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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1934-01-01 · 1 (1.1.1934) · p. Seite 3

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
10 (1934)
Issue
1 (1.1.1934)
Date
1934-01-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 1 Bayerische Israelitische Gemeindezeiturig 3 Durchbruch des Juden. Die persönliche Entscheidung ist uns freigestellt. Der eine wird durch das Gesetz viele, der andere nur wenige, ganz bestimmte, aus der Woche, aus dem profanen Leben herausgehobene Lebensstunden heiligen. Aber die Entscheidung bleibt jüdisch. Da ist uns nichts freigestellt, da sind wir gebunden. Das jüdische Gesetz ist für jeden Juden da, der seine Existenz begreift. Der jüdisch-religiöse Liberalismus Wenn der Liberalismus eine Politik ist, kann es einen jüdischen Liberalismus nicht geben. Wie sehr auch der politische Liberalismus, der das gesamte Leben des 19. Jahrhunderts bestimmte, der dem Judentum die politische Freiheit brachte, das Judentum anzog, irritierte und auch zersetzte, es liegen echte religiöse Gründe vor, die den jüdisch-religiösen Liberalismus als wirklich religiöse Bewegung rechtfertigen und ihn vom politischen Liberalismus so unterscheiden, daß nichts anderes als Namensgleichheit vorliegt. Der in Gott gebundene Mensch nennt sich frei. Diese „herrliche Freiheit der Kinder Gottes" ist nicht identisch mit der Freiheit des autonomen, auf sich allein gestellten Menschen, der keinen Gott braucht. Die Freiheit des an Gott glaubenden Menschen hat nichts zu tun mit der Freiheit des Individuums, das sich in seinem Turm verschließt und alle Brücken, die zu Gott und zum Nächsten führen, abgebrochen hat. Der jüdisch-religiöse Liberalismus ist als jüdisch-religiöse Bewegung nicht zu identifizieren mit der von der französischen Revolution sich herleitenden säkularen Bewegung. Der jüdisch-religiöse Liberalismus hat als religiöse Bewegung nach dem Zerfall des Mittelalters das Judentum in der Neuzeit bewahrt, erweckt und erstarken lassen. Das neuzeitliche Judentum, an dem der jüdisch-religiöse Liberalismus gearbeitet hat, unterscheidet sich vom mittelalterlichen nicht als Judentum, sondern nur so, wie. sich Mittelalter und Neuzeit unterscheiden. Die Entdekkung der Neuzeit ist der Mensch. Neben Gott und neben der Welt gibt es den Menschen.3 Der philosophische Monismus der Griechen hat nur die Gott und Mensch umschlingende Welt jresehen: das All. In der Bibel findet sich das Welt vergessende Gespräch zwischen Gott und Mensch. Die Scholastik des Mittelalters ist Synthese zwischen Aristoteles und der Bibel: der Mensch ist zwar nicht mehr bloß politisches Naturwesen wie in der Antike, zwar schon als Berufsperson — Ritter, Priester, Bürger — gesehen, aber noch nicht gesehen als Mensch. Die Neuzeit entdeckt den Menschen. Die Herrlichkeit Gottes und die Vielfältigkeit der Welt stehen in Beziehung mit dem Menschen, der vor Gott Geschöpf, der Welt und allen ihren Mächten gegenüber freie Persönlichkeit ist. Die herrliche Freiheit des Menschen ist dies, daß der in Gott gebundene Mensch der Welt gegenüber frei ist. Es gibt vieles in der Welt, das dem Menschen gegenübersteht und seine Freiheit beschränkt: der Tod überhaupt, dem jeder verfällt, die Beschränktheit des Lebens, die Arme oder Reiche, Gesunde oder Kranke, Satte oder Darbende kennt, und die Gewalt der Ordnungen, die Befehlende und Gehorchende unterscheidet. Die Neuzeit verlangt nicht mehr, aber auch nicht weniger, daß, wieviel oder wie wenig dem Menschen zugemutet wird, er immer ein von Gott mit Namen Gerufener, das heißt, ein aus der Welt Herausgehobener bleibt, daß er nie Sache, nämlich totes Stück der Welt, sei, sondern immer Persönlichkeit. Alle Beschränkung, die dem Menschen zugemutet wird, hat ihn als Menschen, der nie Sache ist, zu betrachten. Dieses Menschenrecht ist das Recht, das nicht nur die Welt, sondern auch Gott sieht und deshalb den Menschen entdeckt. Dieses Menschenrecht ist kein Aufstand gegen Gott. Weil wir von Gott wissen, wissen wir um das Recht des Menschen. Auch die geschichtliche Welt ist Welt. Der Geschichtsidealismus, der meint, den Raum der Geschichte nicht verlassen zu müssen, um Gott zu begegnen, ist Welt-verloren. Jeder Tempel, den der Fromme in scheuer Liebe umgibt, ist Welt. Jedes Land, das der schollenverbundene Mensch