Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 22 (10.11.1933)
- Date
- 1933-11-10
- Page
- Seite 356 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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356 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 2i IV. Gemeindekonflikt iu Bamberg 1808 Bamberg 1808. Seit einiger Zeit setzten sich mehrere jüdische Einwohner in Bamberg über die Religionsgebräuche hinweg. Sie kleideten sich wie die Christen im eleganten Anzüge und hielten mit ihnen „gleichen Schritt im Umgange". Auch erschienen sie in der Synagoge mit runden Hüten und hohen Stiefeln und wechselten den schwarzen Anzug mit den herrschenden Modefarben. Scheinbar hatte es bisher kein Aufsehen erregt. Am letzten Pessachfest ließ aber der Rabbiher die „scheinbaren Freigeister mit Nankingkleidern, Stiefeln und runden Hüten" bei Erteilung des Festsegens — Mischeberach — außer Acht, „und sie konnten nicht des Glückes teilhaftig werden". Die „Zurückgesetzten" wendeten sich nun an die Königl. bayrische Landesdirektion mit der Bitte um „Genugtuung und Abschaffung verschiedener Mißbräuche". Der Polizeidirektion ging darauf von der ihr vorgesetzten Behörde der Auftrag zu, „im Sinne des Zeitgeistes und nach den liberalen Grundsätzen der Regierung Bayerns" zu verfügen. Gegen das Vermuten der Beschwerdeführer las nun der Schulklopfer im Beisein eines Polizeibeamten und Polizeisoldaten den Befehl der Polizeidirektion öffentlich vor, „daß es künftig keinem verheurateten Juden mehr erlaubt sein sollte, sich an den Halbfeiertagen — Chol hammoed — den Bart abnehmen zu lassen, noch am Sabbat mit Stiefeln, rundem oder Jägerhut, Gamaschen oder Pantoffeln in der Synagoge zu erscheinen, so bestehe seit undenklichen Zeiten der Brauch in Bamberg." Die beteiligten „Individuen" die sich durch die bisher wiederholt erfolgte Bestrafung von 2 Thalern nicht einschüchtern ließen, erhielten eine beglaubigte Abschrift der Polizeiverordnung. Hierauf wendeten sie sich von neuem an die allerhöchste Stelle. Auch die Vorsteher der Judenschaft, die durch den Trotz der „Neumodischen" verärgert waren, welche immer noch in der „anstößigen Kleidung" in der Synagoge erschienen, ließen sich nicht zum Nachgeben bewegen, und erstatteten auch ihrerseits Bericht der Landesregierung. „Von den 39 Familien in Bamberg hatten 28 schriftlich zugesagt, daß „sie sich von dem Brauche nicht entfernen wollten", nur 4 erdreisteten sich, die Ruhe des Gottesdienstes und den Frieden in der Gemeinde zu stören. Der Katholik geht auch in der größten Sonnenhitze, beim stärksten Regen mit den öffentlichen Prozessionen, ohne sein Haupt zu bedecken; der evangelische Glaubensgenosse nähert sich nur in schwarzer Kleidung dem heiligen Abendmahle. Beide finden es unanständig, in der Kirche mit bedecktem Haupte zu erscheinen. Wenn es nun einem superklugen Protestanten einfiele, mit einer bunten Jacke, Pelzhaube, Schlafmütze und Stiefeln zum Tische des Herrn oder einem katholischen Helldenker mit bedecktem Haupte in der Kirche oder mit Prozessionen zu laufen, könnte es wohl auffallen, wenn man einen solchen Unbescheidenen vielleicht auf eine weniger sanfte Weise in die Schranken der Ordnung zurückweisen würde? — Und warum soll es bei den jüdischen Glaubensgenossen anders sein?" Die königliche Stadtpolizeidirektion erließ nachfolgende Verfügung: „Die Polizeidirektion habe so wenig zu gestatten, daß der Oberrabbiner sich mehr, als seine Religionssatzungen ihm einräumen, anmaße; aber auch ebensowenig zuzugeben, daß die Snaygoge in ihren von der Wahrheit anerkannten und herkömmlichen Gebräuchen gestört und die Achtung, welche je- *<Y*Z^ '<-"' ^f^>M M ># : ,-''v^' v <?%Tjj:"*J i§ ^v'*.