Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 4 (15.2.1934)
- Date
- 1934-02-15
- Page
- Seite 62 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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62 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 4 Schemarja Levin, der große Volksredner und Politiker, verlangt „vom Weinstock Feigen" und von den Männern der damaligen jüdischen Wissenschaft Verständnis für die aufblühende hebräische Literatur des Ostens — er scheidet enttäuscht. Der junge Schechter, ebenso tief verwurzelt in der jüdischen Volkskultur des Ostjudentums wie der andere, sucht und findet hier was alle seine späteren Werke auszeichnet: Schulung durch die Methoden westlicher Wissenschaft. Hier in Berlin findet er auch den Freund, der die Richtung seines Lebens für die nächsten Jahrzehnte beeinflußt. Claude Montefiore sucht einen Mann wie ihn, um den englischen Juden die Wissenschaft des Judentums zu übermitteln und bringt ihn 1882 mit sich nach England. Dort, wo das „Judentum noch als eine Art Privateigentum der Parnassim" betrachtet wurde (um ein ironisches Wort des jungen Forschers zu zitieren) ging seine Sendung, zuerst nicht so stark zu seinen Stammesgenossen als vielmehr an die große englische wissenschaftliche Welt, die seine Arbeiten und Pläne zu würdigen wußte. Die Universität Cambridge berief ihn als Dozent für rabbinische Wissenschaft und schaffte ihm die Mittel zu den Forschungsreisen, die seine große Entdeckung, die geradezu umstürzlerisch auf die Erforschung des hebräischen Schrifttums wirkte und mit der Entdeckung von Tel-el-Amarna verglichen worden ist, zu allererst ermöglichten. Die Geschichte dieser Entdeckung ist absonderlich und eigentümlich englisch: zwei Frauen, leidenschaftliche Amateur-Orientalistinnen, brachten ihrem Freunde Schechter von einer Orientreise einen wüsten Haufen von Manuskriptfetzen mit, die sie in Palästina aufgetrieben hatten. Und Schechter findet hier zuerst — wie der Sternforscher, der einen neuen Planeten auftauchen sieht — ein Stück aus dem unbekannten hebräischen Original des Ben Sira, mit dem er sich lange beschäftigt hatte. Andere Stücke aus dem gleichen Original tauchen in der Bodlejana auf; und Schechter wagt, geleitet durch eine Vermutung Elkan Adlers, zuerst die Hypothese, daß alle diese Handschriften aus gleicher Quelle stammen: aus der später zum geflügelten Wort gewordenen G e n i z a h , dem Begräbnisplatz der alten Manuskripte aus der alten Synagoge in Kairo. Als er selbst dorthin kam, fand er seine Erwartungen und die Erwartungen der wissenschaftlichen Welt weit übertroffen. Entdeckungen wie das Original des Ben Sira, Fragmente des Saadia, der Weisheit Salomos u. a. machten seinen Namen weltberühmt. Aber er selbst war sich bewußt, daß ein Leben nicht ausreiche, um die Schätze dieser Grabkammer auszumünzen. Noch heute zehren seine Schüler von den damals gehobenen Schätzen. Aber Leben und Schicksal hielten noch andere, lebensnähere Aufgaben für diesen ungesättigten Geist in Bereitschaft. Schon während seiner englischen Universitätslaufbahn hatte er neben den klassischen Editionen, die in strenger Wissenschaftlichkeit abgefaßt waren, in einzelnen glänzend und geistvoll geschriebenen Charakterbildern, seinen „Jüdischen Studien" einem weiteren Leserkreis Gestalten aus der jüdischen Vergangenheit und geistige Strömungen der jüdischen Seele wie etwa den Chassidismus. Nachmanides, den Gaon von Wilna, die „Heiligen von Safed" wieder zu beleben versucht. Er hatte ferner in einer Reihe von „Briefen an die Juden in England" drängende Gegenwartsfragen und Forderungen an die englische Judenheit in einer unübertrefflich geschliffenen Sprache und mit der inneren Glut eines Sehers aufgestellt und zu lösen unternommen. Jetzt wurden die Führer der amerikanischen Judenheit auf diesen ungewöhnlichen Mann aufmerksam; es gelang ihnen endlich, ihn 1901 für den Posten eines Leiters des kürzlich gegründeten Rabbiner-Seminars in New York zu gewinnen. Es war eine konservative Rabbiner-Bildungsstätte, der er nun seine besten Kräfte widmete — während in den Tagen der Jugend Claude Montefiore, der Führer des englischen liberalen Judentums, den Freund zu jüdischer Erziehungsarbeit gewonnen hatte. Und doch — er war derselbe geblieben. Aber die Entwicklung