in treuer Liebe Heimat nennt, und jeder Staat, dem der Gut und Blut dahingehende Gehorsam in ehrfurchtverbundener Liebe dient, ist Welt. Aller Herrlichkeit, aller Tiefe der Welt gegenüber gilt die Mahnung des Dekalogs: „Ich bin der Ewige Dein Gott...... Du sollst Tceine anderen Götter haben vor mir." Einst hat auch der Jude ein Stück Welt besessen und im gleichen Sinne, wie alle anderen Völker der Erde an ihrer geschichtlich gewordenen Welt festgehalten, seine „jüdische Welt" umhegt. Von dieser jüdischen Welt ist übrig — eine Mauer. Es ist die Westwand des Tempels zu Jerusalem. Mit dem Tempelbrand schließt die „Vorgeschichte"* des jüdischen Volkes. Wie aber einst der Tempel die Einheit Israels darstellte, hat nach dem Tempelbrand eine andere Welt diese Israel sammelnde und zusammenhaltende Leistung vollbracht Es ist die Welt des jüdischen Gesetzes. Die eine Ordnung des jüdischen Betens, des jüdischen Brauchtums und des barmherzigen Tuns schuf jenen „Panzer" des Gesetzes, der die jüdische Gemeinschaft als Gemeinschaft erhielt. Dieser Panzer ist heute gesprengt. Die jüdische Welt der streng bestimmten Bräüche und Formen ist dem Juden der Neuzeit als geschichtlich gewordene Welt deutlich geworden. Der mit dieser Welt einst innig verbundene jüdische Mensch entdeckt sich selbst neben und unabhängig von dieser jüdischen Weit. Diese Entdeckung, mit der die Neuzeit auch am Judentum nicht vorübergeht, läßt uns von der jüdischen Welt auf den jüdischen Menschen zurückgehen. Der jüdische Mensch ist jüdischer Mensch durch sein bestimmtes Schicksal, das er als Glaubensschicksal erkennt und als solches bejaht. Das jüdische Schicksal ist von Gott her und von der Welt her bestimmt: durch die Erwählung und durch das Exil. Die Erwählung des Juden bedeutet nicht nur Erweckung zum Glauben an Gott — was unterschiede uns dann von unsern christlichen Brüdern? —, sondern die jüdische Erwählung schafft unsere totale Existenz. Auch den Juden, der nicht glaubt, läßt Gott nicht los. In seinem Schicksal wird der Jude zu Gott hingezwungen. Denn während dem Christen die Welt sich freundlich öffnet, ihm als Welt, nur als Welt, gegenübersteht, heißt die Welt des Juden —. Exil. Die Lieder der Welt und die Lieder „an den Bächen Babels" weiß der Jude zu unterscheiden. Der Jude vergißt Gott nicht in der Welt. „Diese Welt" läßt ihn Gott nicht vergessen. Der jüdische Mensch hat nicht nur ein Volks- Schicksal, sondern ein Glaubens Schicksal. Er hat auch nicht, etwa nur als religiöser Mensch wie jeder andere religiöse Mensch, ein bestimmtes, eben jüdisches Glaubensbekenntnis, sondern er hat ein Glaubens Schicksal. Die Einheit Israels, die einst durch den Israel sammelnden Tempel, einst durch das Israel zusammenschließende Gesetz geschaffen wurde, erscheint uns Heutigen garantiert, indem wir uns als jüdische Menschen begreifen. Die Wendung vom jüdischen Gesetz zum jüdischen Menschen charakterisiert das heutige Judentum als neuzeitliches Judentum. Soll sich dieses moderne Judentum als liberales Judentum bezeichnen? Die Ideen, die sich mit der französischen Revolution die Welt erobert haben, sind in Wirklichkeit schon seit der Renaissance in Europa zu Hause. Diese mit der Renaissance aufkommenden und mit der französischen Revolution sich über die ganze Welt verbreitenden Gedanken sind durch die Säkularisation der mittelalterlichen religiösen Welt entstanden. Es gibt heute wieder ein Heidentum, das genau so Heidentum ist wie das des römischen Imperiums, mit dem das Judentum einst politisch und weltanschaulich zusammenstieß. Obwohl der Liberalismus als rein politische Ideologie durchaus keine religiöse, sondern auch als geistige Bewegung heidnische Bewegung ist, ist er es doch oft gewesen, der mit den Ideologien der Humanität, der Freiheit, der Gleichheit, der Brüderlichkeit in die heidnische Welt Reste des alten jüdischchristlichen Verhaltens hineinleitete. Nicht, daß diese liberalen Ideologien etwas anderes wären als politische Ideologien, aber sie hatten Affinität zu religiösen Gedanken. So konnten die Gedanken des Liberalismus in Zusammenhang mit der Gerechtigkeitsforderung der Propheten, mit dem Universalismus der katholischen Kirche, mit der Freiheitsliebe des Protestantis- Küchenmeister Weinessig für Salate und zum Einmachen. Magister Mönchen 7

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