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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1934-01-01 · 1 (1.1.1934) · p. Seite 4

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
10 (1934)
Issue
1 (1.1.1934)
Date
1934-01-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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4 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. l mus gebracht werden, so daß im Liberalismus manches war, das von jüdischer, katholischer, protestantischer Seite als nicht Preiszugebendes angesehen wurde. Aber die Gerechtigkeit, der Universalismus, die Freiheit als jüdische oder christliche Gedanken sind von der Gerechtigkeit, dem Universalismus und der Freiheit des Liberalismus doch so verschieden, wie eben Religion und.Politik voneinander verschieden sind. Wenn der religiöse Brudergedanke zur Idee der Gleichheit, das barmherzige Tun zum sozialistischen Programm, die religiöse Friedenshoffnung zum Pazifismus wird, so hat eine Säkularisation stattgefunden, die nicht nur eine Uberleitung in weltliche Form, sondern auch eine Verwandlung ist. Der Liberalismus ist Politik. Liberales Judentum im Sinne des europäischen Liberalismus würde rettungslos ein politisiertes und daher ein säkularisiertes Judentum sein. Es ist daher nicht von einem liberalen, sondern besser von einem neuzeitlichen Judentum zu reden. In dieses sind wir durch die Wendung vom jüdischen Gesetz-zum jüdischen Menschen eingetreten. Diese Wendung, die echtes und tiefes religiöses Verhalten war, wurde von der jüdischen Gruppe getragen und entscheidend verwirklicht, die sich im 19. Jahrhundert religiös-liberales Judentum genannt hat Es gibt in Zukunft kein Judentum, das von der großen religiösen Bewegung, die diese Gruppe hervorgerufen hat, von ihrer hervorragenden Gemeindearbeit, ihren Leistungen in jüdischer Wissenschaft und Theologie unabhängig sein könnte. Die Abhängigkeit deutlich und dankbar auszusprechen, ist zur Klarstellung der geschichtlichen Situation des heutigen Judentums dringend gefordert. Eine „Entwicklung" des Judentums hat nicht stattgefunden. Wie soll sich das Judentum „entwickeln"? An die Kette der vergangenen Generationen, die in einer anderen Welt, als es die heutige ist, Judentum lebten und bezeugten, schließt sich eine neue Generation an, die wie die vergangenen Generationen heute in der zwar anders gewordenen geschichtlichen Welt, aber in ihrer nicht anders gewordenen jüdischen Existenz ihr Judentum leben und bezeugen. Der Zionismus Der Zionismus geht als Sieger aus dem 19. Jahrhundert hervor. Aber in einem Punkt ist er dem 19. Jahrhundert verhaftet geblieben, und dieser Punkt ist der jüdische Nationalismus. Am Zionismus ist vieles bewundernswert: die soziale und politische Einsicht, die energische und opferbereite Pionierarbeit und vor allem der den ganzen jüdischen Menschen in Anspruch nehmende Appell. Denn das religiös-liberale und das orthodoxe Judentum begnügten sich mit dem privaten Menschen, beide ganz im Einklang mit der politisch-liberalen These: Religion ist Privatsache. Aber wie sollte sich wirklich Religion mit einem Teil des persönlichen Lebens begnügen und aufhören, den ganzen Menschen für sich anzufordern? Der Zionismus hat wieder den jüdischen Menschen in seiner ganzen Existenz für das Judentum in Anspruch genommen. Damit steht im Zeitalter der Assimilation der Zionismus verglichen mit dem jüdischen Liberalismus und der jüdischen Orthodoxie der Umkehr zum wirklichen Judentum am nächsten. Auch dort, wo es die weltliche Nationalidee war, die das Programm des Zionismus bestimmte, ließ der Wille, jüdisch in ganzer Existenz zu sein, die Gebiete des Schrifttums, wenn auch manchmal nur um der hebräischen Sprache willen, und des jüdisch religiösen Milieus mit Entdeckerfreude aufsuchen. Mancher, der nichts anderes suchte als jüdische „Kultur", als jüdische „Literatur", fand etwas ganz anderes, als er gesucht hatte. Wer am Bibeltext arbeitet, „nur um die Sprache zu lernen", „nur aus wissenschaftlichem, aus