seines Schicksals hatte ihm gezeigt, worin seine Lebensaufgabe bestand: die Einheit des Judentums fest zu begründen, die in Ost und West, bei den ehrlichen Liberalen wie bei den großherzigsten Konservativen vorhanden war. „Einheit und Frieden" erstrebte er innerhalb des amerikanischen Judentums; aber den Grund der Gegenwartsanschauung sollte die tiefste' und umfassendste Kenntnis der jüdischen Vergangenheit bilden. Nun gelang ihm das letzte Anliegen eines Meisterlebens: er durfte die Schule gründen, die seine Forschungsgrundsätze und Lebenslehren weiter trug — die Kette war geschlossen, die einst mit unserem Lehrer Moscheh am Sinai ihren Anfang genommen hatte. * Als Schechter von seiner Entdeckung der Genizah aus Kairo kam, da besuchte er seinen Zwillingsbruder, der seit langem schon in Erez Israel lebte und einer der Gründer von Sichron Jakob war. Dem Lande der Väter gehörte auch sein Herz; er war, wie er an Zangwill schrieb, lange schon Zionist, ohne den Parteistempel zu tragen. Bis an sein Ende blieb er mehr dem zionistischen Gedanken als der zionistischen Organisation zugetan; vor allem weigerte er sich, den Grundgedanken seines Lebens gemäß, die Nation von der Religion zu trennen. „Die Zerstörung des Glaubens muß am Ende auch zur Zerstörung der Nation führen". Palästina ist für ihn, den Zeitgenossen und Bewunderer Achad Haams, das geistige Zentrum, das dem verdorrenden Judentum zu neuem Leben verhilft; und den Zionismus wertet er vor allem als die stärkste Kraft zur Bekämpfung der Assimilation und Glaubenszersetzung. Er schloß die glücklichen Augen zu früh, als daß er noch gesehen hätte, welche bitter notwendige Aufgabe dem Zionismus in dieser Zeit neben der großen immerjüdischen Aufgabe noch vorbehalten war. Aber es war sein Wunsch, in Erez Israel begraben zu werden. Seine Werke tragen eine merkwürdige Zweiheit in sich. Neben den streng wissenschaftlichen Editionen, von denen wir schon sprachen, schreibt er eine beträchtliche Anzahl von kleineren und größeren Aufsätzen, seine „Studies in Judaism", die, wie ein christlicher Professor aus Cambridge sich einmal ausdrückte, auch den Fernstehenden zeigten, daß der Talmudforscher aus Cambridge - kein bloßer Altertumsfreund war, sondern ein Mensch, der die tiefsten Gedanken und Strebungen des traditionellen Judentums in eine Form kleiden konnte, die es auch dem einfachsten Engländer ermöglichte, sie zu würdigen. Wichtiger vielleicht noch ist die Bedeutung dieser volkstümlichen, lebendig warm gefaßten, glänzend geschriebenen und doch aufs Gründlichste fundierten Studien für den weiten Kreis jüdischer Laien, den Am-Haarez, der sich der Vergangenheit seines Volkes nähern will. Wir haben in deutscher Sprache allzu wenig solcher Versuche — außer etwa den halb verschollenen Schriften eines Steintal; es ist bezeichnend, daß auch Hermann Cohen in seinen letzten Lebensjahren die Notwendigkeit einer solchen neu zu schaffenden Volksbelehrung empfand; in seinen „Jüdischen Schriften" ist einiges davon nach seinem Tode veröffentlicht worden. Aber im großen ganzen schreibt bei uns der Gelehrte für Fachleute, streng und schwerflüssig; der Schriftsteller für Laien, eindringlich und unzuverlässig. Es wäre aufs Lebhafteste zu wünschen, daß noch mehr von diesen meisterhaften Schechterschen Skizzen ins Deutsche übertragen würden — wenn es auch 'heute, da es gilt, erst Brot für die Juden in Deutschland zu schaffen, kaum zu erwarten ist. Aber auch Bücher können zum Brot werden... Auch dies ist bezeichnend für den Mann und für den geistigen Ruhm, in welchem er wirken durfte: als Norman Bentwich seinen Vortrag über Salomon Schechter hielt, aus dem dann sein Büchlein entstand, da geschah das im großen Vortrags- Saale der Universität in London; dort war früher ein christlicher Betraum* gewesen, und noch vor wenigen Monaten hatte dort ein Anderer gestanden und über Franz von Assisi gesprochen. Dieser Andere — es war Professor Burkitt, ein christlicher Theologe und Freund Schechters aus Cambridge — schreibt nun das Vorwort zu dieser Schechter-Biografie. Und er findet eine tiefe innere Verwandtschaft zwischen dem mittelalterlichen Heiligen und dem jüdischen Forscher und Führer: das Lebenswerk beider galt der Wiederbelebung des Glaubens unter ihren eigenen Glaubensgenossen. Bertha Badt-Strauss.