Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 3 (1.2.1934)
- Date
- 1934-02-01
- Page
- Seite 48 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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48 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 3 Alle Artikel des täglichen Bedarfs gut und billig Utflfelder CmJt£ tnündfca. im 9)osvntal anständigste, nur auf Sicherheit und Gefahrlosigkeit bedachte Bürger geworden ist, dem das Ausgesetztsein unserer Väter schlechthin unerträglich ist und in dessen Brust die sämtlichen seelischen Prozesse, die wir als Illusionierungsvorgänge bezeichnen, sofort abzulaufen beginnen, sobald echte Gefahren kommen. Wie wenige von uns wagen es wirklich, unseren Kindern im vollen Ernst ein an Leid, Erschütterungen, an Untergang und Wiederauferstehen reiches, bewegtes, gefährdetes, aber dem ewigen Werte nahes Leben auch nur zu wünschen, geschweige denn, daß wir es uns selbst freiwillig wählen — satt einer kleinen Umwelt des vorsichtigen Ausgleichs, der Schliche und Kompromisse und abgestoßen von der großen Welt der Mächtigen und Herrschenden. Es bleibt uns nur. wenn wir nicht im Alltag und in der bloßen Nahrungssorge ersticken wollen. Resignation und Skepsis zu überwinden und uns noch einmal auf die Suche zu begeben; unbestechlich von Phrasen- Schwaden (von innen und draußen) ruhig auszuspähen nach eigenen objektiven Werten, nach einer eigenständigen jüdischen Sonderart, nach dem objektiven Geist eines nicht nur konfessionellen Judentums, das den meisten unter uns aufoktroyiert wurde, zunächst ohne Sinn, ohne Richtung und Inhalt. Auf dieser Suche stoßen wir wieder auf ein — kleines — Buch; wir haben nun einmal keine Fahne, keine Uniform, kein Marschlied. Der Rabbiner der jüdischen Gemeinde in Berlin. Dr. JudaBergmann, ließ soeben eine kaum 200 Seiten starke Schrift: „Das Judentum — Gedanke und Gestaltung" (Berlin bei Rubin Mass 1933) erscheinen, das mit seinen neun gedrungenen Kapiteln und 400 hieroglyphenartigen Anmerkungen dem Unkundigen zu einem hellen ersten Einblick verhilft, dem Kundigen aber noch viel mehr gibt, indem es ihn durch diese beweiskräftige, wissenschaftlich gut gesicherte Auswahl von Antithesen den ungeheueren geistigen Reichtum, die solide Tragfähigkeit, die von jeder partikulären Enge und einseitigen „Gesetzlichkeit" entfernte Aufgeschlossenheit des Judentums noch einmal in einer glücklichen Zusammenschau zeigt. Indem der Strom des jüdischen Seins seit seinem Bestand unablässig durch die Kulturen fast aller bewohnten Länder zog, vermischten sich in ihm die Erkenntnisse, Erfahrungen, Sehnsüchte. Wunschbilder, Erlebnisse und Glaubensvorstellungen der verschiedensten Zonen und Zeiten. Rabbiner Bergmann gibt durch seine zwingende Konfrontierung der in keiner anderen Gemeinschaft ohne Gefahr des Auseinanderbrechens und spurlosen Versinkens möglichen geistigen Gegensätze die beste Antwort auf die dringliche Frage nach dem wahren und echten „Wesen" des Judentums. Die folgende ganz kurze Inhaltsanalyse soll den Umriß der neun Abschnitte nachzeichnen: Der Prophet und der Philosoph: Philo von Alexandrien umfaßte Mose und Plato mit gleicher Liebe, er war der erste Träger des philosophischen Judentums, das um eine Versöhnung zwischen dem Philosophen und dem Propheten gerungen, Philo, der den philosophischen Wahrheitsanspruch mit den glühenden Wunderidealen der biblischen Bücher vereinigen wollte. Moses Maimonides, Abraham ihn Esra, Spinoza und Mendelssohn sind den Weg der Philosophie gegangen; die Propheten, die Gesetzeslehrer und die Gegner des Maimonides blieben die Hüter der Religion. Der Prophetismus — die irrationale Hingabe des Lebens, nicht eine humane und gütige Moralität aus dem 19. Jahrhundert — ist der tiefste Daseinsgrund, die unsterbliche Seele und das ewige Leben des Judentums geworden. Die zweite Antithese: „Gesetz und Herz!" Erbauer, Erzieher und Erhalter des religiösen Lebens und der Gemeinschaft konnten nur die Gesetzeslehrer mit ihren Spezialvorschriften und Sonderanweisungen für alle Einzelzüge des menschlichen Erdenwandels sein. An zwei Frömmigkeitsäußerungen, dem Gebet und der Liebestätigkeit ist die Gleichzeitigkeit und Gleichwertigkeit von Freiheit und Gebundenheit im Sinn des Judentums nachzuweisen. Enthusiasmus, Ausschüttung der Seele bleibt mit einer streng rationalen Kasuistik jedes Schrittes, den der Fromme tut, vereinbar. „Autorität und F r e i h e i t", das dritte Gegensatzpaar, „Askese und Lebensfreude" das Vierte! Die palästinischen Rabbinen, die Träger der „mündlichen Überlieferung", waren überzeugt, daß ihre Schriftdeutung nicht etwa ein Neues schaffe „sondern nur den von Uranfang in der Schrift geborgenen Schatz hebe und dem Volke aufschließe" (Seite 52). Die Kritik gegen die Autorität der mündlichen Lehre kam indes in keiner Epoche, in keinem Raum des jüdischen Daseins zum Schweigen. Die Einheit des Judentums ist seit der Zerstreuung durch keine kirchliche Glaubensverfassung mehr gesichert; Glaubensformel, Dogma und Rechtgläubigkeit haben deshalb nie wie im Christentum und im Islam beherrschende Bedeutung gewonnen. Im schlechten und im guten Sinn ist durch das Fehlen dieser eisernen Klammern das jüdische Schicksal bestimmt worden. Wäre der Schulchan-Aruch, die Befolgung der religiösen Pflich