Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 3 (1.2.1934)
- Date
- 1934-02-01
- Page
- Seite 43 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 43 Dem hebräischen Unterricht fällt die Aufgabe zu, das Kind für die Teilnahme am häuslichen und öffentlichen Gottesdienst vorzubereiten. Darüber hinaus soll das Kind befähigt werden, religiös und kulturell bedeutsames Schrifttum zu erarbeiten und dem Zutritt zum gesprochenen lebendigen Hebräisch zu finden. Der Unterricht muß nach den Prinzipien des modernen Sprachunterrichts erteilt werden. In der Grammatik soll das Verständnis der Wortformen, insbesondere des Verbs und Substantivs erreicht werden. Der Befestigung dieser Kenntnisse dienen die auf allen Stufen vorzunehmenden Sprechübungen und Übungen im schriftlichen Ausdruck. Im Mittelpunkt des hebräischen Unterrichts steht die Lektüre biblischer Bücher; aus der nachbiblischen und modernen hebräischen Literatur sollen Werke jüdisch-religiöser Grundhaltung ergänzend hinzutreten. Biblische und jüdische Geschichte Der Unterricht in der Biblischen Geschichte und der jüdischen Geschichte bildet ein untrennbares Ganzes. Die Unter- und Mittelstufe vermittelt die Kenntnis der Biblischen Geschichte in der für Volksschulen üblichen Auswahl. Die Darstellung des religiösen Ideengehalts erfordert einen nochmaligen Gang durch die Biblische Geschichte auf der Oberstufe (Bibellesen), wobei die Behandlung der gesetzlichen Teile der Thora sowie der Psalmen und Propheten im Vordergrund steht. Das Lesen geigneter Bibelstellen soll möglichst im Urtext erfolgen. » * Auf der Oberstufe bildet der Unterricht in der Jüdischen Geschichte die natürliche Fortsetzung des Bibelstoffes. Die Geschichte der Juden in Deutschland ist besonders ausführlich darzustellen. Der Aussprache über jüdische Gegenwartsfragen ist breiter Raum zu gewähren. Das jüdische Kalenderjahr mit seinen Festen und Halbfesten, religiösen Vorschriften, Sitten und Bräuche sollen systematisch behandelt werden. Um zu vermeiden, daß die Unter rieh tspemsen in allgemeiner und jüdischer Geschichte in -einem Jahrgang verschiedene Zeiträum umfassen, soll die Stoffverteilung so erfolgen, daß in allgemeiner und jüdischer Geschichte Stoffe desselben Zeitraums, aber in getrennten Unterrichtsstunden, zur Behandlung kommen. Eine Konzentration von allgemeiner und jüdischer Geschichte (Vereinigung in der Hand eines Lehrers) oder der Fächer Biblische Geschichte bzw. Jüdische Geschichte und Hebräisch ist anzustreben. Deutsch Das allen deutschen Volksschulen gesteckte Ziel der sprachlichen Schulung muß auch an der jüdischen Schule erströbt werden. Ebenso soll auch dort der Deutschunterricht die Kinder in das ihrer Altersstufe entsprechende deutsche Schrifttum einführen. Außer Prosa und Gedichten aus dem deutschen Kulturkreis sollen jüdische Lesestoffe behandelt werden, seien es Werke deutscher Dichter oder aber wertvolle Ubersetzungen aus dem Schrifttum biblischer und nachbiblischer Zeit. Dieses in Inhalt und Form bedeutsame Schrifttum kann nach Art der Lesebogen ergänzend neben das Lesebuch oder die etwa eingeführten Ganzschriften treten. Heimatkunde Heimatkunde will den Standpunkt schaffen helfen, von dem aus das Kind die Welt erfahren soll. Daher muß neben dem deutschen auch das jüdische Heimatserlebnis in den heimatkundlichen Gesamtanschauungsunterricht einbezogen werdeni, um das Kind durch Vertrautwerden mit allem Jüdischen der näheren und weiteren Umgebung für eine bewußte Erkenntnis des Judentums vorzubereiten. Das jüdische Familien- und Gemeinschaftsleben soll Gegenstand ungezwungener Aussprache sein und durch jede im heimatkundlichen Unterricht übliche Art der Darstellung lebendig gemacht werden. Die Feier der Feste soll immer wieder zu erlebnisfreudiger Gestaltung von Höhepunkten im Leben des Kindes führen. Stätten, mit denen Erinnerungen an unsere Vergangenheit verknüpft sind, oder die noch heute Bedeutung für das Gemeindeleben haben, werden auf Spaziergängen besucht Im vierten Schuljahr ist die Behandlung von Sagen und der Geschichte des Heimatgebietes durch Stoffe aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde und einzelner jüdischer Persönlichkeiten zu ergänzen. Musik Auch der Musikunterricht ist möglichst mit dem jüdischen Unterricht in Verbindung zu bringen. Neben der Pflege des deutschen Liedes steht die des liturgischen Gesanges und des hebräischen Liedes, wobei namentlich auf eine Veredlung des häuslichen Gottesdienstes hingearbeitet werden kann. Erdkunde Bei der Behandlung der meisten Länder wird die Schilderung der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Verhältnisse des jüdischen Bevölkerungsteiles einen gewissen Raum beanspruchen dürfen. Der Palästina-Kunde ist besondere Beachtung zu schenken. Zeichnen Der Zeichenunterricht hat seine Stoffe in allen Schuljahren auch aus dem jüdischen Lebenskreis des Kindes zu nehmen. Bilder aus dem religiösen Familien- und Gemeinschaftsleben, Gegenstände des Kultus, biblische und andere jüdische Stoffe finden zeichnerische Darstellung. Errichtung einer jüdischen Volksschullehrerbildungsanstalt Der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden hat nach eingehender Aussprache über die gesamten Fragen der Lehrerbildung die Errichtung einer jüdischen Volksschullehrerbildungsanstalt liberaler Richtung in Berlin zum 1. April 1934 beschlossen. Er hat ferner beschlossen, eine gleiche Anstalt konservativer Richtung in Preußen zu begründen, falls sich diese Neugründung neben der Würzburger Lehrerbildungsanstalt als notwendig erweisen sollte. Spuren eines verschollenen Brauches Von Ida Posen (Frankfurt a. M.) Nach mehrjährigen Nachforschungen ist es vor kurzem gelungen, den Zeugen eines vergessenen Brauches wieder aufzufinden. In einem abseits gelegenen Kellerraum der Frankfurter Hauptsynagoge fand sich ein Steinsitz mit der Aufschrift Q^e-tp? Den Aufzeichnungen des verstorbenen Herrn Frohmann-Holländer in Frankfurt anläßlich der Renovation der Frankfurter Hauptsynagoge im Jahre 1912 ist zu entnehmen, daß der erwähnte Stein früher im Hofe zwischen der Alt- und Neusynagoge aufgestellt war, die bis zu ihrem Abbruch im Jahre 1854 an der gleichen Stelle stand, an der ein Jahr später die Hauptsynagoge errichtet wurde. Jahrzehntelang lag der Stein unbeachtet zwischen anderen Bauresten, da die unbeschriftete Seite nach oben Küchenmeister Weinessig für Salate und zum Einmachen. Magister München 7