Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 23 (1.12.1933)
- Date
- 1933-12-01
- Page
- Seite 372 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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372 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 23 fen, warum sollen die .lüden Teufels frei sein, solches bei uns wider uns zu üben. Wir sind ihre Hauswirte; so rauben sie und saugen sie .uns aus, liegen uns auf dem Halse, die faulen Schelme und müßigen Wänste, saufen, fressen, haben gute Tage in unserem Hause, fluchen zum Lohn unserem Herrn Christo, den Kirchen, Fürsten und uns allen, drohen und wünschen uns ohne Unterlaß den Tod und alles Unglück. Wie kommen wir arme Christen dazu, daß wir solch faul müßig Volk, solche lästerliche Feinde Gottes umsonst sollen nähren und reich machen? Sind wir doch so blind in diesem Stücke, als die Jüden in ihrem Unglauben, daß wir nicht sehen, noch fühlen, wie sie unsere Junker, ja unsere wütigen Tyrannen sind, wir aber ihre Gefangenen und Untertanen: und dabei klagen sie noch, sie seien unsere Gefangene und spotten unser dazu, als müßten wir's noch ihnen leiden...... Wenn ihr Prediger solch treulich Warnen habt ausgerichtet, und es will weder Herr noch Untertan etwas dazu tun, so laßt uns den Staub von den Schuhen schütteln und sagen: wir sind unschuldig an eurem Blut. Denn ich sehe wohl und hab's oft erfahren, wie gar barmherzig die verkehrte Welt ist, da sie billig sollte scharf sein. Also werden sie vielleicht jetzt auch barmherzig sein wollen über die Jüden, die blutdürstigen Feinde unseres christlichen und menschlichen Namens, um damit den Himmel zu verdienen. Aber daß die Jüden mit allen solchen teuflischen, oben erzählten Greueln uns arme Christen fangen, plagen, martern und alles Herzeleid antun, das soll man leiden, und ist christlich und wohlgetan, sonderlich so Geld da ist, das sie uns gestohlen und geraubt haben." Das sind nicht etwa die schärfsten, sondern eher die mildesten Stellen aus Luthers Judenbüchern. In der zitierten Art geht es weiter. Seite um Seite, in den beiden Schriften, und die unbeherrschte Maßlosigkeit der Anklagen läßt sich auch von einem modernen Antisemiten nicht überbieten. Die letzten 150 Jahre hielten Juden und mit ihnen bis vor Kurzem auch der nichtjüdische aufgeklärte humane Bürger der abendländischen Welt die Art, wie Luther gegen die Juden wütete, mit wahrer menschlicher Größe nicht für vereinbar. Und doch wird jeder, der sich mit dem Wirken und dem weitschichtigen Schrifttum dieses Mannes unverdrossen vertraut gemacht hat, der übermächtigen Gewalt der Persönlichkeit Luthers, der großartigen Fülle der geistigen Gestalt, ihrer Dämonie und Genialität Ehrfurcht und Bewunderung nicht versagen. Man spreche hier nicht von „Primitivität" oder Mittelalterlichkeit"! Karl Barth hat recht: „Man weiß nicht, was man tut, "wenn man Luthers Schlichtheit rühmt, ohne seine Subtilität zu kennen. Und man fälscht Luther, wenn man ihn als antiintellektualistischen Volksmann und Tatmenschen darstellt." Und ebenso hat Karl Barth auch darin recht (das gilt vor allem für die, die wie Professor Vogelsang in Königsberg, Professor Kittel in Tübingen und Professor Litzmann in Berlin Luthers Pamphlete gegen die Juden für die richtige Antwort auf die heutige praktische Judenfrage in Deutschland halten): „Welcher moderne Kirchenmann welcher Richtung möchte nicht wenigstens ein ganz klein wenig „Luther in Worms" in eigener Person auf