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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1934-02-01 · 3 (1.2.1934) · p. Seite 46

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
10 (1934)
Issue
3 (1.2.1934)
Date
1934-02-01
Page
Seite 46 (sequence 6)
Language
German
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46 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 3 ständnisses mit den Kommunisten verdächtig für längere Zeit ins Untersuchungsgefängnis. Wie grundlos die Bezichtigung war. zeigt sich darin, daß er, freigesprochen, einen Sitz im ungarischen Herrenhause erhielt, den er noch heute einnimmt. Für einen richtigen Gelehrten, dessen Geist der Erkenntnis zugewendet ist, hat auch Haft keine Schranken. Low fand dort die Muße, ein ungeheures Werk, zu dem er immer gesammelt -und das auszuarbeiten er sich sonst doch kaum entschlossen hätte, zu beginnen. Es ist die „Flora der Jude n", zu der er 1874 — vor sechzig Jahren! — die erste Aufzeichnung gemacht, deren Drucklegung zehn Jahre gedauert und die, mehr als 2600 Seiten umfassend, er soeben abgeschlossen hat, seinem Gelehrtenfleiß so selber das schönste Denkmal setzend. Für die Botanik hat er schon vor zwanzig Jahren um seiner mit dem Buche „Aramäische Pflanzennamen" erworbenen Verdienste willen ein bleibendes Zeichen erhalten. Eine 1871 durch Viktor von Junka in Mazedonien entdeckte dunkelpurpurrot blühende Flakenblume hat, längere Zeit für eine bloße Spielform schon bestimmter Arten gehalten, 1914 durch A. von Degen den Namen Centaurea Immanuelis Lövii bekommen. Die Flora der Juden ist ein erstaunliches und wunderliches Werk, an Stoff ein Ozean, an philologischem Wissen ein Mirakel, an systematischem Aufbau ohne Tadel, an beziehungsweisen Mitteilungen aus der Volkskunde, Heilkunde, Sinnbilderwelt der Dichtung des Judentums gleich einem alten Riesenschloß mit immer und immer neuen Wandeltreppchen oder dem überraschenden Ausblick auf eine unvermutete Flucht von Gemächern und Räumchen. Hätte nicht der Bruder des Verfassers mit Bienenfleiß Bogen um Bogen des letzten Bandes mit dem Indicus gefüllt, die anfertigen zu lassen wir den Verfasser eine Dekade lang Jahr um Jahr beschworen haben, kein Mensch fände sich in dem Reichtum zurecht. Schon der Titel ist wunderlich: Flora der Juden! Gibt es auch eine Flora der Arier? Nun, eine solche der Juden gibt es auf alle Fälle, ob man an die Religionsbücher des Judentums, das Alte Testament und den Talmud, denkt oder an die Speisevorschriften und sonstigen, so kniffligen und so streng das Erlaubte und das Verbotene sondernden Gesetze dieser Religdonsgemeinde, die ein so reiches und starkes Eigenleben führt und zugleich der Einwirkung all der Kulturgebiete, in welche sie im Wandel der Zeiten verschlagen wird, offensteht und zugleich eine bewegliche Mittlerin dieser Kulturgüter abgibt. Das alles, bis in die ernste und heitere Dichtung und das geheimnisvolle Rätsel hinein, hat in Löws Werk seinen Niederschlag gefunden. Der Bibelforscher wird hier den Bestimmungen der im Alten Testament genannten Pflanzen nachgehen; der Philolog und der Historiker der Botanik findet reiche Beute; der Romanist lernt unter romanischen Wortgebilden altes semitisches Gut entdecken; der Kulturgeschichtsschreiber mag hier dicke Auszüge machen; wer Sinn für die Verfolgung eines Stoffes durch die verschiedensten Schrifttümer hin hat, kann hier sehen, wie die Pflanze, Blatt und Blüte, offene Schönheit und geheimnisvolle Beziehung, die Federn beschwingt; er wird zugleich manchmal Anlaß finden, die Geschmeidigkeit und den Feinsinn des deutschen Wortes in den Nachdichtungen Löws zu bewundern. Ein wunderlicher Titel deckt ein Wenk wunderbarer Gelehrsamkeit. Den Orientalisten zeugen auch andere Werke von der treuen und gelehrten Arbeit Immanuel Löws. Das Kennzeichen seines Werkes aber wird die Flora der Juden sein. Und wird der Achtzigjährige, noch voll geistiger Frische, nun er sie vollendet hat, darangehen, uns noch eine Fauna der Juden zu schenken? „Die Frau, die Der neue Roman von Max Brod (E. P. T Dem verbreiteten. Tendenzbuch von Ludwig Lewisohn „Das Erbe im Blut" ist der neue Roman von Brod, der das gleiche Thema von der schmerzhaften Loslösung aus dem liebgewonnenen Band des Vaterlandes und von der Wiederfindung der alten verlorenen Urheimat behandelt, an künstlerischer Gestaltungskraft und Tiefe des thematischen Zwiegesprächs bei weitem überlegen. Um das in platonischen Dialogen bald gepriesene, bald verworfene Rezept: Distanzliebe als Überbrückung des Rassengegensatzes (zwischen Einzelpersonen wie auch von Volk zu Volk) sind Reflexionen über das Problem: Deutschtum und Judentum geflochten; das Ganze ist hineingestellt in einen Liebesroman; die Hauptgeschehnisse umfassen die Zeitspanne vom Juli 1932 bis Februar 1933 und spielen sich im böhmischen Riesengebirge an der deutschen Grenze ab. Um das „Moralische" vorwegzunehmen: Der Dichter steht wie in allen seinen Werken auf der Seite der springlebendigen Menschen, des «Fortiter Es freut sich jeder Herr mit ILleitlim« von „Mt" Das'Fachgeschäft für gute Bekleidung. Gegr. 1878 ,.j..!i;J;f., Bayerstraße 5 licht enffäuschf" 1 & Co.-Verlag, Leipzig u. Wien 1934) peccare» und nicht der Heiligen und Tugendstolzen. „Oder wie Michelangelo nach einer Geschichte, die Bernini erzählt vor großen Kunstwerken zu sagen pflegte: Questo e d'un gran furbo, d'un gran tristo. Das ist von einem großen Schurken, von einem großen Gauner. Vor mittelmäßigen Arbeiten aber äußerte er sich: e d'un buon homo; non dan fastidio a nessuno. Das ist von einem braven Mann, das wird niemandem wehtun." — Max Brod, den wir als Dichter des „Tycho de Braha", des „Reubeni" und des Bekenntnisbuches „Heidentum, Christentum, Judentum" schätzen, reißt sich in dem neuen Roman das Herz auf, um der Frage der Stellung eines deutschen Schriftstellers von jüdischem Blut innerhalb des deutschen Volkes Herr zu werden. Er kreist unablässig um die deutsch-jüdische Situation der Jahre 1932 und 33. Warum sehen jetzt so viele Deutsche in uns Juden den Quell alles Übels? „Ich habe — sagt Max Brod — keinem von ihnen was Böses getan, habe vielmehr das Beste, was in ihnen war, gesucht, erkannt, geliebt und, soweit es an mir lag, mitgestützt. Ich habe das Gefühl, einem Akt herostratischen Undanks gegenüberzustehen, nicht etwa nur im eigenen Namen: im Namen des ganzen deutschen Judentums." „Beschränkung des äußeren Lebens, das hat es immer gegeben, — aber Vertreibung aus der Heimat der Seele? Es ist ja so, als ob etwa nach der Erklärung Goethes «das Land der Griechen mit der Seele suchend" eine griechische Deputation bei ihm. erschienen wäre,

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