Mannheim
Compact Memory

Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1933-12-01 · 23 (1.12.1933) · p. Seite 371

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
9 (1933)
Issue
23 (1.12.1933)
Date
1933-12-01
Page
Seite 371 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2727810-2727975-2727998--09247-2742511
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr. 23 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 371 Luthers Kampf gegen die Juden Am 10. November jährte sich zum 45 0. Mal die Geburt des deutschen Reformators. Die beiden furchtbaren Kampfschriften Luthers gegen die Juden aus den Jahren 1542 und 1543 „Von den Juden und ihren Lügen" und „Vom Schern Hamphoras" schnüren uns so oft wir sie lesen von Neuem die Kehle zu. Man sollte als Jude diesen beiden klassischen Urkunden ungebändigter, maßloser Judenfeindschaft nicht aus dem Weg gehen und sie im ungeschminkten sprachgewaltigen Urtext, möglichst in einem Originalexemplar der Zeit, das noch den Zeitgeruch trägt, eindringlich studieren. Es geht hier um keine antiquarische Kuriosität, um keine 4 sonderbare Altersschrulle eines großen Mannes, zu seinem 450. Geburtstag wiedererzählt. Wie damals Martin Luther gegen die Juden losbrach, so tönt es immer wieder aus dem deutschen Volke seit 450 Jahren. Wir erleben im November 1933, daß zahlreiche bedeutende Vertreter der protestantischen Kirche und Lehre sich diese Stellung Luthers ausdrücklich zu eigen machen, ihm Wort für Wort nachsprechen und seine Judenschriften eindringlich zitieren und empfehlen.1 „Es ist ein fürchterliches Gericht, das hier Luther über die Juden hältund wir können feststellen, daß er in der Beurteilung ihres schädlichen Einflusses auf Deutschland völlig mit der völkischen Auffassung unserer Tage ü b e r e i n s t i m m t," sagt im Novemberheft von Velhagen und Klasings Monatsheften, nicht etwa in einer theologischen Zeitschrift, ein weithin berühmter evangelischer Theologe der Berliner Universität, der Nachfolger Harnacks. Dabei beantwortet der gleiche Theologe — was seinem Urteil ein besonderes Gewicht gibt — die Frage nach dem artfremden, jüdischen Charakter des Christentums durchaus überlegen und unbeeinflußt vom Zeitgeist: „Seit die Idee von der beherrschenden Bedeutung der Rasse und von der gestaltbildenden Kraft des Volkstums das geistige Leben Deutschlands aufzuwühlen begann, ist auch die Frage in immer neuen Gestalten in unser Leben getreten, ob die seit über einem Jahrtausend traditionelle Religion unseres Volkes seiner deutschen Veranlagung entspreche oder ein fremder Eindringling sei, der wertvolle Anlagen des Germanentums ertötet oder doch wenigstens lahmgeigt habe. Man hat versucht, durch allerlei gelehrte Kunststückchen dieser Frage auszuweichen. Das Beliebteste unter diesen ist die Behauptung, Jesus sei ein Arier gewesen. Wendet man es an, so hat man die angenehme 1 Zu dem Folgenden nenne ich zur ersten Einführung in das Problem vier Arbeiten der neuesten Zeit und zwei ältere: Erich Vogelsang, Luthers Kampf gegen die Juden (Mohr 1933). — Hans Schmidt, Luther und das Buch der Psalmen (Mohr 1933). — Hans Lietzmann. Luther als deutscher Christ (Nov.-Heft von Velhagen & Klasings Monatsheften). — Karl Barth, Das Geheimnis um Luther (Deutsche Allg. Ztg. v. 5. 11. 1933). — Gerhard Ritter, Luther, Gestalt und Symbol (Bruckmann 1925). Gegen Ritter in eindeutiger Schärfe: Gogarten, Luther und die Gegenwart (Münch. N. N. v. 19. 11. 1933). — Reinhold Lewin, Luthers Stellung zu den Juden (Berlin 1911). Möglichkeit, alles, was dem modernen völkischen Gefühl entspricht, auf den Arier Jesus zurückzuführen, und für alle unerwünschten Züge in christlicher Lehre und Sitte den Juden Paulus verantwortlich zu machen. Aber das ist, wie gesagt, ein Kunststückchen, dem ernsthafte Wissenschaft keine Berechtigung zuerkennen kann. Das Urchristentum, vor allem Jesus und seine Jünger, wurzelt im Spätjudentum und damit in der Tradition des Alten Testamentes. Es ist daraus durch kein wissenschaftlich erlaubtes Mittel loszulösen, und das Urproblem nach dem artfremden Charakter des Christentums bleibt für den Germanen in voller Schärfe bestehen. Es kann nur durch hingebende historische Arbeit gelöst werden, und wer daran mitarbeiten will, muß sich die billigen Schlagworte versagen und mit reiner Hingabe die Ouellen befragen. Vor allem ist es gefährlich, von dogmatischen Konstruktionen her das Problem beantworten zu wollen. Wenn man sich das Wesen des Germanentums in schöpferischer Phantasie konstruiert und daneben irgend eine theoretische Formulierung vom Wesen des Christentums stellt, ganz einerlei, von wem sie herstammt, so kann man freilich diese beiden Gedankengebilde miteinander ringen und eins das andere besiegen lassen; aber Beweiskraft wird das Ergebnis immer nur für diejenigen haben, die auch an die Richtigkeit der beiden Idealkonstruktionen glauben. Der kritische Zuschauer wird bei näherem Hinsehen bemerken, daß das gewonnene Ergebnis des Kampfes in den meisten Fällen bereits bei der Schaffung jener Idealbilder Pate gestanden hat." Wer dieses überlegte und überlegene Urteil ausspricht, weiß natürlich auch, daß Luthers Judenfeindschaft nicht aus rassischen Beweggründen stammt, „sondern das Ergebnis einer religiösen Deutung der oraktischen Erfahrungen ist, die er mit den Juden gemacht hat". Aber das Opfer an den Zeitgeist, der salto mortale in den Strom der Zeit bleibt nicht aus, indem der gleiche Autor fortfährt: „Und gerade diese religiöse Deutung befähigt ihn (Luther) auch, das Judenproblem in seiner Totalität zu erfassen, es als das Verhängnis eines ganzen Volkes zu begreifen, das den einzelnen mit sich fortreißt und individuelles Mitleid verbiete t." Was sagt Luther eigentlich von den Juden? Er folgt ohne Einschränkung der bekannten christlich-dogmatischen Deutung des jüdischen Schicksals als einer Strafe für ihren Unglauben und Christusmord: .. . Und weil sie bis auf den heutigen Tag diesen Christus Gottes leugnen, „erregen sie immer aufs Neue ihrer Väter Sünde durch ihr verstockt Herz und bleiben also immerdar verdammte Juden". Luther zieht die unerbittliche Folgerung für die lebendigen Juden seiner Gegenwart: „Wo ihr Prediger seid, da Jüden sind, da haltet an mit Fleiß bei euren Herren und Regenten, daß sie ihr Amt bedenken, wie sie Gott schuldig sind und die Jüden zur Arbeit zwingen, den Wucher verbieten und steuern ihrem Lästern und Fluchen. Denn so sie unter uns Christen die Diebe, Räuber, Mörder, Lästerer und andere Laster stra- Küchenmeister weiiessii für Salate und zum Einmächen. Magister München 7

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.