Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 1 (1.1.1934)
- Date
- 1934-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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6 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 1 sehen Grenzen. Und da ist Ter Haigasun, der Priester. Wundervolle Figur. Gefühlskarg bis zur Kälte. Doch unter der Kälte, flammend sichtbar, die Gloriole schönsten Menschentums. Und Bedros Hekim, der liebe alte Arzt, der fünf Jahre in Wien hat studieren und seither in der Einöde lernen dürfen, wie eng das Wissen und wie riesig das Ungefähr ist! Und unser aller Freund Krikor, der Apotheker! Sogar auf den Berg des Unheils schleppt er das Einzige, um dessentwillen zu leben und zu sterben lohnt: den Geist. In Büchersäcken hebt er ihn aus der Niederung zur Höhe, Krikor, der gichtbrüchige Philosoph, der nicht begreifen kann, daß die Menschen für den Augenblick streiten, da doch das Ewige das Ziel der Kämpfe bleibt. Seht ihn im Beratungszelt apathisch sitzen, den Mann, der für wenige Piaster Jodtinktur und nicht um die ganze Welt seine Uberzeugung preisgibt: es sei besser, überhaupt nicht, als gegen den Geist zu leben. Und Jskuhi, das schöne scheue Mädchen, das sich in die Liebe wie in das rettende Meer stürzt, worin es tödlich braust. Und Kilikian, der Deserteur, dessen gegerbtes Ledergesicht alle Schrecken solang gewahrte, bis es ohne Schrecken Böses mit Furchtbarem vergilt und duldet. Und die Lehrer, Schatakhian, der stolz auf sein klingendes Französisch und glücklich ist, wenn Madame aus Paris ihn eines klingenden Wortes würdigt; Oskanian, der immer zurückgesetzte Zwerg, der sich einen feinen grauen Cut hat schneidern lassen, um vor Madame aus Paris während der Belagerung bessere Figur zu machen, böser armer Teufel, dessen Nichterhörtwerden ihm sein Giftgeschrei eingibt. Und Gonzague, der Geck, der um Madame aus Paris (nicht ohne Erfolg) wirbt und sich, nach Art der Diebe seinesgleichen, adrett aus der Affäre stiehlt, da sie brenzlig zu werden anfängt Und wie viele noch, alle lebendig, alle Menschen, alle uns atmend nah. Und Stephan. Der dreizehnjährige Knabe, Bagradians Sohn, hat einen einzigen Ehrgeiz: sich den Wohlstand und Paris und das Muttersöhnchen nicht von den Knaben des rauhen Berges vorwerfen zu lassen, sondern es ihnen gleich, ja zuvor zu tun. Deshalb läuft er heimlich zu einem beispiellosen Wagnis weg: bis Aleppo will er mitten durch die feindlichen Truppen, um dort des deutschen Konsuls Hilfe für seine ausgelieferten Landsleute anzuflehen. Er kommt aber nicht weit, das Muttersöhnchen, das zum Vatersohne ward. Sein Vater, oben auf dem Berg, hält der türkischen belagernden Übermacht vierzig lange Tage und Nächte stand, schlägt mit seinen paar hundert mühselig Bewaffneten, kümmerlich Ernährten, von Fleckfieber Angesteckten, seelisch Niedergepeitschten drei gewaltige Angriffe phantastisch ab — der Sohn unterliegt. Vierzig Wunden durchbohren seinen Leib, da man den Tollkühnen unten gefangennimmt. Des Leichnams vermögen die Belagerten sich zu bemächtigen, nur des Leichnams. Und das letzte Grab oben auf dem Berg wird für Bagradians Sohn geschaufelt. Um des Kindes willen hat er sich gewehrt, um aller Kinder, um der Zukunft willen. Das erkennt er nun, als er zuletzt am Grabe steht und ein französisches Geschwader endgültig alle rettet die er nur vorläufig hat retten können. Am Grabe steht er, im Grabe liegt, was er pflanzte, worauf er