Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 22 (10.11.1933)
- Date
- 1933-11-10
- Page
- Seite 359 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 22 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 359 von den Erzvätern durch die Wahl seiner Liebe (seine Neigung zu dem bestimmten Wesen Rahel ist für seine Wahl wichtiger als die Rücksicht auf die Sippe und eugenische Eignung) - und durch sein Ringen mit Gott (daher sein Name „Israel"). Bei seinem Sohn Joseph hat sich sein Individualismus schon zu einer Art Künstlertum entwickelt, mit einem Schuß narzissischer Selbstgefälligkeit des verzärtelten Lieblings. Die Wendung zum Geist ist vorbereitet, der dem Tode benachbart ist, während die Seele, die älter ist als der Geist, zum Leben gehört. Rahel, die Todgeweihte, ist beinahe unfruchtbar, und ein Todesmotiv kehrt wieder, das an die Künstlernovelle „Der Tod in Venedig" gemahnt; wenn Thomas Mann die Zwischenräume erwähnt, welche die einzelnen Zähne von Raheis Gebiß voneinander trennen, wird der Leser an Josephs Zähne erinnert, die gleiche Beschaffenheit haben. (Der Leser lernt Joseph vor Rahel kennen.) Eine Erinnerungsklammer wie die „geflügelten Worte" bei Homer und wie ein wagnerisches Leitmotiv. Thomas Mann hat schon im „Tod in Venedig" nie vergessen, die Zähne der Menschen zu beschreiben, die in dieser Novelle Symbole des Todes sind. Eine besondere Rolle nehmen in den „Geschichten Jaakobs" - die Vergleiche ein; Thomas Mann stellt Analogien her zwischen Jaakobs Betrug an Esau und Labans Betrug an Jaakob, zwischen Esaus Feindschaft mit Jaäkob und der Feindschaft Kains und Abels (fortschreitende Gesittung in anderer historischer Schicht: Esau beherrscht sich vor dem Brudermord), zwischen Rubens Beischlaf mit der Kebse seines Vaters und Harns Vergehen an Noah und so weiter. Das verrät einmal eine besondere Kunst der Einfühlung in die jüdische Art. im Vergleich zu denken, die Beziehung zwischen der Gegenwart und der Geschichte herzustellen. Indem der Dichter aber nachweist, wie ein Vergleich immer auf einen älteren zurückgeht und dieser ältere auf einen noch älteren, reicht Thomas Mann in jene kosmogonischen Bezirke, die der gemeinsame Uberbau der Mythologie sind und zur gemeinsamen Wurzel der Analogien in den jüdischen, babylonischen, ägyptischen und griechischen Kulturen führen. Auf der „Suche nach der verlorenen Zeit", wie man Thomas Manns Verfahren nach dem Titel des berühmten Proustschen Romans nennen könnte, steigt der Dichter in immer tiefere Brunnenschächte, zu den Urgründen von Geist und Seele, All und Ewigkeit. Die Wendung zum Mythos, eine Sehnsucht unserer Zeit, zeigt sich bei Thomas Mann nicht lediglich in der Stoffwahl, vielmehr auch in der Behandlungsweise des Themas. Thomas Mann erschließt sich die Welt des Mythischen auf seine eigene Weise: durch jene Ironie, die für den Stil dieses Schriftstellers kennzeichnend ist. Es ist eine Ironie, die nicht verkleinert, sondern schärferen Umriß gibt. Goethe hat etwas von dieser Art der Ironie: wenn er sich vom Tragischen fernhält, um nicht darin umzukommen. Thomas Manns Kunst steht zwischen der plastischem Art Goethes und der musikalischen der Romantik: wenn Thomas Mann darstellt, wie die mündliche Überlieferung die Stammesgeschichte von Geschlecht zu Geschlecht vererbt und in einer Szene Jaakob und Joseph an diesen Geschichten ihre ästhetische Freude haben läßt, nähert er sich der romantischen Ironie. Aber er kam zu ihr vom .Thema her: ein Spiegel spiegelt sich im andern, wenn er dem Ausgangspunkt der biblischen Volksepik nachgeht. In einer Einleitung „Höllenfahrt" gibt