sind wir nichts, das bezieht sich aber nicht auf die Ordnung menschlicher Dinge. Die liegt durchaus in menschlicher Macht, in der Macht der guten Menschen. Das Gute soll und kann durchgesetzt werden, wir glauben nicht daran, daß sich letzten Endes das böse Prinzip ebenso stark oder stärker erweist als das gute, daß die Menschheit in diese beiden Prinzipien zerrissen bleibt, ohne Heilung, daß Streit und Krieg und Feindschaft und Unterjochung ewige Notwendigkeiten, sozusagen die letzten Worte der Weltgeschichte sind. An zwei Mächte glauben, die einander gleichberechtigt wären, also einen Zwiespalt im Letzten, eine in der Natur der Schöpfung begründete, verhängnisvoll unheilbare Tragik, gegen die man nicht appellieren kann, — das ist große heroische, ist in vielen Ausprägungen (allerdings nicht immer und nicht ausschließlich) arische Auffassung. Der Jude dagegen wendet sich an eine einzige Macht, an eine oberste Harmonie. — Harmonie, nicht Tragik ist sein letztes Wort — das können sie, wenn sie wollen, auch aus Goethes Satz vom mangelnden Point d'onneur herauslesen. Und es zeigt sich in allem und jedem: im jüdischen Monotheismus, der natürlich nicht etwa eine Zahlenspielerei ist, sondern in allem furchtbaren Ernst Anerkennung eines einzigen und in sich einigen obersten Prinzips. Der Frieden schafft in seinen Höhen, schaffe auch Frieden seinen Geschöpfen — so wird dieses oberste Prinzip angeredet. Und im Davidstern symbolisiert, in dem „Oben" und „Unten", durch zwei Dreiecke bezeichnet, unauflöslich zur Einheit einander durchdringen. Nicht zwei Mächte, nur eine oberste Macht! Und „Höre, Israel, der Ewige, dein Gott, ist ein einziger Gott." Mit dem letzten Wort dieses Bekenntnisses, mit dem Wort „eins" „echad" auf den Lippen starben unsere Märtyrer. Beweis genug, daß dieses „eins" keine theologische ausgeklügelte Marotte ist, sondern allerinnigste Stellungnahme des Herzens zum Weltgeschehen. Es wird dieses Geschehen unter dem Aspekt des Hinstrebens zu einer Harmonie angeschaut. Harmonisierungstendenz — das ist unsere Grundrichtung in allem und jedem. Die Versöhnenden, die Harmonisierer, — kein Wunder, wenn sie von den Kampflustigen bis auf den Tod gehaßt werden, von all denen, die im Kampf den Vater der Dinge und ihren letzten Sinn begreifen möchten. — Hier nun sind allerdings wichtige Unterschiede unter den Juden zu machen. Es gibt den, der die Gegensätze und ihre ganze Wucht fühlt, die ungeheure, die ans Unmögliche grenzende Schwierigkeit, sie zu überbrücken, und der dennoch festen Herzens, offenen Blicks die Einheit als letztes Ziel hinter dieser Tragik nicht aufgibt. Und es gibt den völlig untragischen, den tragikblinden Juden, der wie eine Karikatur unseres Harmonisierungs- und Einheitsstrebens wirkt, eine Entartungsfigur, sehr häufig, sehr beschämend für uns. Der KÜCheniHBiSter Weinessig für Salate und zum Einmachen. Magister München 7

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