Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 1 (1.1.1934)
- Date
- 1934-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 5 Franz Werfeis neuer Roman „Die vierzig Tage des MusaDagh." Paul-Zsolnay-Verlag. I. Werk eines großen Dichters. 1140 Buchseiten! Und keine, keine einzige, in und zwischen deren Zeilen nicht der große Dichter überzeugte. Das weite Land, das Werfel seit seinem Beginn leidenschaftlich suchte, hier hat sich's ihm vollgültig erschlossen, hier hat er es bis zur Grenze gefunden und in Besitz genommen: die Seele des mutigen Mitleids. Auf beidem liegt der Nachdruck, auf dem Mute wie auf dem Mitleid. Denn es genügt nicht, mitleidig zu sein. Man muß auch den Mut zu den Konsequenzen haben. Werfel hat ihn, er beweist ihn schon äußerlich und stoffmäßig. Sein zweibändiges Werk ist, wenn man will, eine Art historischer Roman, insofern das Dargestellte sich im Weltkrieg (zumindest in den Umrissen) beglaubigt zutrug; es ist ein unendlich abseits, im armenischen Syrien beheimateter Roman, Menschen geltend, die uns Westmenschen auf den ersten Anblick fremd, ja beziehungslos erscheinen; es ist zudem ein Kriegsroman, unzähligen der Gattung folgend: tolle Schwierigkeiten also, „undankbares" Thema, soweit das Auge reicht. Dessenungeachtet hat Werfel das undankbare Thema gewählt. Hat es gemeistert. Hat es, uns zu Dank, jedem zu Dank, der auf den Namen Mensch Anspruch erhebt, erlebnishaft gestaltet. Großartige Leistung. Sie wirkt um so bewundernswerter, als erst jüngst aus eines Meisters Händen, aus denen Thomas Manns, ein Buch hervorging, das die orientalische Urheimat zum Schauplatz, und weltenferne biblische Legendenwesen zu Hauptfiguren hat. Zugegeben, daß die jahrtausendhafte Distanz die Entfernung zwischen uns und der Thomas Mannschen Schöpfung notwendig weiter macht als der (zeitlich wenigstens) nähergelegene Werfelsche Bezirk; anerkannt auch, daß die „hübsche und schöne" Darstellung Thomas Manns die „Geschichten Jaakobs" außerordentlich wert erscheinen läßt: Welch ein Unterschied trotzdem! Fühlen wir uns bei Thomas Manns biblischer Epopöe angenehm belehrt und unterhalten, so spüren wir in Werfeis heroischem Epos unser Herz stürmisch bewegt, Erschütterung ergreift uns, im Tiefsten angerührt erleben wir das Schicksal Fremdester als das eigene, brüderlich zu ihnen hingezogen, hingerissen zu namenlosen Armeniern, denen ein großer Dichter zu sagen gab, was sie litten. Falsch: was Menschen, gestern, heute, morgen, leiden. Und: wie Menschen die Unsäglichkeit des ihnen auferlegten Leides, gestern, heute, morgen, überwinden. Herrliches Buch. In einer Unsäglichkeit des Leides kam es zurecht. Großartige Leistung. In einer um den Sinn betrogenen Zeit stellte sie Sinnbilder auf, mit der Wucht der Gesinnung, mit der Macht der Liebe, mit dem Mut der Verantwortung. Hier hat sich — endlich! — ein Dichter nicht entzogen, sondern gestellt. Auf die Fragen der Vergangenheit und Gegenwart gibt er Antwort. Wer Augen hat. wird sehen. Wer sich aber blind stellt, an dem ist nichts verloren. II. Werfeis Werk schildert eine neuzeitliche Christenverfolgung von einer Grausamkeit, von einem Grauen, die sich mit den neronischen und den Metzeleien Diokletians nicht vergleichen lassen. Wir schreiben 1915, den zweiten Kriegssommer. Die Türken, deren Kriegsgott Enver Pascha, deren Innenpolitiker Taalat Bey ist, mißtrauen den Armeniern: die Armenier sind Christen (die ältesten des Bekenntnisses); die Armenier sind dem Westen geneigt; die Armenier sind zum Teil „Intellektuelle". Lauter Todeswürdigkeiten. Es gibt nur einen Gott, und das ist Allah. Es gibt nur ein Land, und das ist die. Türkei. Es gibt nur eine Sinneshaltung, und das ist blinde Unterwerfung. Wer anderen Sinnes oder dessen "nur verdächtig ist: hinaus mit ihm, auf die Knie mit ihm, in Staub, Desperation, Deportation, in Schande, Ächtung, Tod.. Gabriel Bagradian, eine erfundene Gestalt, die von nun an die Gestalten der Weltliteratur unvergänglich bereichert, ist und bleibt anderen Sinnes. Sein Geburtshaus steht in Yoghonoluk zu Syrien, nächst dem waldigen Berge Mosis, dem „Musa Dagh". Doch schon als junger Mann ist er, der Sohn eines reichen, in den europäischen Großstädten vertretenen Welthauses, nach Europa gekommen, hat sich, Herr seiner Zeit und Neigungen, in Paris ansässig gemacht, eine Pariserin zur Frau genommen, Europäer durch und durch. 