der Dichter Rechenschaft über seine Methode, aber der Künstler und der Wissenschaftler Thomas Mann sind nicht voneinander zu trennen; die wissenschaftliche Vorrede ist bereits eine Ouvertüre, die musikalisch die Themen des Werkes anschlägt, im Roman selbst sind wissenschaftliche Restbestände, die vom Ahnungsvermögen ihres Autors zeugen, aber dichterisch nicht ganz eingeschmolzen sind. „Die Geschichten Jaakobs" (über den Joseph-Roman wird man ja erst, wenn er ganz vorliegt, Abschließendes sagen können, vom Ganzen aber auch Rückschlüsse des ersten Bandes ziehen können, die manche Einzelheit in neuem Lichte erscheinen lassen werden), sind eine großartige Legierung von Antikem und Modernem, von deutschem und von jüdischem Geist. Modern gesehen ist die Gestalt Jaakobs, der sich vor Menschen, aber nicht vor Gott erniedrigt, der die List nicht verschmäht und nicht untätig zusieht, ob der Segen Gottes : selbsttätig wirken werde. Antik wirkt die Hervorhebung des bukolischen Charakters der biblischen Welt. Vor Thomas Mann hat Max Brod durch seine Nachdichtung des Hohen Lieds diese Poesie in den bukolischen Kreis der Weltdichtung einbezogen. Nicht allein deutsch, geradezu germanisch mutet das Kapitel an, in dem Jaäkob seinem Bruder den Segen Isaaks stiehlt, er überschreibt es sogar „Der große Jokus" und ist von jenem Geiste der Burleske erfüllt, die der Episode von Thors Heimholung des Hammers in der Edda eignet — wenn Thomas Mann sich und uns ausmalt, wie sich die Knechte belustigt haben, als Esau zum Depp wurde. (Ein anderer deutscher Dichter, der Alemanne Johann Peter Hebel, fügte in seiner Nacherzählung der biblischen Geschichten zu dieser Episode den Kommentar: „Der alte schwache Vater weiß sich nicht zu helfen und wird in die Untreue hineingezogen. Hat er dem Jakob die Herrschaft über den Esau zugesagt, so erlaubt er dem Esau heimlich, sich nichts darum zu kümmern. Esau kommt in Versuchung, ein Brudermörder zu werden. Solche Verwirrungen kann eine einzige Leichtfertigkeit in einer Familie anrichten.") Jüdischer Geist kommt in der Gestaltung jüdischer Menschen zum Durchbrach, die bei- „ leibe nicht verherrlicht werden und denen nichts Menschliches fremd ist, die irdischen Freuden nicht abgewandt sind, aber im Genießen nicht ihr höchstes Daseinsziel suchen, jedoch besonders in der Charakteristik des häßlichen Mädchens Lea und ihrer unbeirrten Treue zu dem Manne, der sie für ihre Schwester nahm und zum Weibe machte und in seiner Liebe zu Rahel die ihre nie ganz zu würdigen weiß. In Rahel aber hat sich der Dichter wie sein Held Jaakob verliebt. In den Geschichten um Rahel verdient Thomas Mann den Ehrentitel eines Dichters ganz, hier schafft ein Moderner etwas dem dichterischen Gehalt der Heiligen Schrift Ebenbürtiges. Uber der Begegnung am Brunnen vollends liegt der Zauber großer Poesie, und Raheis Sterben — mit den Worten, die sie zuerst an Jaakob gerichtet und mit der Abbitte um den einzigen Vorwurf, den ihr Gatte ihr im Leben gemacht hatte (wegen des Götzen-Diebstahls), gleitet sie ins Bewußtlose — ist zum Heulen schön. Hier ist Thomas Mann jener Ergriffenheit voll, von der er sich — nicht nur in seinem neuen Roman — stets distanziert hat und erlebt das Glück des Schriftstellers, von dem er im „Tod in Venedig" sagt, es sei der Gedanke, der ganz Gefühl und das Gefühl, das ganz Gedanke zu werden vermag. Lutz Weltmann. Aus der Gemeinde München Winterhilfswerk. Vorstand und Wohlfahrtsamt der Gemeinde München geben folgendes bekannt: Wir halten es für eine selbstverständliche Pflicht, daß alle Glaubensgenossen, die dazu in der Lage sind, das