Mannheim
Compact Memory

Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1933-11-10 · 22 (10.11.1933) · p. Seite 357

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
9 (1933)
Issue
22 (10.11.1933)
Date
1933-11-10
Page
Seite 357 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2727810-2727975-2727997--09232-2742495
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 22 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 357 baren Nacht eine Förderung, die eine gewisse Verwandtschaft mit Raheis Qualen hatte. Auch war es ganz nach dem Sinn ihrer Liebe, daß Jaakob, ihr Mann, doch geistlichen Vorteil hatte von ihrem Sterben. Das Kind kam zur Welt gegen Ende der letzten Nachtwache, als der Himmel sich bleich erhellte, vor Morgenrot. Gewaltsam mußte die Alte es aus dem armen Schöße reißen, denn es erstickte. Rahel, die nicht mehr schreien konnte, verging in Ohnmacht. Viel Blut stürzte nach, sodaß der Puls an ihrer Hand nicht mehr schlug, sondern nur wie ein dünnes Rinnsal dahinlief, das sich verlor. Doch sah sie des Kindes Leben und lächelte. Sie lebte noch eine Stunde. Als man den Joseph vor sie brachte, erkannte sie ihn nicht. Daß sie zum letzten Male die Augen aufschlug, war, als der Osten sich eben zu röten begann, und auch in ihr Antlitz fiel Morgenrot. Sie blickte in Jaakobs Angesicht auf, das über ihr war, kniff etwas die Lider zusammen und lallte: „Ei, siehe ein Fremder!----Warum solltest du mich wohl küssen dürfen? Ist es, weil du der Vetter bist aus der Ferne, und weil wir Urvaters Kinder sind beide zumal? Darum, so küsse mich, und es frohlocken die Hirten am Brunnenstein: Lu, lu, lu!" Er küßte sie zitternd zum letztenmal. Sie sprach ferner: „Siehe, du wälzest den Stein für mich mit Manneskraft, Jaakob, mein Lieber. Wälze ihn nun von der Grube ein andermal und bette ein das Labanskind, denn ich gehe von dir dahin. — Wie ist doch alle Last von mir genommen, Kindeslast, Lebenslast, und es wird Nacht. — Jaakob. mein Mann, verzeihe, daß ich dir unfruchtbar war und brachte dir.nur zwei Söhne, aber die zwei doch, Jehosiph, den Gesegneten, und Todessöhnchem, das Kleine, ach, ich gehe so schwer von ihnen dahin. — Und auch von dir gehe ich schwer, Jaakob, Geliebter, denn wir waren einander die Rechten. Ohne Rahel mußt du's nun sinnend ausmachen, wer Gott ist. Mache es aus und leb wohl. — Und verzeih auch", hauchte sie schließlich, „daß ich die Teraphim stahl." Da ging der Tod über ihr Antlitz und löschte es aus. MÜNCHEN / BRIENNERSTRASSE 52 KOSTÜME . KX.K1DEI? . JIÄÄiTEI, . FELZ£ Das Summen der Beschwörer .verstummte auf ein Zeichen von Jaakobs Hand. Alle fielen auf ihre Stirnen. Aber er saß, ihr Haupt in seinen Armen noch immer, und seine Tränen fielen still und unversieglich auf ihre Brust. Uber eine Weile fragten sie ihn, ob man nun solle eine Bahre richten und die Tote nach Beth-Lachem oder Hebron führen, sie zu begraben. „Nein", sprach er, „hier hat's begonnen, hier soll's vollendet sein, und wo Er's tat, da soll sie liegen. Hebet ein Grab aus und höhlt ihr die Grube an der Mauer dort! Nehmet fein Leinen aus dem Gepäck, sie einzuhüllen, und erlest einen Stein zum Mal auf das Grab und zu ihrem Gedenken. Danach wird Israel weiterziehen, ohne Rahel und mit dem Kinde." Während die Männer gruben, lösten Weiber ihr Haar und legten die Brüste bloß, mischten Staub mit Wasser, sich damit zu besudeln um dieses Leides willen, und stimmten rur Flöte die Klage an „Weh um die Schwester", indem sie die Hand auf den Scheitel warfen und mit der anderen die Brüste schlugen. Jaakob aber hielt Raheis Haupt im Arm. bis sie sie ihm nahmen. Als über der Liebsten die Erde sich geschlossen, an der Stelle, wo Gott sie ihm nahm, am Wege zog Israel weiter fort und schlug zwischen sein Lager auf bei Migdal Eder, einem Turme der Urzeit. Da sündigte Rubin mit-Bilha. der Kebse und war verflucht. Thomas Manns neuer Roman „Die Geschichten Jaakobs1 „Höchst anmutig ist diese natürliche Erzählung, nur erscheint sie zu kurz und man fühlt sich berufen, sie ins einzelne auszumalen." Goethe über die Geschichte Josephs. Drei Jahre schrieb Thomas Mann an den „Buddenbrooks", zwölf am „Zauberberg", zehn an den „Geschichten Jaakobs", die der erste Band einer Trilogie „Joseph und seine Brüder" sind; der zweite Band „Der junge Joseph" ist für das nächste Jahr angekündigt, ein Roman „Joseph in Ägypten" wird der abschließende dritte sein. Ein Autor, dessen Ringen mit dem Werk an eines Flaubert priesterliche Künstlerschaft gemahnt, hat Anspruch darauf, daß der Leser sich zuerst die Frage vorlegt: Welchen Platz L Verlag S. Fischer, Berlin. nimmt diese Arbeit im Gesamtwerk seines Schöpfers ein? Die innere Notwendigkeit bestimmt ihren Wert. Sie erst ist Voraussetzung für die zweite Frage: Was bedeutet diese Arbeit für das Schrifttum des Volkes, dem er angehört? (Damit soll keinem schrankenlosen Individualismus das Wort geredet werden, aber — was den Forderungen des Tages zu entsprechen scheint, kann auch ein mehr oder weniger begabter kalter Macher zusammenschreiben, während der wahre Künstler nur sich selber verantwortlich ist und — ein wahrhaft Frommer — die Zeit richten läßt, ob es ein Baustein im Pantheon der Nation sein wird!) Die geistige Linie, die von den „Buddenbrooks" über den „Zauberberg" zum Joseph-Roman führt, ist unverkennbar. In seinem ersten Roman hatte Thomas Mann die Welt des verfallenden Bürgertums gestaltet, das Zeitalter der sich -auflösenden Bindungen: die künstlerische Berufung, die ihn unfähig S. Orljansky & Co. MÜNCHEN . NEUHAUSER STRASSE 29 das führende Spezialhaus für EI©CJäFlt© PolZHIOdGIl Größte Auswahl . Erstklassige Qualitäten . Bekannt billige Preise . Umarbeitung nach den neuesten Modellen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.