Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 24 (15.12.1933)
- Date
- 1933-12-15
- Page
- Seite 394 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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394 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 24 irischen Kultur, das Volk sollte aus der Enge einer Tempelgemeinde herausgeführt und von dem Druck der Priesteraristokratie befreit, das Gemeinwesen durch Umwandlung in eine „Polis" (Selbstverwaltungskörper) auch Techtspolitisch dem großen hellenistischen Ganzen angeglichen und eingeordnet werden. Der Hellenismus bedeutete den Kulturfortschritt, aber wie Recht und Unrecht in geschichtlichen Konflikten gewöhnlich unlösbar miteinander verbunden sind, so geriet das Recht des Hellenismus mit dem 'Daseinsrecht des Judentums in Konflikt. Der äußere Kampf geht mit dem Siege des Gottes vom Zion und seines Tempellichtes vorläufig zu Ende. Werfen wir einen unbefangenen Blick auf die Makkabäerbücher, die historischen Hauptquellen in griechischer Sprache, jetzt am leichtesten deutsch zugänglich in der Kautzschen Ausgabe der „Apokryphen und Pseudoepigraphen des Alten Testaments" (Neudruck, Tübingen, Mohr 1921). Die Makkabäerbücher behandeln den heroischen Kampf des jüdischen Kleinvolks mit dem riesenhaften Seleukidenreich; dieser Kampf führte zur Wiederbegründung des jüdischen Nationalstaates. Für die Bewertung auch dieses Krieges ist die Schuldfrage von maßgebender Bedeutung. Das erste Buch der Makkabäer gibt den offiziellen Standpunkt des neu erstandenen jüdischen Staates wieder und sieht als Ursache an die unumgängliche Auseinandersetzung zwischen dem Touöaiouog und dem 'EUr|viG|i6g, zwischen dem Gottesglauben und der Idolatrie; es beginnt seine Erzählung mit der Eroberung des Ostens durch Alexander den Großen: hier wurde der Grund des unvermeidlichen Zusammenstoßes gelegt. Als besonders wertvolle historische Quelle für die Geschichte des Seleukidenreiches hat die Forschung das zweite Buch der Makkabäer erkannt; es ist das einzige uns vollständig erhaltene Denkmal der pathetischen hellenistischen Historiographie. Für die Außenstehenden, für die zeitgenössische griechische öffentliche Meinung erschien jene Krise zwischen Gottesglauben und Götzendienst in einer ganz anderen Beleuchtung. Einmal war es damals allgemein üblich, daß Herrscher ihrem Geldmangel durch Tempelplünderungen abhalfen. Nun brauchte bekanntermaßen Antiochus Epiphanes Geld wie kein anderer König, und so lag es für ihn nahe, auch in die Tempelkasse von Jerusalem zu greifen. Die griechische Geschichtsschreibung (Josephus, Gegen Apion II, 84) verstand so tatsächlich das Vorgehen des Königs gegen die Juden. Es gehört dann weiter zum üblichen Bild des antiken Bürgerzwistes, daß die jeweils schwächere Partei in einer Stadt oder in einem Staat die bewaffnete Intervention einer auswärtigen Macht herbeiführte. Die Historien des damaligen griechischen Geschichtsschreibers Polybius (205—120 vor Chr.), übrigens eines der wenigen Griechen, die sich gegenüber der harten römischen Okkupation ihrer Heimat nicht mit blosser Ablehnung und Flucht in ihre angestammte kulturelle Überlegenheit begnügten, sind voll von Beispielen dieser Art. Als einer der gewöhnlichen Parteistreite wurde von der griechischen Historiographie auch der Kampf zwischen den jüdischen Hellenisten und den nationalistischen Juden aufgefaßt. Und das zweite Makkabäerbuch, das im übrigen streng jüdisch-orthodox eingestellt ist und nach seiner eigenen Aussage (II, 23) einen Auszug aus dem verlorengegangenen fünf Bücher umfassenden Geschichtswerk des hellenistischen Juden Jason von Kyrene darstellt, schließt sich der eben geschilderten rein politischen, kühl urteilenden Auffassung vom eigentlichen Ursprung des Krieges an. Machtgier der jüdischen Großen, Geldgier der Seleukiden sind nach dieser Darstellung Ursachen der Katastrophe und nicht wie nach dem 1. Makkabäerbuch religiöse Prinzipien. Von allen diesen Kämpfen um die irdische Macht wollte das spätere gesetzestreue Judentum nichts mehr wissen, auch nichts von dem heroischen Befreiungskampf des Juda Makkabi, der den Krieg in derselben Weise geführt hat wie die Spanier gegen die Römer oder die schottischen Hochländer gegen die englischen Sachsen. Merkwürdig bleibt die Sekretierung des nationalen Befreiungskampfes durch das legitime Judentum und die Ausschaltung der Makkabäerbücher trotz ihres einwandfreien, streng gläubigen Inhalts aus dem jüdischen Bibelkanon. Die Prophezeiung über die Antiochuszeit in den Versen 33 und 34 des berühmten 11. Kapitels des Daniel-Buches läßt die Abneigung gegen diesen weltlichen Heroismus der Makkabäerkämpfer schon ganz deutlich spüren. Von menschlicher Hilfe wird nichts erwartet, sondern alles auf Gottes unmittelbares Eingreifen abgestellt. Hierher gehört auch aus vielen Gründen (neben anderen Psalmen) der 44. Psalm, der den Gewaltgedanken und nationalen Heroismus verwirft: Nicht mit ihrem Schwert ja ererbten sie Land, ihr Arm, nicht konnte der sie befrein, sondern deine Rechte, dein Arm, und deines Antlitzes Licht.....(Psalm 44, 4.) Nicht auf meinen Bogen verlasse ich mich, mein Schwert, nicht wirds mich befrein, du ja hast uns von unsern Drängern befreit. (Psalm 44, 7 u. 8.) Die Fremdherrschaft, welche dem Volk die Sorge um die eigene politische Gestaltung seiner Geschichte aus der Hand windet, wird von den wahrhaft Frommen als gottgewollt hingenommen; über allem steht die Gebotserfüllung des Gesetzes. Gottes Sache allein ist es nach dieser Haltung, wann und wie er einen Wandel herbeiführen will. Den Aufstand der Makkabäer hat auch das spätere rabbinische Judentum! nicht als siegreiche nationale Erhebung rezipiert. Aus der Geschichte der damaligen Kämpfe wurde vielmehr nur die Überwindung des Unglaubens und Götzendienstes in Form der Einsetzung von Gebet und Mizwah sanktioniert. Aus der Thora und den Propheten bestimmte man zur Vorlesung an den Ghanukkah-Tagen nicht entsprechende Stellen aus den Befreiungskämpfen Israels, sondern den Abschnitt über die Einweihung des Stiftszeltes in der Wüste durch Mose (4. B. Mose, Kap. 7) und als Haphtarah am Sabbat-Chanukkah die berühmten Secharjah- Kapitel mit dem Kernsatz (Secharjah 4, 6): „Nicht mit Soldaten und nicht mit Gewalt, sondern durch meinen