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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1933-11-10 · 22 (10.11.1933) · p. Seite 358

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
9 (1933)
Issue
22 (10.11.1933)
Date
1933-11-10
Page
Seite 358 (sequence 6)
Language
German
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358 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 22. Alle Artikel des täglichen Bedarfs gut und billig m Umfelder vv_^ Cmhß. mündjem. imflonatal macht, die bürgerliche Tradition seines Hauses fortzusetzen, machte ihn zum Schilderer der Epoche, der die Liebe des Abseitsstehenden gehört. Nachdem er die Beziehungen zwischen Künstlertum und Bürgertum (seinen Fall) in mehreren Novellen abgewandelt hatte, faßte er im „Zauberberg" die Welt des Verfalls noch einmal vor ihrem Untergang zusammen; der „Unpolitische" ist dabei nicht zum „Zivilisationsliteraten" geworden, vielmehr wollte er nicht als Ästhet einem Vorgang zusehen, zu dem er als Zeitgenosse Stellung nehmen mußte. Der symbolische Schauplatz für Deutschland: Lübeck hat sich in einen europäischen: Davos verwandelt. Bekanntlich sind die „Buddenbrooks" (neben der Erstfassung der „Betrachtungen eines Unpolitischen") das einzige Buch Thomas Manns, welches das neue Deutschland gelten läßt; immerhin haben einige Unentwegte ihm vorgeworfen, daß die politische Geschichte Deutschlands darin zu beiläufig behandelt werde und zu kurz komme. Dieser Vorwurf träfe aber auch Wolframs „Parsival", Grimmelshausens „Simplicius Simplicissimus", Goethes „Wilhelm Meister", Kellers „Grünen Heinrich" und eine ganze Reihe deutscher Entwicklungsromane, während der französische Gesellschaftsroman die Eigenschaften besitzt, deren Fehlen völkische Literaturkritiker dem Buddenbrooks-Dichter vorwerfen. Im „Zauberberg" werden die - Verfallserscheinungen bürgerlicher Lebensformen als europäische Angelegenheit erkannt und behandelt, der Jüngling Hans Castorp hat in dieser europäischen Disharmonie die gefährdete deutsche Stimme inne, für ihn hat diese Vorkriegswelt im Weltkrieg ein Ende. Die Frage, ob Rettung oder Untergang, läßt der Dichter offen. Aber auch für Thomas Mann ist Hölderlin der Genius des unbekannten deutschen Soldaten. Wenn Thomas Mann sich später zu einer Synthese aus Hölderlin und Marx bekannte, so ist diese Äußerung nicht als Bejahung des Materialismus oder gar des Klassenkampfes aufzufassen: Marx ist ihm nur ein Symbol für die Wirtschaftswirklichkeit, die man über der dem Deutschen gemäßen Seelenmystik nicht vergessen dürfe. (Auch ein Paul Ernst verdankte dem Marxismus wissenschaftlich wichtige Erkenntnisse!) Diese Synthese soll ein Ausweg aus unserem dualistischen Zeitalter sein, in dem wir uns immer noch befinden, während die UmbrucHserscheinungen eines neuen sich schon ankündigen. In solchem Zusammenhang ist der Joseph-Roman Einkehr in den Orient, „Patriarchenluft zu kosten". Ein sich nach Bindungen Sehnender kehrt in eine Welt der Bindungen ein. Aber Ihren Wintermantel jetzt nur «on RR Rosenfelder Das Fachgeschäft mit der eigenen Groß-Schneiderel BAYERSTRASSE 5 nächst dem Stachus — ein Mensch an der Wende zweier Zeiten gestaltet ein Zeitalter des Umbruchs: die Wendung zur monotheistischen Religion. Thomas Mann ist Vollzieher eines goethischen Auftrags, wenn er zwischen den Zeilen der Josephslegende liest und die Fabel mit eigener Phantasie und den Ergebnissen wissenschaftlicher Forschungen ausgestaltet. Biblische Themen sind in der deutschen Dichtung, besonders seit Luther, auf ihre Fruchtbarkeit hingewiesen, nicht selten. Thomas Mann steht in einer Reihe mit Goethe, der die Bibel nicht nur das Buch eines Volkes, sondern aller Völker nannte, und Nietzsches, der sie über Homer und die Veden stellte, und im Gegensatz