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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1933-12-01 · 23 (1.12.1933) · p. Seite 370

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
9 (1933)
Issue
23 (1.12.1933)
Date
1933-12-01
Page
Seite 370 (sequence 2)
Language
German
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370 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung keinen Sinn, diese Dinge als Vorwurf wieder aufzugreifen, sondern wenn sie gesagt werden, so nur deshalb, weil aus ihrer klaren Erkenntnis heraus die Möglichkeit besteht, Fehler, die gemacht worden sind, für die Zukunft zu vermeiden. Auch hier kam es so, daß derjenige Typ unter uns, der uns am meisten zur Last gelegt wurde: der emanzipierte Jude der Großstadt, der am wenigsten jüdische war, und gerade er mit seinen häufigen Entartungserscheinungen als der Prototyp des Judentums angesehen wurde. Gewisse Renaisance- Erscheinungen waren ja zweifellos besonders unter der Jugend, sei es im zionistischen, sei es im religiös-liberalen oder konservativen Judentum zu erkennen, aber die Masse des deutschen Judentums lebte in einer erschreckenden Gleichgültigkeit dahin. Die Folgerung daraus ist leicht zu ziehen. Das deutsche Judentum wäre zweifellos den Volkstod gestorben, d. h. es hätte keinerlei Maßnahmen von außen bedurft: Geburtenrückgang und Mischehe hätten es zum Aussterben gebracht, da ja eine Ergänzung des Bestandes von Osten her nach der Durchführung des Grenzschlusses nicht mehr in Frage kam. Außerdem hatten diejenigen, die im Judentum ausharrten, meist ihr seelisches Gleichgewicht stark eingebüßt. Die Krise, die im Jahre 1933 also über uns hereinbrach, sie deckte eine dreifache innere auf: eine religiöse, eine völkische und eine berufliche. Aber nun, nachdem wir erkannt haben, an welchem Abgrund wir gestanden haben, müssen wir mit aller Entschiedenheit die Meinung bekämpfen, daß es nun mit dem deutschen Judentum zu Ende sei und daß wir in einem müden Dahindämmern lediglich unser Ende zu erwarten hätten. Wir können auch trotz der Kürze der Zeit feststellen, welch gewaltigen Kräfte in uns aufgewacht sind, um von innen heraus zu einer neuen Grundlage unseres Daseins zu kommen. Die Besinnung zum Judentum, die uns heute alle ergriffen hat und die unter Überwindung der Zersplitterung zu einer Einheit führte, zeigt uns ganz neue Wege. Zunächst einmal ist die Erkenntnis Allgemeingut geworden, daß der Stil der äußeren Lebenshaltung gewiß nicht das Wesentliche unseres Daseins ist. Der Zwang zum Einfachwerden hat uns von vielen Dingen befreit, die einen Teil unseres Daseins ausmachten und die für uns keine Bereicherung bedeuteten. Nur ein Beispiel für viele: Wir leben heute für uns. Unsere Abende verbringen wir im Kreise unserer Familie, und aus diesem Zusammensein kann, wenn es richtig gestaltet wird, eine Neugeburt unserer Gemeinschaft werden. In wieviel Fällen war die jüdische Familie lediglich ein gemeinsames „Logierhaus" geworden. Was bedeuteten vielen die Feiertage, der Sabbat? Nun kann das alles, wenn wir es wollen, wieder anders werden. Die Kraft, aus der unsere Vorfahren die Fähigkeiten holten, alle ihre Schickungen zu überwinden, lag gerade hierin begründet. Wenn unsere Gotteshäuser sich heute wieder füllen, wenn sie über den eigentlichen Gottesdienst hinweg auch zu Lehrhäusern und zu Stätten der Kunsterhebung werden, so bedeutet das alles eine Zusammenführung auf neuer Grundlage. Gewiß, so wird man mir einwenden, das kann sich alles nur auswirken, wenn unser äußeres Dasein wieder gesichert erscheint und die Möglichkeit zur Berufsausübung in vollem Umfange gegeben ist. Zu diesem Einwand aber sei ein offenes und entschiedenes Wort gestattet. Es gibt in der Geschichte kein Zurück, und es kann gar nicht mehr in Frage kommen, daß die Berufsschichtung, die vor der Nationalen Revolution das deutsche Judentum inne hatte, jemals wieder in Frage kommen wird. Wir werden damit zu rechnen haben, daß wir zu einer anderen beruflichen Zusammensetzung kommen, und nicht umsonst sind unsere Zeitungen voll von den Fragen der beruf liehen Umschichtung. Auf diese Dinge aber soll hier nicht unter dem Gesichtspunkt der augenblicklichen Zweckmäßigkeit eingegangen sein. Wenn wir uns in Deutschland beruflich anders schichten, d. h. wenn wir auch die körperlich arbeitenden Berufe für unsere Jugend erstreben, so wird aus dieser Tatsache heraus ein gesünderer Nachwuchs uns entstehen als ihn die Groß-Stadt mit ihren ungeheuren Ansprüchen an die Nerven zu liefern vermochte. Wir werden damit die völkische Krisis, von der ich andeutungsweise sprach, zu überwinden in der Lage sein. Hier wird uns richtunggebend sein müssen, was diejenige Jugend auf sich genommen hat, die unter starken persönlichen Opfern den Weg gegangen ist, um Pioniere im Lande der Väter zu werden; und ebenso, wie es jedem von uns klar ist, daß von diesem Lande ein gewaltiger Segen auch für das Judentum in den vier Ecken der Welt zurückströmen wird, ebenso wird es jedem ersichtlich sein, daß das Schicksal des deutschen Judentums sich letzten Endes doch nur in Deutschland erfüllen kann. Wir werden aber auch viel stärker als wie bisher den Autoritätsgedanken in uns selbst zu pflegen haben. Unnötige Krittelsucht müssen wir aus unseren Reihen verbannen. Wie wir unserer Reichsvertretung bedingungslos zu folgen haben in der Erkenntnis, daß in einer solchen Lage nur wenige Männer imstande sind zu wissen, was der Gemeinschaft förderlich ist, so werden wir auch innerhalb unseres Gemeindelebens die Autorität unserer Führer, vor allem aber unserer Rabbiner, anzuerkennen und zu stützen haben. In der alt-jüdischen Gemeinde war der Rabbiner Führer. Seinem Spruch ordnete man sich bedingungslos unter. Vielleicht kann manches davon wiederkommen. Weder darf in Zukunft materieller Besitz noch ein noch so schön klingender Titel Ausweis für das Recht auf Führung sein, sondern nur die Wertung der Gesamtpersönlichkeit und der jü-. dische und menschliche Wert. In dieser Einkehr und Umkehr, in dieser Abwendung von Modetorheiten und von all dem, was für den Augenblick bedeutsam und für die Ewigkeit unwesentlich ist, liegt die Möglichkeit zu einer Überwindung der Krise aus eigener Kraft. Für den religiös empfindenden Menschen ist es fraglos, daß letzten Endes alles im Weltgeschehen seine tiefere Bedeutung hat und so auch aus dem, was uns die Gegenwart gebracht hat, eine Neugeburt des deutschen Judentums, allerdings auf veränderter Grundlage, erfolgen kann, und daß wir damit nicht am Ende, sondern nur am Anfang eines neuen Abschnittes deutschjüdischer Geschichte stehen.

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