Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 24 (15.12.1933)
- Date
- 1933-12-15
- Page
- Seite 398 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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398 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 24 Jüdische Eigenschaffen" Eine Kriegstagebucheintragung aus dem Jahre 1915 Aus den Aufzeichnungen „Aus dem Krieg" (als Buch erschienen bei Rütten & Loening, Frankfurt am Main 1925) Von Rudolf G. Binding Rudolf G. Binding darf als unverdächtiger Zeuge der besten deutschen Gesinnung gelten. Durch seine jüngst erschienene „Antwort eines Deutschen an die Welt", worin er das neue Deutschland gegen die Anschuldigungen Romain Rollands verteidigt, spricht ein deutscher Dichter, gläubig und ohne Vorbehalt für Deutschland in die Schranken tretend. Um so größere Beachtung beanspruchen die folgenden unbefangenen Kriegstagebucheintragungen über jüdische Offiziere im Krieg und über echte oder unechte „jüdische Eigenschaften". 2 4. März 1915 Die Ernennung von B.B. zum. Offizier ist erfreulich. Doch muß er sich nicht nur gut und tapfer benommen haben — woran kein Zweifel ist — sondern seine Vorgesetzten müssen ihn auch durchgesetzt haben. Ich war in derselben Lage, einen Juden zum Offizier einzugeben, und hatte Mühe ihn durchzusetzen. Aber trotzdem ich voll überzeugt bin, daß der Krieg die Beförderung von jedem, der sich in hohem Maße auszeichnet ganz und gar rechtfertigt und ich gerade aus dieser Erwägung für sie eintrete, beweisen doch viele Fälle, daß sich die Juden oft nicht zu Offizieren und zu Befehlsstellen eignen. Daher es gerade um i h r e t willen schwer zu verantworten ist, sie zu Offizieren zu machen! Ich habe mir lange überlegt, woran es nun eigentlich liegt. Es ist, wie ich mir denke, so als ob man von einem durch Inzucht auf gewisse bestimmte sich immer wieder durchsetzende Eigenschaften gezüchteten Wesen verlangen würde, es solle plötzlich Eigenschaften äußern, die ihm nach dem für es angewandten Zuchtsystem gar nicht eigen sind. Es gibt ja auch . andere Berufe, die der Jude instinktiv von sich oder für sich ablehnt, einfach nicht ergreift. Und ich bin überzeugt, daß er innerlich kein Offizier ist, wie mir auch mein prächtiger K. bestätigt, der als Jude von den Juden sagte: ich muß sie doch kennen. Man nehme einmal an, wir hätten ein Söldnerheer. Würde wohl der Jude das Soldatensein zu seinem Berufe erwählen? Daß er sich zum Offizier tauglich fühlt, liegt nicht daran, daß er es ist, daß er geborener Offizier ist, sondern daran, daß er beweisen will, er könne es auch. An dieser Stelle möchte ich erzählen, wie ich einen Juden zum Offizier vorschlug und was sich dabei ereignete. Im Anfang des Krieges wurden vielfach Offiziersaspiranten der Kavallerie in die Stelle von Ordonnanzoffizieren zu den Infanteriebrigaden kommandiert. Diese Anleihen bei den Kavallerieformationen geschahen, weil man die Infanterie nicht durch Abkommandierungen von Offizieren oder solchen, die es werden konnten, schwächen wollte. Auch ich erhielt den Befehl, zum Stabe eines Generals, der eine unserer Infanteriebrigaden befehligte, einen Ordonnanzoffizier zu kommandieren. Ich kommandierte den Vizewachtmeister der Landwehr Koch an die Stelle. Der General war glücklich mit seinem Ordonnanzoffizier. Dieser war ein gebildeter, anstelliger junger Männ> sah gut aus, ritt gut und trug sein Herz auf dem rechten Fleck. Seit K. beim Stabe war, gediehen, wie der General mit Wohlgefallen bemerkte, seine Pferde; auch für sein Wohl war besser gesorgt als früher. Er ritt allein mit K. die Stellungen seiner Truppen ab, da keiner sich auf der Karte so gut zurechtfand als sein neuer Ordonnanzoffizier. Es waren noch mancherlei Tugenden,;die der General an ihm entdeckte. '. Es vergingen kaum ein paar Wochen, so erhielt der Vizevwachtmeister, der sich bei einigen Aufträgen und Unternehmun- Isi:!