Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 2 (15.1.1934)
- Date
- 1934-01-15
- Page
- Seite 24 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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24 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 2 (im Amt 1793—1835), ein sowohl in talmudischer wie in orientalisch-philologischen Wissenschaften wohlbekannter 'Gelehrter. Das Portrait, das gleichzeitig mit einem Stahlstich hergestellt sein dürfte, ist künstlerisch weniger gelungen als der erstbeschriebene Pfeifenkopf, aber gut in der Farbbehandlung und viel stärker in der Realistik. Es ist nicht mehr das Portrait eines schönen Kopfes, sondern scharf und hart in den Zügen und in der Unsymmetrik, manche Details sind fast häßlich: die stehenden Augen, die spitzig-scharfe Nase und der harte, energisch-verschlossene Mund; aber das Ganze wirkt charakteristisch, eigenwillig und lebensnah. Es ist ein Produkt der Zeitströmung: Abkehr von der Schönmalerei, Drang nach lebenswahrer Abbildung, dabei beginnender Verfall der Porzellanmalerei, die zugunsten des Stahlstiches in den Hintergrund gedrängt wird. Dies zeigt sich noch besser beim nächsten Pfeifenkopf, der weitere 10 Jahre später entstanden sein dürfte. Die Inschrift besagt, daß es sich um das „Bild des hervorragenden Gelehrten Abraham Benjamin, genannt R. Wolf Hamburg (1770—1850) handelt, der Oberhaupt der Talmudhochschule in Fürth war und zahlreiche (hier mit Namen aufgeführte) Werke verfaßt hat". Dieses nicht mehr farbig behandelte Portrait ist sicher nach einer Stahlstichvorlage gemacht; die charakteristische Technik der Porzellanmalerei fehlt, die Züge sind nicht mehr so ins Detail gearbeitet, aber der Gesamteindruck ist eigenwillig und lebenswahr. Die Porzellan-Portrait- Malerei ist im vollen Niedergang begriffen, sie ist nicht mehr primäre Kunst, sondern artfremde Reproduktion geworden. Ein weiteres Beispiel hiefür ist die — wieder etwa 10 Jahre später (um 1830) — entstandene Porzellantasse (Abb. 3) bemalt mit dem Porträt des Karlsruher Rabbiners Elias Willstätter (eines Vorfahren des Nobelpreisträgers Prof. Dr. Rieh. Willstätter, München). Willstätter — in Karlsruhe 1796 geboren — studierte in Hanau und Würzburg, war von 1827 an Rabbinatssubstitut für den erblindeten Oberlandesrabbiner Ascher Low (Wallerstein) von Karlsruhe und ab 1837 Rabbinatsverweser dortselbst bis zu seinem Tode im Jahre 1842. Der Tasse ist als Vergleich der zeitgenössische Stahltich in der Abbildung beigefügt. Man sieht: die Porzellanmalerei ist als Kunst untergegangen, die Technik und Farbbehandlung wird nicht mehr ausgeübt; aber auch das Portrait selbst ist verzerrt und verwischt, ein nichtssagender, ausdrucksloser Kopf ist aus dem immerhin viel besseren Stahlstich entstanden. Der primär gemachte, nach der Natur gestochene Stich ist von kunstloser, schematisierender Hand auf die Tasse übertragen worden. Die Portraitkunst der Porzellanmalerei — deren Entwicklung und Niedergang an einigen kuriosen jüdischen Beispielen erläutert werden sollte — war erloschen, die Nachfolger der jüdischen Miniaturisten waren inzwischen zu getauften Malern der profanen Kunst geworden; und kaum ein Jahrzehnt später kam aus Frankreich das neue mechanische Bildverfahren, die Daguerreotopie, die Vorläuferin unserer heutigen Photographie. Damit war der Untergang der Miniaturmalerei besiegelt, die denn auch in der Folge schnell erlosch. Als letzter Repräsentant wirkte in Berlin der hochbetagt gestorbene, 1820 in Schwerin geborene Julius Löwensohn, mit dem schließlich diese Kunst, an deren Gestaltung fleissige und begabte Judenhände mitgeschöpft hatten, endgültig ausstarb. Zunehmende Einigung über Grundbegriffe der jüdischen Gegenwarf Zusehends machen unter uns besonnene Urteile über dieAuswanderungsfrage überstürzten Entschlüssen und spontan-nervösen Motiven des Nichts-mehr-hören- und -sehen-könnens Platz. Unter allen Umständen sollten — übrigens auch aus Vernunftgründen — nur zwingende Existenzfragen für den Entschluß, Deutschland zu verlassen, maßgebend sein. Der allgemeine Druck, unter dem wir wegen unserer Zugehörigkeit zum jüdischen Stamm stehen, muß von allen anständigen deutschen Juden gemeinsam mit aufrechtem Stolz und schweigender Würde getragen werden. Die Diffamierung, unter der wir leiden, mag sie der einzelne noch so schwer und unerträglich empfinden, darf nicht für sich als zureichender Grund gelten, sich von der Schicksalsgemeinschaft selbstsüchtig zu trennen. Es mehren sich die Stimmen aus allen jüdischen Lagern, die in diesem Punkt einig sind. Als Fazit einer Aussprache, die jüngst in deutschen zionistischen Kreisen über die Frage der Umschichtung stattfand, berichtet die „Jüdische Rundschau" vom 29. Dezember 1933: -,;Allen jungen jüdischen Menschen, die sieh noch in Deutschland befinden, wird auf Grund eingehender Erfahrung der Rat erteilt, an ihrer Absicht sich umzuschichten, festzuhalten und diese Absicht in Deutschland selbst durchzuführen. Man wird Mittel und Wege suchen müssen, um die großen jüdischen Organisationen zu veranlassen, Subsidien, welche sie den außerhalb Deutschlands befindlichen jungen jüdischen Menschen zum Zwecke der Berufsausbildung zur Verfügung stellen, auch den in Deutschland verbliebenen zu gewähren. Denn trotz aller vorhandenen Schwierigkeiten dürfte es letzten Endes in Deutschland selbst leichter und aussichtsreicher sein, die große Umschichtungsbewegung, von der die jüdische Jugend, instinktsicher und unter dem Drucke der Notwendigkeit, ergriffen ist, in Taten umzusetzen. Zumindest steht eines fest: Frankreich ist kein geeignetes Land für die Umschichtung junger jüdischer Menschen außerhalb der Landwirtschaft. Der Gründe hierfür sind viele. Nicht zuletzt spielt dabei eine Rolle, daß die französische Republik seit 16 Jahren bereits zum vierten Male Ziel einer Emigration ist. Nach der russischen, italienischen und spanischen