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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1934-02-01 · 3 (1.2.1934) · p. Seite 47

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
10 (1934)
Issue
3 (1.2.1934)
Date
1934-02-01
Page
Seite 47 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 3 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung um ihm laut Volksbeschluß ebenso feierlich wie brüsk mitzuteilen, dazu habe er kein Recht, das Land der Griechen ginge ihn gar nichts an, und seine Liebe werde griechischerseits nicht nur nicht erwidert, sie sei überdies lächerlich, ja sie werde als Frevel wider das Griechentum betrachtet und entsprechend gestraft werden." .,Vielleicht ist es unsere tiefste Tragik, daß sogar noch unserer natürlichsten Lösung, Zion, etwas Unnatürliches anhaftet." Schicksal und Kritik des Judentums. Verständnis und Unverständnis für sein immerwährendes Leben an seiner eigenen Peripherie ohne territorialen Kern, die zionistische Teillösung, alles das findet sich in platonisch-dialektischer Dialogform vertieft und glänzend formuliert bei Brod. Aber der Roman als Kunstwerk leidet stark unter diesem ewigen antithetischen Gespräch. „Die Frau, die nicht enttäuscht", Mädchendame Carola und der jüdische Schriftsteller Justin Spira beherrschen fast allein die Szene des fast 400seitigen Romans. Die Liebe zu Carola, der „Mädchendame", „der Frau, die nicht enttäuscht", ist überlastet mit Symbolik, nämlich mit der der Liebe des jüdischen Helden zu Deutschland. Diese Last vermag allerdings keine Liebe der Welt zu tragen. Eine Liebe muß frei für sich selbst stehen, sie darf nicht noch außerdem etwas „bedeuten", das sagt sich der Dichter selbst. „Nichtsdestoweniger drang auf geheimen Schleichwegen ihr Deutschtum, sein Judesein immer wieder in 47 KOSTÜME . KLEIDER . MÄNTEL,. PELZE den innersten Bezirk ihrer gegenseitigen Empfindungen." Unter dieser symbolischen und tendenzhaften Überbelastung bricht der Roman als „Dichtung" fast zusammen. Was bleibt, sind hinreißende Partien, Szenen, Briefe und Gesprächsfetzen. Carola Weber wird von Jakob Barzilai aus Palästina abgelöst; der jüdische Arbeiter aus Erez-Israel und der Dichter reichen sich zum Schluß die Hände. „Ja, wenn ihr mich brauchen könntet, lachte Justus auf, fast klang es, als sagte er es abweisend und ein wenig ärgerlich. Sein Gesicht war noch umschattet, blickte zaghaft neben der Ruhe und Gewißheit des andern. Ihre Hände aber waren einander recht ähnlich und, wiewohl sie nur wenige Sekunden ineinander lagen, sah es aus, als ob sie sich nie wieder trennen wollten." F. Auf der Suche nach dem Wesen des Judentums Auf der Suche nach Zugangsmöglichkeiten zu einer eigenständigen jüdischen Kultur geraten die meisten deutschen Juden, die ohne Wahl unter dem Druck von aussen auf diese Suche hinausgestoßen wurden, zu nächst ins Leere, nämlich auf „Literatur", auf bedrucktes Papier, auf Worte, während sie wie eine glücklichere Umwelt statt Bücher und Gedanken gemeinsame Wege und Ziele gewiesen haben möchten, wirkliche, greifbare Ideale, in deren Richtung durch konkrete massive Vorbereitungshandlungen täglich marschiert werden kann. Der herkunftssichere, bescheidenstolze Jude unter uns — es gibt viele und liebenswerte davon in allen möglichen Schalen — bedurfte keines Kompasses und keiner Rückenstärkung. Aber die meisten deutschen Juden, deren Gesicht nur nach der nichtjüdischen Umwelt gerichtet war, sahen sich plötzlich ins Weglose ausgesetzt. Rückkehr — Umkehr! Der Appell von der Kanzel, die Aufrufe, die eindringende Formulierung in unserer jüdischen Presse, in ausgezeichneten Abhandlungen und Büchern, sie sind ein Kinderspiel gegen den Kampf und das Herzleid der intellektuell redlichen, aufrechten deutschen Juden, der besten deutschen Mitbürger, die beruflich in Wirtschaft, Kunst und Wissenschaft, als Ärzte, Rechtsanwälte, Beamte oft anerkannte Leistungen von Rang für das Gemeinwohl aufzuweisen haben und die nun so unvorhersehbar von einer machtvollen Regierung mittels einer keineswegs ab irato konstruierten, sondern von langer Sicht formulierten und gefestigten Volkstum - Ideologie als Deutsche degradiert wurden und — hier beginnt die Tragödie — anders als jene herkunftsbewußten und zukunftssicheren Schicksalsgefährten keine Rückverbindung zum jüdischen Sein mehr finden können. Denn sie vermögen die „Lehre", das „Wesen", Geschichte, Literatur und Sprache, kurz die Wege des Judentums zwar wie andere fremde Kulturkreise sehr gut mit den modernen Erkenntnismitteln zu verstehen, zu deuten, sich in die alten Gedankengänge zu versetzen, ja oft mit einer gewissen grundehrlichen Rührung und in einer edlen Regung sich für das verkannte, ungerecht zurückgesetzte, geistige Gut ihrer Väter zu erwärmen. Aber in ihrer gediegenen Aufrichtigkeit können sie sich und die Umwelt nicht im Unklaren darüber lassen, daß ihnen die rasche innere Aneignung einer arteigenen jüdischen Kultur schlechthin unmöglich ist, da eben das organische Wachsen während Generationen nicht durch einen Willensakt ersetzt werden kann. So kommt es in den meisten Fällen zur Resignation, zu einem Nicht-mehr-Mittun; die Zahl der an und für sich unter uns häufigen Vereinsamten, Vergrämten und Asozialen wächst. Im besten Fall beschränkt man sich auf die Sorge für den gefährdeten Nachwuchs, den man wenigstens aus der Gefahrenzone entfernen will. Es wird sichtbar, daß der deutsche Jude in den letzten 150 Jahren seit der Emanzipation der ehrbarste,

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