zu Männern, die dem Judentum (überhaupt jede eigene künstlerisch produktive Fähigkeit absprechen. Ein Beitrag mehr zum Dualismus unserer Zeit: die gleichen Schriftsteller, die für das Volk eine Dichtung von biblischer Einfacheit fordern, bezweifeln den Wert des alten Testaments für die deutsche Kultur und — suchen Thomas Manns biblischen Roman durch den Vergleich mit der Bibel abzutun. Ein Vergleich mit der Bibel ist aber nur am Platze, wenn man Volksepik und moderne Romankunst gegenüberstellt, die Möglichkeiten epischen Schaffens im Wandel der Zeiten prüft. Für die Alten waren die Berichte selber die Hauptsache, sie verstanden ihre abkürzende Großzügigkeit für den Modernen haben die Berichte Lücken und Unstimmigkeiten, die zwar beweisen, daß es sich um wirkliche und nicht um erdichtete Charaktere handelt, aber auch für die ergänzende Auffüllung aus Archäologie und Geschichte, Völkerpsychologie und Religionswissenschaft Spielraum lassen. Thomas Mann, als Essayst immer ein Dichter, als Dichter oft ein Essayist, ist bei Bewältigung dieser Aufgabe in seinem Element. Schon die „Buddenbrooks" sind ein großer Essay über die Dekadenz; man empfindet es bei diesem Roman noch am wenigsten, nicht nur, weil das Essayistische voll dichterischen Fluiden ist, sondern auch, weil das Essayistische ins Musikalische übergeht, es ist die Form des musikalischen Romans der deutschen Romantik, die Thomas Mann in die Gegenwart überführt, das Ganze wird durch symphonische Fügung zusammengehalten. Das Todesthema verbindet die „Buddenbrooks" mit der Romantik wie mit dem „Zauberberg", der essayistisch fast formsprengend aufgelockert ist. In den „Geschichten Jaakobs" aber vereint Thomas Mann die Musikalität des Symphonikers (die Reihenfolge, in der er die Geschichten der Bibel zur Kenntnis bringt) mit dem Todesthema (Rahel) und einer Essayistik, die das Geschehen wie ein sinnvolles Gerüst trägt. Die Essayistik gehört in den „Geschichten Jaakobs" nicht mehr zum Standort des Erzählers, sondern ist selbst Teil der Darstellung: „Erhellung von Charakteren und Aktionen." Die Bibel erzählt, daß Rahel ohne Jaakobs Wissen Labans Götzen auf der Flucht mitnahm; für Laban ist der unsichtbare Gott eine Gottheit neben anderen, mit der man sich am besten gutstellt, er ist im Grunde ein Heide — wie jene Römer, die bereit waren, Jehova und Osiris neben ihren Göttern anzubeten. Labans Tochter Rahel ist vom Gotteserlebnis ihres Gatten nicht unberührt geblieben, aber — kommentiert Thomas Mann — ein gewisses Sicher-ist-sicher heißt sie, den Diebstahl an ihrem Vater zu begehen. Ihr Sohn Joseph wird vom Dichter eingeführt, indem er mit babylonisch-heidnischen Kulten — zur liebevollen Mißbilligung seines Vaters, der ihn dabei überrascht —, kindliches Spiel treibt. Wer denkt bei" dieser Sublimierung des Heidnischen zum Ästhetischen nicht an die Reihe der Buddenbrooks, die in der Musik des Knaben Hanno untergeht? Führt die Betrachtung der mütterlichen Ahnenreihe Josephs zur Wahrnehmung einer Eigenart des „Buddenbrooks"-Dichters, so kommt man zu der heute mit Vorliebe ausgesprochenen These, daß die Geschichte eines Menschen in seinem Volke anfange, wenn man der väterlichen Reihe nachgeht. Daß der deutsche Dichter Thomas Mann als Beispiel das jüdische Volk wählt, ist kein Widerspruch, vielmehr entspricht es der Tradition deutscher Nationalliteratur, auch fremde Stoffe mit mit deutschem Geist zu durchdringen. Jaakob ist für Thomas Mann die erste biblische Gestalt, die statt der typischen individuelle Züge trägt — was dieBibelvon Abraham und Isaak erzählt, wird vom Dichter zwar nicht als Realität angezweifelt, aber als Ereignisse, die nur zu zwei Trägern dieser Namen gehören. Jaakob unterscheidet sich

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