historischem Interesse", dem kann manches passieren. Saul zog aus, um die Eselinnen seines Vaters zu suchen, und fand sich Gottes Auftrag gegenübergestellt. Obwohl die Ideologie des Zionismus gerade durch die Nationalideologie viel mehr mit dem liberalen Zeitalter verbunden ist, als die meisten Zionisten ahnen, ist er als Bewegung eine Aufrüttelung alter, verschüttet gewesener jüdischer Kräfte. Franz Rosenzweig, der sich als Nichtzionist gegen die Antizionisten wandte, nannte die Zionisten die „besseren Juden".6 Wenn Juden mit den Ideologien des politischen Liberalismus das Judentum zersetzten, so hatte der Zionismus in seinem Abwehrkampf hundertprozentig Recht gehabt. Wenn der Zionismus in diesem Kampf, um sich gegen die Internationalitätsideologie zu behaupten, die nationale Ideologie aufgriff, so ist es aus der Kampflage des 19. Jahrhunderts zu begreifen. Das 19. Jahrhundert aber ist vorüber. Der Zionismus belastet seine wundervolle Arbeit mit einer Ideologie aus einer überwundenen Zeit. Schon deshalb sollte im Interesse der zionistischen Arbeit die Nationalidee überprüft werden. Der Zionismus ist heute stark genug, um ohne Gefahr diese Revision vorzunehmen. Nicht vom politischen Liberalismus aus soll der jüdische Nationalismus kritisiert werden, sondern von der religiösen Positon des Judentums aus, die mit dem politischen Liberalismus nichts zu tun hat. Für diese religiöse Position ist es untragbar das jüdische Volk das nicht als Volk „wie alle Völker" angesehen werden darf, als jüdische Nation angesprochen zu sehen. Nation ist immer weltliche Nation. Das jüdische Volk, das ein Glaubensvolk ist, kann nie als jüdische Nation bezeichnet werden. Nochmals sei auf den Unterschied zwischen religiösem und liberalem Freiheitsbegriff hingewiesen. Die in Gott gebundene Person ist durch diese Bindung — nicht trotz dieser Bindung — frei. Das ist der religiöse Freiheitsbegriff. Das auf sich allein gestellte Vernunfts-Ich ist frei. Das ist der weltliche, alle Bindungen zersetzende, auflösende Freiheitsbegriff der bürgerlichen französischen Revolution. Ist das Volk als Ganzes von diesem bürgerlichen Freiheitsbegriff erfaßt, so ist aus Volk Nation geworden. Eine „jüdische Nation" hätte sich von der jüdischen Vergangenheit genau so losgerissen, wie ein jüdischer Liberalismus es mit seiner Utopie der Menschheit tut. In dem für Volkstum blinden 19. Jahrhundert wurde Volk zur Nation zersetzt. Es gibt nur eine Nation, die französische: la nation. Die deutsche gegen das „Westlertum" kämpfende Bewegung der Nachkriegszeit distanziert sich in tiefschürfenden Überlegungen vom städtischen, also nur den intellektuellen Teil des Volkes integrierenden Nationalismus als einer Weltanschauung der französischen, bürgerlichen, antireligiösen Revolution. Diese Distanzierung ist keine Annäherung an die liberalen, kosmopolitischen Ideen. Diese Ideen sind dort nicht nötig, wo die Volksgemeinschaft nicht in das Streckbett der französischen Nationalstaatsidee gezwängt wurde. Den Schritt vom jüdischen Nationalismus Theodor Herzls, der die Judenstaatsidee in Paris konzipierte, zur Zionsliebe Jehuda Halevis hat der Zionsmus zu gehen, und mit diesem Schritt, der ein Schritt nach vorwärts ist, würde auch der Zionismus des 19. Jahrhunderts, das ihn durch die Nationalideologie noch an sich bindet, verlassen können. Anmerkungen: (Die angeführten Titel betreffen sämtlich Schriften Franz Rosenzweigs.) 1 „Bildung — und kein Ende" in „Zweistromland". Kleinere Schriften zur Religion und Philosophie. Philo-Verlag 1926. S. 43; — „Die Bauleute" in „Zweistromland", S. 48—65. 2 „Bildung — und kein Ende". S. 38. 3 „Der Stern der Erlösung". 2. Aufl. J. Kauffmann Verlag 1930. S. 15 (Erster Teil). 4 „Der Stern der Erlösung". S. 119 (Dritter Teil). „Das Ewige hat keine Geschichte, höchstens eine Vorgeschichte". ß „Briefe eines Nichtzionisten an einen Antizionisten" in „Der Jude", Sonderheft zu Martin Bubers 50. Geburtstag. Jüdischer Verlag, Berlin. S. 84.

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