Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 24 (15.12.1933)
- Date
- 1933-12-15
- Page
- Seite 396 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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396 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 24 daß ich mich erheben soll, ich erhebe mich nicht. Wann erst erhebe ich mich? Wenn ich sehe, wie Arme beraubt werden und Dürftige wehklagen. Das ists, was geschrieben steht (Ps. 12, 6): Wegen der 'Gewalttat an den Armen, wegen des Wehgeschreis der Dürftigen, jetzt erhebe ich mich, spricht der Ewige." Also um die politischen Händel der Welt, um Staatsräson und um die staatsbürgerliche Stellung der Juden kümmert sieh Gott nach der traditionellen jüdischen Lehre nicht; nur soweit die Religion und die Haltung der göttlichen Gebote gefährdet ist, greift er ein. Die in den: profanen Geschichtsquellen der Antike gar nicht vorkommende persisch-jüdische Purim-Episode wurde durch Bibel und Talmud in eigenen Büchern fixiert und dogmatisiert. Der weltgeschichtliche nationale Befreiungskampf der Makkabäer, der im hellsten Licht zeitgenössischer jüdischer und nicht-jüdischer historischer Quellen steht, blieb außerhalb von Kanon und Dogma. Das 1. Makkabäerbuch, das wir eingangs schon charakterisiert haben, ist ursprünglich hebräisch geschrieben (Hieronymus lag noch die hebräische Urschrift vor; auch ohnedies weisen die Hebraismen der griechischen Fassung eindeutig darauf hin); es behandelt die jüdische Geschichte vom Regierungsantritt Antiochus IV. Epiphanes (174) bis zum Tode des Makkabäers Simon (134). Von heißer Liebe zum eigenen Volk und zu dem ruhmreichen Hasmonäergeschlecht beseelt, erzählt es schlicht und ansprechend^ Der Gegensatz zwischen jüdischem und griechischem Geist wird als Ursache des Krieges erkannt; aber die jüdischen Erfolge führt es auf kriegerische Tüchtigkeit und politische Klugheit der Führer zurück. Von den biblischen Büchern hat es die Sprechweise und die religiös-sittlichen Beispiele. Sein Wert als Geschichtsquelle wird unbestritten als groß angesehen. Von gleich großer Wichtigkeit ist gerade als Pendant das zweite, ganz anders geartete Makkabäer-Buch. Ein echt griechisches Sprachwerk, bei dem jedes semitische Original ausgeschlossen ist, behandelt es in starker Rhetorik und prohasmonäischer Tendenz die Zeit von Heliodors Anschlag auf den Tempelschatz (175) bis zum Sieg des Nikanor (160); es ist nur ein Auszug aus dem öbändigen griechischen Werk eines Juden, aber in Denk- und Sprachform rein hellenistisch. Beide Bücher sind von stark religiösem, gesetzestreuem Geist durchdrungen; beide Bücher sind nur dadurch erhalten, daß sie von der christlichen Kirche in den biblischen Kanon aufgenommen wurden. Bei der eindeutigen Ausschließung der Kampfhandlungen wie überhaupt des ganzen politischen Hintergrundes der Makkabäerkriege und ihrer buchmäßigen Überlieferung aus Dogma und Kanon des thoratreuen Judentums besteht kein religiöses Hindernis, die historischen Quellen unbefangen und kritisch zu prüfen. Dabei haben wir uns in aller Schärfe bewußt zu machen: Die Gründe für jenes Außerhalbstehen und Ausgeschlossensein von Judä Makkabi aus Lehre und 'Schrift führen mitten in das 'Grundwesen desjenigen Judentums hinein, das nach dem Verlust des staatlichen Eigenlebens den innerjüdischen Sieg über alle anderen, sei es weltlichen, freieren, sei es rigoroseren und sektierer-ischen Tendenzen davon getragen hat und das von einem nicht ganz affektfreien, nicht-jüdischen Standort aus manchmal als das Talmudjudentum bezeichnet wird. Diese Gründe darzulegen^ würde auch sofort wieder den großen, noch heute nicht geschlichteten innerjüdischen Streit von Jahrtausenden zwischen gesetzestreuen und gesetzesfreien Juden entfachen; eine solche Erörterung soll daher, so produktiv die Austragung auch wäre, wenn sie mit reinen Waffen, und nur aus heißer Liebe zur Sache möglich wäre, hier unterbleiben. Wir wissen heute jedenfalls: Die ins politische Weltgetriebe immer mehr verstrickte Dynastie der Makkabäer mit ihrem u s u r p i e r t e nHochpriestertum, das darauf folgende Regiment der i dum äi s cheh Bastarde (seit 4 1) und dann die sich vollendende römische Fremdherrscha f t konnten die religiösen Erzieher des Judentumsnurdarinbestärken,dieFrönvm i g k e i t wieder auf die der Welt und der Politik ab gewandte gesetzest reueRichtung zurückzuführen und die hellenisch-jüdischeSymbiosealsUnheilfü;r den Bestand des Judentums anzusehen. Aus den Urkunden der beiden Makkabäer-Bücher selbst, aus ihrem Wortlaut und ihrer religiösen Haltung, wäre keinesfalls ein Verständnis dafür zu gewinnen, warum sie zu den „chizunim" gehören, also nicht in die heiligen Schriften, die Kethubim, aufgenommen wurden; auch der in Frage stehende Zeitabschnitt und ihr späterer Ursprung schlösse an und für sich diese Zugehörigkeit nicht aus. Auf den Text der beiden Bücher kann hier nur immer wieder aufs eindringlichste hingewiesen werden. Über die schon oben gebotenen Andeutungen ihres Inhalts, ihrer Form, ihres historischen Wertes hinaus können leider an dieser Stelle keine Untersuchungen angestellt werden. Bedauerlich ist der Rückstand der Forschung und der Mangel an wissenschaftlichen Arbeiten über die Behandlung und Beurteilung der Hasmonäerzeit in Talmud und Midrasch. Die neuere größere Schrift von Aptowitzer (Parteipolitik der Hasmonäerzeit im rabbinischen und pseudoepigraphischen Schriften, Wien und New York 1927) kann dafür noch nicht entschädigen. An Abraham Geigers Charakteristik der Makkabäerbücher in seinem klassischen Werk aiis dem Jahr 1857 „Urschrift und Übersetzungen der Bibel in ihrer Abhängigkeit von der inneren Entwicklung des Judentums" (II. Buch, 4. Abschnitt 'S. 200—230) kann auch heute noch nicht vorübergegangen werden, wenn sich auch seine Hauptthese von der saddukäischen Urheberschaft der ersten und der pharisäischen des zweiten Buches als irrtümlich herausgestellt hat. Dagegen stehen wir vor einer um so reicheren modernen Literatur über unsere Quellenschriften innerhalb des jüdisch-hellenistischen Schrifttums. Die Durcharbeitung dieser Werke bis auf die neueste Zeit läßt auf das schmerzlichste einwandfreie Darstellungen von jüdischer Seite vermissen. Hier werden die Grenzen des Altmeisters der antiken Geschichte, Eduard Meyer, gerade bei seiner Behandlung der Seleukidenherrschaft und des hellenistischen Reformjudentums besonders deutlich sichtbar, obwohl