-AiiKiHmu\<; vom Münchner SportarfikehVertrleb G.m.b.H. Plafzl 5 (neben der Bonboniere) gen hervorgetan hatte, auf Vorschlag des Generals das Eiserne Kreuz. Als der General die Zeit für gekommen erachtete, schrieb er an mich einen Brief. Er stellte mir vor, wie man doch einen so tüchtigen jungen Menschen nicht wohl weiter ohne die silbernen Offiziersachselstücke herumlaufen lassen dürfe, da er alles in sich vereinige, was man von einem Offizier verlangen, könne. Ich solle für den Vizewachtmeister, [den er für die planmäßige Stelle eines Ordonnanzoffiziers in seinem Stabe vorsehe, einen Beförderungsvorschlag einreichen. Er würde die Eingabe befürworten. Da K. meiner Schwadron unterstand, hatte ich allerdings die Eingabe an den Kaiser zu machen. Die Befürwortung durch den General mochte helfen. Ich tat wie er es verlangte. Am folgenden Tage gelangte, da auch ich es meinerseits verantworten konnte, ein Vorschlag zur Beförderung zum Offizier im Beurlaubtenstande, wie ein derartiges Schriftstück sich zu nennen die Ehre hat, in die Hand des Generals. Alle Spalten, wie sie die gestrenge Vorschrift für eine solche Urkunde verlangt, waren säuberlich gezogen und ordnungsgemäß ausgefüllt. Der General überlas wohlgefällig die gemachten Angaben. Da standen Name und. Vorname, Geburtsdatum und Beruf. Der Mann lebte in geordneten Verhältnissen, der General hatte sich nicht getäuscht. Aber plötzlich erstarrte er: Denn da stand, gerade unter dem Wort Religion — es war nicht zu verkennen: gerade unter dem Wort Religion stand: mosaisch. Der General geriet in eine Aufregung ohnegleichen. Alles was preußisch in ihm war, sträubte sich in ihm, und alles, was christlich war, nicht minder. Und der General war sehr preußisch und sehr christlich. Was tun? Er ritt sofort zu mir. „Haben sie denn das gewußt, daß K. Jude ist?", rief er. — „Gewiß habe ich das gewußt", sagte ich. — „Dann können sie ihn aber doch nicht zum Offizier vorschlagen!", sagte der General sehr überzeugend. — „Ich kann nicht finden", sagte ich, „daß sein Glaube in irgendwelcher Weise seine Tapferkeit, seine Brauchbarkeit, seinen Anstand und alle jene Vorzüge beeinträchtigt, die sie, Herr General, wie sie mir oft genug sagten, an ihm entdeckt haben und an ihm schätzen". „Na ja!", sägte der General, „das soll ja auch nicht bestritten werden. Aber sie müssen doch zugeben, daß er Eigenschaften hat; ich meine, jüdische Eigenschaften, die —" Ich erwiderte vorsichtig, daß der General aber jedenfalls bisher diese Eigenschaften nicht bemerkt habe. Übrigens wisse ich auch nicht, welche er meine. Der General ging darauf nicht näher ein. „Na, das geht doch nicht!", sagte er. „Sie müssen eben die Eingabe zurückziehen." „Aber Herr General," sagte ich, „sie selber haben den Vorschlag doch einverlangt! Wie kann ich einen Beförderungsvorschlag für einen Untergebenen zurückziehen, den ich nach Pflicht und Gewissen eingereicht habe?" Der General ging. Aber er gab seine Sache nicht auf. Er zog die Weitergabe des Beförderungsvorschlages eine Zeitlang hin. Tagtäglich verhandelte er den Fall. Ich konnte doch, nicht blind sein! Der Vizewachtmeister hatte doch jüdische Eigenschaften! Sie spielten die Hauptrolle in seinen Argumenten. So lief die Sache eine Woche oder zwei. Eines Tages hatte mich der General wieder bei seinem Gegenstand. „Sie mögen mir sagen was sie wollen," sagte er zu mir, „K. hat unerträglich jüdische Eigenschaften, eigentlich nur j ü d i s c h e E i g e n-s c h a f t e n". Ich dachte: so geht das nicht weiter. „Tja, Herr General", sagte ich fast verwundert, „wenn er doch ein Jude ist. was soll er eigentlich andere Eigenschaften haben als jüdische?".