inbrünstig hoffte. Am Grabe steht er, im Grabe liegt sein Kind. Mögen die anderen ihr Heil in der Flucht suchen. Er, der Vater, bleibt im Leben, im Tode hier auf dem Berg der Leiden, der ihn zum Vater gemacht hat. Weil es die Leiden sind, die uns erwecken, zur Überwindung, zum Kampf, zum mutigen Mitleid. V. Das ist Franz Werfeis mächtiges Werk und seines Werkes bedeutender Sinn. Trost geht davon aus: der Glaube an eine höhere Liebe. Denn wenn es die Leiden sind, die uns erwecken, so ist die Liebe, um deretwillen wir leiden und ... leiden wollen. Ernst Lothar. Vier Rabbiner-Bücher Leo Baeck, Wege im Judentum, Berlin (Schokkenverlag) 1933. — Juda Bergmann, Das Judentum, Gedanke und Gestaltung, Berlin (Rubin Mass) 1933. — Joachim Prinz, Wir Juden, Berlin (Erich Reiss) 1933. — Max Wiener, Jüdische Religion im Zeitalter der Emanzipation, Berlin (Philo Verlag) 1933. Seit den Märztagen dieses Jahres 1933 haben sich unzählige jüdische Federn in Bewegung gesetzt, um die neue Schicksalswende in unserem Dasein zu deuten, ihr einen tieferen Sinn für die gesamtjüdische Existenz zu geben, und vor allem um die bisher Abgewandten, nur der nichtjüdischen Umwelt Zugekehrten nicht allzu lang auf Zuspruch und Leitlicht warten zu lassen. Vier Werke von vier Führern der jüdischen Gemeinde Berlin liegen vor uns, sie beanspruchen über das Tagesgespräch hinaus Geltung, es kommt ihnen stellvertretende Bedeutung für die geistige Haltung der deutschen Juden von 1933 zu. Hier spricht das deutsche Judentum! Seine streng gläubigen und thoratreuen Söhne hatten es freilich leichter, sie mußten nur das alte Wort „Um unserer Sünden willen" wiederholen und einander auffordern, „das von der Thora und den Propheten geweissagte und von unserer ganzen rabbinischen Literatur in aller Tiefe erfühlte Golusschicksal des jüdischen Volkes in starkem Mute auf sich zu nehmen" (Der Israelit, 1933, Nr. 34). Anders die Mehrheit des deutschen Judentums! Für sie und zu ihnen sprechen ihre Rabbiner aus ganzer Seele, in dem Jahr, da ihre Gemeinden seit ihrem Bestand am bereitesten sind, sie anzuhören. Unaufhörlich kreiste das Gehirn der deutschen Judenheit in den verflossenen Monaten um die Frage: wie konnte die rückhaltlose Hingabe an die Lebens- und Denkart „der Völker", was unseren Ahnen und uns selbst seit 150 Jahren als Rettung, Befreiung, als der einzige Ausweg vorkam, in Verhängnis und grenzenlose Ausweglosigkeit umschlagen, uns zum Vorwurf der Halbheit, des Verrats am Judentum und Deutschtum zugleich werden? Auf diese Frage geben die vier Rabbiner-Bücher, jedes auf seine Art, teils bewußt, lehrhaft, historisch, teilweise, ohne es zu wollen, rein dokumentarisch eine ziemlich erschöpfende Antwort. Das Kernstück von Baecks Aufsätzen und Reden bleibt sein Beitrag aus dem Jahr 1928 für den „Jewish Guardian": Predigt und Wahrheit. Das 19. Jahrhundert hat die geschlossene Gemeinde aufgelöst und den einzelnen Juden der Außenwelt preisgegeben, wo er doppelt und dreifach ausgesetzt war. Selbst für das gesetzestreue Judentum blieb in Deutschland keine andere Wahl als die Einordnung in die Welt des Kapitalismus, der fortschreitenden Technik, der Mechanisierung der Einzelleistung in Einklang zu bringen mit den strengen Gesetzen des Judentums. Welchen Verfälschungen der arteigenen geistigen Ordnungen des Judentums dieses durch die unaufhörlichen Harmonisierungsversuche immer wieder ausgesetzt war, lernen wir aus den vier Werken mit erschrek-