\s>^5? m-\^ a v Ü w„ ■IS DAS PR eis würdige MÜNCHNER TUCHHAUS SONNENSTRASSE 8 IM PHÖBUSPALAST der gottesdienstlichen Versammlung auch rücksichtlich ihres eingeführten Ritus in allen Beziehungen gebührt, nicht durch einzelne Individuen beeinträchtigt wurde, denen es, wenn sie dissentieren wollten, unbenommen sei, sich davon auszuschließen, die ungestraft es jedoch nicht versuchen dürften, den von der Kirchengesellschaft angenommenen und vom Staate tolerierten Grundsätzen durch anstößige Handlungen zu begegnen." (Mitgeteilt aus alten Zeitungsnotizen von L. Horwitz.) V. Erlangen 1933 Professor Jakob Herz zum Gedenken Jakob Herz war der erste Jude auf bayerischem Lehrstuhl. Nach jahrzehntelangem Kampf erlangte er die ordentliche Professur. Herz war 1816 zu Bayreuth geboren, der Hochbefähigte wandte sich nach harter Jugend der Chirurgie zu. Seine wissenschaftlichen Vorträge und Arbeiten erweckten bald die Aufmerksamkeit der akademischen Welt. 1847 erfolgte seine Ernennung zum Prosektor in Erlangen, 1854, nachdem seine Vorlesungen zu den besuchtesten der Universität zählten, wurde ihm die Zulassung zur Habilitation verweigert, 1862 ernannte man ihn zum Ehrendoktor der Universität Erlangen, 1863, im 47. Jahre seines Lebens, wurde ihm der Titel eines außerordentlichen Professors und 1869, im 22. Jahre seiner akademischen Tätigkeit und drei Jahre vor seinem Tode, der eines ordentlichen Professors verliehen. Selbstlos und uneigennützig widmete er sein Können der Menschheit. Seine überragenden Fähigkeiten als Arzt und Lehrer einten sich mit den seltenen Qualitäten einer vollen Persönlichkeit, eines edlen ganzen Menschen. Seine helfende Hand stand in steter Opferbereitschaft, in werktätiger Liebe jedem offen. Die unermüdlichen Anstrengungen — im Erlanger Gemeindekollegium betätigte er seinen gemeinnützigen Bürgersinn, in den Kriegen 1866 und 1870 betreute er Lazarette — zehrten an seinem von Jugend auf schwachen Körper. Bereits 1871 war seinem segensreichen Wirken ein frühes Ende gesetzt. Seine Beisetzung bekundete den ganzen Umfang der Liebe und Verehrung, die der lautere große Mann genoß. Seine Freunde errichteten Professor Jakob Herz am Luitpoldplatz zu Erlangen ein von Professor Zumbusch entworfenes Denkmal. Dieses äußere Zeichen der Anerkennung steht nun nicht mehr. Das schönere aber, das sich der bedeutende Jude im Herzen aller derer erworben, die seine Güte, Hilfsbereitschaft und Aufopferung gekannt, das wird, von Mund zu Mund getragen, nie verlöschen. H. Rahels Tod Aus der neuen dreiteiligen Dichtung von Thomas Mann „Joseph und. seine B r ü d e r". Davon erscheint soeben bei S. Fischer in Berlin „Der erste Roman": Die Geschichten Jaakobs. Mit Erlaubnis des Verlags drucken wir daraus den Schlußabschnitt über den Tod der Rahel ab; bei der Geburt ihres jüngsten Sohnes Benjamin muß Rahel ihr Lebenlassen. „.....Benjamin, Benjamin", sagte Jaakob weinend. „Mitnichten Benoni!" Und hier war es, wo er zum erstenmal, über sie hin und hinauf in die silbrige Weltennacht, gleichsam als Eingeständnis seines Begreifens, die Frage richtete: „Herr, was tust du?" In solchen Fällen erfolgt keine Antwort. Aber der Ruhm der Menschenseele ist es, daß sie durch dieses Schweigen nicht an Gott irre wird, sondern die Majestät des Unbegreiflichen zu erfassen und daran zu wachsen vermag. Seitwärts summte und litaneite das chaldäische Weiber- und Sklavenvolk seine Zaubereien, mit denen es starke und unverständige Mächte zum menschlich Wünschenswerten anzuhalten hoffte. Aber Jaakob hatte nie so deutlich begriffen, wie in den Stunden, warum dies falsch war, und warum sich Abraham von Ur in Bewegung gesetzt hatte. Sein Aufblick ins Ungeheure war entsetzensvoll, aber nicht ohne Kraft des Schauens und seine Arbeit am Göttlichen, die sich immer als ein Ausdruck von Besorgnis in seiner Miene abzeichnete, erfuhr in dieser furcht-