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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1933-11-10 · 22 (10.11.1933) · p. Seite 355

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
9 (1933)
Issue
22 (10.11.1933)
Date
1933-11-10
Page
Seite 355 (sequence 3)
Language
German
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Nr, 22 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 355 der deutschen Juden zeigt klar, wie wir uns je und je dieser Pflicht bewußt gewesen sind und ihr in Treuen gedient haben. In unserem Bildungsproblem steckt auch die Pflicht zu körperlicher Ertüchtigung und manueller Ausbildung — und alles Menschliche gehört in diesen Kreis. So wird dieser jüdische Mensch, den wir so bilden, ein harmonischer Mensch sein (alle Körper- und Geisteskräfte kommen zur Entfaltung), der sich seines Juden- und Menschentums und seiner Stellung zur Umgebung klar bewußt ist. Diese Bildung wird ihm Würde und Selbstbewußtsein verleihen, aber ebenso tiefes Verständnis und Würdigung andersgearteter Menschen. Sie befähigt ihn teilzunehmen an gemeinsamen Arbeiten im Dienste der Menschlichkeit, der Treue und der Wahrheit. Diese nationalen Güter werden zusammenwachsen zu Gütern der Menschheit und uns jenem Ziele näherbringen, das letzten Endes den Geist unserer Propheten beherrscht und das wir aufzuzeigen haben: Die messianische Zukunftshoffnung einer geeinten Menschheit. Bavaria Israelifica Historische Miniaturen aus dem jüdischen Leben in Bayern I. Rescript des Königlichen Generalkommissariats des Isarkreises vom 9. November 1808 Der 12. Oktober 1808 war für die jüdischen Einwohner Münchens ein Freudentag. Nicht allein, daß an ihm der Namenstag des Königs gefeiert wurde, ging an diesem Fest die Weihe der Fahne vor sich, die dem Bürgermilitär verliehen wurde. Dieser freiwilligen Truppe gehörten auch viele junge Israeliten . an, und „sie waren entzückt, die schon lange in ihrem Busen genährte Treue und Anhänglichkeit öffentlich laut äußern zu können". Am Vorabend des Festes besuchten die Bürgergardisten in ihren verschiedenen Uniformen mit den übrigen Glaubensgenossen die geschmückte und hell erleuchtete Synagoge. Einige für die Feierlichkeit passende Psalmen wie ein hebräischer Hymnus wurden „mit den wärmsten Gefühlen" abgesungen, und alle Anwesenden, „entflammt von Liebe und Treue gegen den allgemein verehrten Regenten", verließen die „herzerhebende Feier" mit dem einstimmigen Ruf: „Es lebe unser König Maximilian Joseph!" — Dieses Zeichen der Anhänglichkeit wurde vier Wochen später auf „eine ebenso glänzende wie überraschende Art belohnt". Am 11. November las der Vorsteher Abraham Uhlfelder folgendes Reskript in der Synagoge vor: „Seine Majestät der König haben in einem unterm 31. Oktober Allerhöchst eigenhändig unterzeichneten Reskripte diesseitiger Stelle den angenehmen Auftrag erteilt, den jüdischen Einwohnern von München Allerhöchst Ihre Zufriedenheit mit dem Betragen ihrer bei dem Bürgermilitär dienenden Glaubensgenossen bei der Fahnenweihe erkennen zu geben. — Dieses das brave Benehmen dieser Glaubensgenossen des mosaischen Gesetzes so sehr und ausgezeichnet ehrende Allerhöchste Gnade Sr. Majestät, wird hiermit dem Abraham Uhlfelder eröffnet, um selbe der hier wohnenden Gemeinde des israelitischen Glaubens bekannt zu machen. — Der kommandierende Offizier des Bürgermilitärs ist von diesem Allerhöchsten Belobigungsreskript in Kenntnis ge- Am 9. November 1808. Königliches Generalkommissariat des Isarkreises, gez. Freiherr von Weichs. Wir müssen diese Mitteilung