Mannheim
Compact Memory

Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1934-01-15 · 2 (15.1.1934) · p. Seite 29

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
10 (1934)
Issue
2 (15.1.1934)
Date
1934-01-15
Page
Seite 29 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2727810-2728000-2728002--09321-2742587
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 2 Bayerische Israelitische Geraeindezeituiig 29 Alle Artikel des täglichen Bedarfs gut und billig Umfelder Cm b f). miindjcn, im äatontat deutschen Juden. Sein künstlerisches Schaffen gehört der deutschen Geistesgeschichte an; die großen Romane von den „Juden von Zirndorf" bis zum „Etzel Andergast" leben trotz der Feme, wirken weiter und werden immer wieder junge Herzen erregen. Uns gehen am nächsten an die beiden Bekenntnisbücher aus den Jahren 1921 und 1933: „MeinWeg als Deutscher und Jude" und die schon erwähnten „Selbstbetrachtungen". In den beiden Biographien „Kolumbus, der Don-Quichote des Meeres" und „Bula Matari", der Lebensbeschreibung des Afrikaforschers Stanley, schildert Wassermann in faszinierender Weise die Gestalten der beiden großen Abenteurer, deren ewige brennende Unruhe seiner eigenen im Innersten verwandt war. Mit 23 Jahren schrieb er die „Juden von Zirndorf". „Ich griff damit", wie er selbst schildert, „einerseits zurück in Urbestände, Ahnenbestände, in Mythos und Legende eines Volkes, als dessen Sprößling ich mich zu beträchten hatte, und wollte andererseits auch das gegenwärtige, das werdende Leben dieses Volkes in einem mythischen, sehr vereinfachten, sehr zusammenfassenden Sinn gestalten. Realen Boden für beides gab mir die Landschaft, die mich hervorgebracht, die fränkische Heimat." Wer einmal in späterer Zeit der Schicksalswende der westeuropäischen Judenheit, wie sie sich im letzten und ersten Viertel des 19. und 20. Jahrhunderts vorbereitete, auf den Grund sehen will, wird an der Gestalt von Jakob Wassermann und seinem Schaffen exemplarisch diese Wende vorgezeichnet finden. F. Aus der Gemeinde München Professor Arthur Cohen 70 Jahre Am 22. Januar 1934 wird der bekannte Münchener Nationalökonom Professor Arthur Cohen 70 Jahre. Bei der Beendigung seiner Lehrtätigkeit im vorigen Jahr konnte Professor Cohen auf eine beinahe 30jährige Dozentenlaufbahn an der Münchener Technischen Hochschule zurückblicken. Sowohl beim 25jährigen Dozentenjubiläum wie beim Rücktritt im Jahr 1933 auf Grund des Beamtengesetzes wurde ihm von allen Seiten die uneingeschränkte Anerkennung für sein unermüdliches Wirken ausschließlich im Dienst der Wissenschaft zuteil. Cohen ist Jurist und Volkswirt. Nach einer noch heute nicht überholten Arbeit über „Die volkswirtschaftliche Bedeutung des Abzahlungsgeschäftes" (1891) habilitierte er sich 1906 mit einem grundlegenden wirtschaftsgeschichtlichen Werk: „Die Verschuldung des bäuerlichen Grundbesitzes in Bayern 1598 bis 1745". Diese Arbeit hat die ungeteilte Anerkennung der Fachwissenschaft gefunden, in erster Linie die von Lujo Brentano, seines berühmten Lehrers. Eine große Reihe wirtschaftswissenschaftlicher Spezialuntersuchungen, besonders auf dem Gebiet des Finanz-, Bank- und Börsenwesens sowie der Währungsfragen ging im Lauf der Zeit aus der Feder des jetzt Siebzigjährigen hervor, darunter im Jahre 1926 eine Geschichte der Handelskammer München 1869—1914. An seine wirtschaftshistorischen Forschungen knüpft die neueste eben erschienene Arbeit Cohens an: „Kredit- und Verschuldungsbeschränkungen beim bäuerlichen Grundbesitz in Bayern im 17. und 18. Jahrhundert" (abgedruckt in den „Jahrbüchern für Nationalökonomie und Statistik, Bd. 139, Neue Folge Bd. 84; 1933 S. 705 ff.). Hier ist vor allem an die Bemühungen des Jubilars um die Erforschung der sozialwissenschaftlichen sowie der rechts- und wirtschaftsgeschichtlichen Seite des modernen westeuropäischen Judenproblems zu erinnern. Außer der regen Beschäftigung Cohens mit den Fragen der Statistik der Juden in Wort und Schrift haben namentlich zwei Darstellungen zur Judenfrage von ihm eine weit über den Tag hinaus gehende Bedeutung. In der grundlegenden Abhandlung aus dem Jahr 1918 „Die Judenfrage, ein soziologisches Problem" (Schmollers Jahrbuch 42. Jahrg., S. 555ff.) kommt er zu dem prägnanten Ergebnis, daß die Judenfrage keine isolierte Spezialfrage ist, sondern nur eine besondere Erscheinungsform des soziologischen Problems der heterogenen Masse, das überall auftritt, wo andersgeartete Massen in der menschlichen Gesellschaft auftreten, und zwar faßt Cohen die Sondereigenschaft der Juden rein soziologisch im strengen Sinn als Minoritäteneigenschaft. Von dieser Seite will Cohen dem jüdischen Schicksal in der Welt in der Vergangenheit und der jüdischen Sonderart der Gegenwart beikommen. „Als Rassenfrage", sagt Cohen, „ist die Judenfrage meiner Ansicht nach nicht zu lösen. Ihre Erscheinung in die Anthropologie war, wenn auch nicht gerade ein Mißgriff (sondern wie erwähnt ein Fortschritt), so doch keine erlösende Tat". Als erstes im Druck niedergelegtes Ergebnis seiner umfassenden archivalischen Studien zur Geschichte der bayerischen Juden veröffentlichte Cohen vor drei Jahren (im 4. Heft des II. Jahrgangs der Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland) seine inhaltsreiche bevölkerungs- und wirtschaftsgeschichtliche Studie „Die Münchener Judenschaft 1750 bis 186 1". Diese aus Urkunden erster Hand (nicht aus Vermittlungsliteratur) geschöpfte zuverlässige Gelehrtenarbeit vermittelt uns ein neues eindringliches Bild der gesellschaftlichen Voraussetzungen, auf denen der Aufstieg der Juden im 19. Jahrhundert beruhte (vgl. Gemeinde- Zeitung 1931, S. 138). — Wir konnten aus dem reichen Schaffen des Münchener Gelehrten nur einige wenige Beispiele zeigen. Es ist heute Ehrenpflicht, unserer jüdischen geistigen Arbeiter bei besonderer Gelegenheit mit doppeltem Dank zu gedenken und uns ihres selbstlosen stillen Wirkens zu erinnern, zumal wenn ihre wissenschaftliche Arbeit jüdischen Angelegenheiten gewidmet war. An seinem 70. Geburtstag dankt daher auch die Münchener Gemeinde ihrem ausgezeichneten Geschichtsschreiber und wünscht ihm die Kraft, noch viele Jahre ohne Anfechtungen der reinen Forschung zu leben. F. Vorankündigung Am 4. Februar (Sonntag) soll ein Vortragsabend in der Hauptsynagoge stattfinden. Herr Rabbiner Dr. Baerwald wird über Die Bibel als Lebensbuch sprechen. Der Vortrag wird von musikalischen Darbietungen umrahmt. Näheres über diese Weihestunde wird in der ersten Februar-Nummer bekanntgegeben.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.