den Plan führen? Aber die echte lutherische Gewißheit läßt sich nicht nachahmen. Sie wurzelte bei Luther selbst in einem, dem modernen Menschen und auch und gerade dem modernen Kirchenmann sehr fremden hindernden Wissen um die Dinge jener ganz bestimmten Ordnung, die sein Zentrum bildeten. Wer mit Luther und wie Luther gewiß sein wollte, der müßte jenseits von allen noch' so ehrlichen. Überzeugungen „Gottes Wort" für sich haben, und dann müßte er es wagen, sich' von dieser Instanz in die strengste Einsamkeit weisen zu lassen. Dann würde er in der Wähl zwischen Klugheit und Weisheit keinen Augenblick schwanken dürfen. Dann müßte er es ertragen, sich von allen Seiten fragen zu lassen: ob er denn meine, ganz allein recht zu haben und alle anderen ins Unrecht versetzen zu können? Dann müßte er sich nicht nur schelten lassen, sondern er müßte sich, was noch schwerer ist, getrauen, selber mit großer Kraft zu schelten, zu fluchen, zu verdammen, Lüge Lüge und Greuel Greuel zu heißen ohne Rücksicht und Empfindsamkeit, ohne jegliche Bereitschaft, Parlamentäre zu empfangen — um der gewissen Wahrheit und gerade darum um der Liebe willen. So war es mit der echten lutherischen Gewißheit bestellt und so auch mit der ebenfalls viel besprochenen Freudigkeit, die Luther um dieser seiner Gewißheit willen.in der Tat eigen war. Verschiedene kleine „Luther in Worms" von heutzutage würden ja vor Entsetzen einfach umfallen, wenn sie wüßten, mit was sie da spielen!" Der deutsche Jude mischt sich in diese innerkirchlichen Auseinandersetzungen nicht ein; aber es ist dem deutschen Juden bewußt, daß das von Barth eben angeführte Wort Luthers in Worms: „Hier steh ich, ich kann nicht anders" das ihm wohl vertraute Psalmwort (116, 10) Heemanti ki adabber "\2'ü \-iJüxn ist, das Luther selbst aus dem Hebräischen mit dem lapidaren Satz übersetzt hat: „Ich glaube, drum rede ich." Und wir wissen ebenso genau, daß „der fröhliche und mannhafte Trotz" des berühmtesten deutschen Liedes: „Ein feste Burg ist unser Gott" aus unseren Psalmen stammt, deren Text (4(5, 2) Luther bei dieser Dichtung mit zwingender Gewalt im Gedächtnis war. Und wir wissen drittens, daß Luther mit einem jüdischen Satz aus dem Leben schied. Wir lesen von den letzten Stunden Luthers, in der Nacht vom 17. auf den 18. Februar 1546, in den zeitgenössischen Berichten: Luther hatte, als ihn der Tod ereilte, eben in Eisleben bei einem Schiedsgericht zu tun. Nach dem Abendessen wollte er nach dem Abendgebet zu Bett gehen; da beginnen die Brustbeklemmungen wieder, an denen er leidet. Man gibt ihm Medizin und reibt ihm die Brust mit warmen Tüchern. Als er die Schwelle zu seinem Schlafzimmer überschreitet, wo er die gleiche Nacht seinen Geist aufgeben soll, sagt er einen Psalmvers vor sich hin, lateinisch, wie eiserne Psalmen zu beten pflegte: In mahus tuas commendo spiritum meum, redemisti nie deus veritatis. Es ist der 6. Vers des 31. Psalms, der in Luthers Übersetzung aus dem Hebräischen lautet: „In deine Hände befehle ich meinen Geist, du hast mich erlöst, du treuer Gott." In dem uns geläufigeren, jedem Juden, der noch religiöse Teilnahme zeigt, gut bekannten Urtext: nsx ^x \t.n nn^ii vrn VjrEX ""^ . Ein geistvoller und gläubiger Katholik (Theodor Haecker) hat es jüngst ausgesprochen: ,,F ü r das V e r h ä 11 n i s der Völker und der Politik Ihren Wintermantel jetzt nur «on RR Rosenfelder Das Fachgeschäft mit der eigenen Groß-Schneiderei BAYERSTRASSE 5 nächst dem Stachus