im Sinne jener Zeit verstehen, als Juden zum erstenmal mit ihren christlichen Mitmenschen in Reih und Glied standen. Es war auch der zweite Schritt zur bürgerlichen Gleichstellung, die nach der Aufhebung des Leibzolles am 16. März 1808 erfolgte. (Mitgeteilt von L. Horwitz, Kassel.) II. Abraham Uhlfelder Abraham Uhlfelder war ein Händler, der, aus Ullfeld im Bayreuthischen gebürtig, in den 70iger Jahren des 18. Jahrhunderts von Mergentheim nach München gekommen war. Der rechtschaffene, emsige und energische Mann war rasch zum Agenten und Hoffaktor des bayerischen Kurfürsten avanciert. Gegen seine Zulassung in München als Goldschmied protestierten zwar Zünfte und Korporationen, aber der kurfürstliche Hof betraute ihn mit mehreren Affären, in denen er sich bewährte. Er galt als ein Charakter, dem die Gerichte ein unparteiliches Zeugnis seiner Rechtschaffenheit, friedfertigen Betragens und Emsigkeit in Erhaltung der Ordnung bei sämtlicher Judenschaft gaben. Gleiches Ansehen fand er bei seinen Glaubensgenossen, deren Angelegenheiten er durch viele Jahre autokratisch, energisch, zielbewußt und derbpraktisch leitete. Von seinen beiden Töchtern heiratete die jüngere Babette im Jahre 1801 den 25jährigen Kaufmann Valentin Jolson aus Heidingsfeld bei Würzburg. In Würzburg wurde ihnen am 16. Januar 1802 der erste Sohn Julius geboren, der spätere Friedrich Julius Stahl, der Begründer der preußischen konservativen Partei, der Rechtsphilosoph des monarchischen Prinzips und große Staatsrechtslehrer. Der kleine „Joll" wuchs von seinem dritten Lebensjahr im Hause seines Großvaters Abraham Uhlfelder auf. Dieser war inzwischen Vorsteher der kleinen Münchener Gemeinde geworden, die ohne Synagoge und ohne Friedhof im Judenviertel noch ein unbeachtetes Dasein fristete, als die Berliner Judenschaft schon in den romantischen Salons dominierte. Unter Uhlfelders Führung erlangten die Münchener Juden die ungestörte Ausübung ihrer Religionsgebräuche. Er war ein frommer Jude geblieben, der treu ohne ein Jota von den Gebräuchen zu lassen, zu dem Glauben seiner Väter stand. Seinen Enkel Julius hat er in seinem Haus streng gläubig erzogen, und daß der große Systematiker der konservativen Weltanschauung preußisch-protestantischer Prägung aus seinem Hause hervorging, ist kein Paradox der Weltgeschichte, sondern hängt mit dem streng autoritativen, antiliberalen Prinzip zusammen, das dem thoratreuen Judentum und dem heute wieder modern gewordenen gegen Aufklärung und Demokratie gerichteten faschistischen Gedanken gemeinsam ist. Vgl. jetzt besonders Masur, Friedrich Julius Stahl, Geschichte seines Lebens. Bd. I, 1930 und das ausgezeichnete Schriftchen von Peter Drucker, Fr. J. Stahl (Mohr 1933). III. Die Versorgung der Stadt München mit Trinkwasser 1820 Aus einer Zeitungsnotiz: München, 18. Mai 1820. Der Bankier Westheimer, „ein wegen seines Charakters allgemein geschätzter Mann, spendete 300 000 Gulden zur besseren und hinreichenden Versorgung der Stadt München mit gutem Trinkwasser. Der aus der Benutzung der Wasserleitungen von den Hauseigentümern für jedes Haus zu zahlende mäßige Wasserzins sollte jährlich zweimal, am Maximilianstage und einer anderen vom Stifter bestimmten Zeit an wahre Hilfsbedürftige von den Geistlichen der drei Konfessionen verteilt werden. Die Verteilung geschah in Gegenwart eines Magistratsmitgliedes und eines Angehörigen der Familie. Mitgeteilt von L. Horwitz, Kassel. Küchenmeister Weinessig für Salate und zum Einmachen. Magister München 7

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