1907, da die jungtürkische Bewegung die Armenier an ihre Seite rief, ließ er sich, mehr aus Neugier denn aus Neigung, heimrufen, brächet es zum (türkischen) Offizier im Balkankrieg, mehrfach dekoriert. Dann kehrte er zurück... in die Heimat, also nach Paris. Der Weltkriegsausbruch aber findet ihn samt seiner Gattin und seinem dreizehnjährigen Knaben wieder in Syrien, wo er sich zum Besuch seines schwererkrankten Bruders aufhält. Fortan darf er nicht mehr aus dem Lande. Und es dauert nur wenige Monate, da steht er, Gabriel Bagradian, als Einziger unter Tausenden seinesgleichen in der angestammten Heimat auf und sagt: „Wehrt Euch, Armenier! Laßt Euch nicht zertreten! Man hat Euch befohlen, morgen in die Deportation, das heißt in den Tod durch Peitsche, Hunger, Seuche zu gehen. Wehrt Euch! Laßt Euch nicht verschleppen. Laßt Euch Euren Gott nicht rauben. Seid stolz! Winselt nicht um Gnade bei den Gnadenlosen! Seht dort vor uns den Berg Mosis. Ich werde ihn uneinnehmbar machen. Kommt mit, alle, Männer, Weiber, Kinder, besser auf dem Berge kämpfen, als in den Abgrund der Unmenschlichkeit fallen!" Von den Tausenden, die ihn hören, ziehen fünftausend mit ihm. Es beginnt die Odyssee ihrer Kämpfe. III. Vorangeht ein „Zwischenspiel der Götter", jene historische Unterredung, die der humane Potsdamer Pastor und idealistische Armenierbeschützer Johannes Lepsius mit dem türkischen Oberbefehlshaber Enver Pascha in Konstantinopel hatte. Da sitzen sie einander im Ministerium gegenüber, der durchaus nicht' bedeutend aussehende, bis in die Fingerspitzen energische türkische General und der deutsche Mann Gottes, und da fällt aus des Generals Mund das Wort von den göttlichen Pflichten des Nationalismus, dem der Pastor nichts als die heiligen Pflichten der Humanität entgegenhalten kann... aussichtslose Sache! Welch verächtliches, dank der besonderen Generalshöflichkeit unbelächelt gebliebenes Wort! Humanität? Darunter versteckt sich, das verunglimpft ja alle Schlappheit, jeden Ehrbegriff. Schluß mit dem Gerede von den sogenannten „Menschenrechten"! Damit bringt man keinen Kanonier auf die Beine! Seid nicht so wehleidig, Humanitätsapostel! Ohne Gewalt, meinetwegen Gewalttat, gibt es keinen Gehorsam, und ohne Gehorsam keine Macht! Das Wichtigste aber, aufgemerkt, mein Herr Pastor, das Entscheidende bleibt: die Macht an der richtigen Stelle, also: die nationale Macht! Die Armenier sind fremdrassig, was so viel heißt wie: in alle Ewigkeit antinational. Kein falsches Erbarmen, mein Herr Pastor, die Faust aufs Auge jedes Antinationalen. Und Dank für den Besuch... So etwa sprach der Generalissimus zum Manne Gottes. Vor achtzehn Jahren. In Konstantinopel. IV. Oben, auf dem zur Verteidigung geschaffenen Berge, organisiert Gabriel Bagradian eine übermenschliche Tat. Und der Epiker, der das Verteidigungs-Epos dichtet, tut desgleichen. Denn mit jäher Spannung ist jeder Augenblick der vierzig Tage geladen, die der Fünftausend auf dem Berge Musa harren. Eine Welt im Kleinen lebt dort und, kraft des Dichters, leben wir inmitten. Welche überwältigende Fülle von Schicksal, Ahnung und Gestalt! Da ist Juliette, die in der Rue Kleber und im Luxus aufgewachsene Gattin Bagradians, die desto mehr Französin wird, je mahr Gabriel, der Gatte, und Stephan, der Sohn, das Volkhafte in sich, das unausrottbar Heimatliche wiederfinden. Vierzehn Jahre war Gabriel Bagradian Europäer. Jetzt ist er, über Nacht, Armenier geworden, da klafft, oben auf dem Berg, die Kluft, da scheiden sich, tief im Gefühl, die organi-