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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1933-11-10 · 22 (10.11.1933) · p. Seite 354

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
9 (1933)
Issue
22 (10.11.1933)
Date
1933-11-10
Page
Seite 354 (sequence 2)
Language
German
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354 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 22 Heute stehen wir aber vor einem völlig veränderten Bilde und in einer veränderten Situation. Wie soll man da ein Bildungsproblem für die Schule aufstellen? Die Bildungs- und Kulturprobleme der Schule sind mehr oder weniger zeit- und ortgebunden durch eine bestimmte historische Gegebenheit. Ein absolut gültiges Bild'ungsproblem für die jüdische Schule scheint scMechterdings nicht denkbar zu sein, und die geschichtlich nachweisbaren Wandlungen dieses Bildungsproblems, wie sie besonders Güdemann in seinem Werke über die Geschichte des Erziehungswesens und der Kultur der abendländischen Juden aufzeigt", scheinen das zu bestätigen. Und doch ist dem nicht unbedingt zuzustimmen. Gewiß sind wir für das Verständnis der jüdischen Geschichte überhaupt und für die Geschichte des Bildungsproblems in der jüdischen Schule im besonderen angewiesen auf das gegenseitige Verbundensein —Verquicktsein nennt es Sigbert Feuchtwanger — der Umgebung und der Juden, auf die Fäden, die hinüber und herüber führen, aber es besteht die Tatsache der absoluten Gegebenheit des Judeseins an sich. Begrifflich abgrenzbar durch Inhalte seiner selbst, die nicht aus der Umwelt stammen oder von ihr beeinflußt und geformt sind, ist dieses Judesein ein Inhalt, der das Bildungsproblem der jüdischen Schule absolut zu beherrschen hat. Die heutige Zeitlage läßt das mit aller Deutlichkeit erkennen, und es wird allgemein anerkannt und man bemüht sich eifrig um die Pflege dieses Begriffes: Judesein ist ein Begriff an sich, der definierbar ist von der ethischen, logisch-erkenntnistheoretischen und national-religiösen Seite her, abgesehen von seiner anthropologisch-politischen Bedeutung. Mit dem Begriff Jude ist eindeutig nur die Religion zu verbinden, wie sie sich uns im jüdischen Schrifttum darbietet. Sie hat den Volksbegriff gestaltet et vice versa. Gewiß bestehen in der einen oder anderen Seite gewisse Differenzen der Auffassung — den Grundbegriff erschüttern sie nicht, insbesondere nicht für die Frage des Bildungsproblems in der jüdischen Schule. Wir fühlen uns heute frei von dem Beiwerk, das die Emanzipation dem Begriff Judesein verliehen oder von jener Zwiespältigkeit, wie ihn die Haskalaperiode hineingetragen hat. Wir sind heute innen und außen, daheim und draußen Juden. Wir streiten uns nicht mehr darüber: Deutscher Jude oder jüdischer Deutscher. Wir sind der jüdische Mensch an sich, der seine Bildungselemente aus seinen jüdischen Quellschriften herholt. Mit dem spezifischen Begriffe der jüdischen Religion und ihres Gottesbegriffes, der weder aus der griechischen noch aus der kantischen Philosophie seine Elemente entnimmt, verbinden wir heute den Gedanken an Erez Israel und seine Sprache. Die Reden der Propheten haben für uns neue Aktualität, hier und dort, religiös und sozial sollen und wollen sie uns neu beleben und wir stehen heute den Toroth und Mizwoth und der Geschichte der Halachah mit neuem Verständnis gegenüber. Daraus, aus alledem formen wir die Elemente des jüdischen Bildungsproblems der Gegenwart. Wir sind freilich in unseren Schulen an die amtlichen Lehrpläne gebunden. Sie lassen uns aber durchaus die Möglichkeit, diese Bildungs- und Erziehungsbedürfnisse zu befriedigen. Aller Unterricht hat von der Erfährungs- und Erlebniswelt des Kindes auszugehen. Das gilt auch für uns als Anknüpfungspunkt für alle jüdischen Unterrichtsstoffe. Wir gehen vom sogenannten „Religionsunterricht" aus, den wir lieber jüdische Volkskunde nennen möchten. Hier ist die 'Gelegenheit geboten, das Kind in die Welt des Hebräischen einzuführen. Ohne uns in Einzelheiten verlieren zu wollen, sei grundsätzlich gesagt, daß Spiel, Lied, Bild, Klang — Ohr, Auge, Hand — den Ausgangspunkt bilden. Die biblischen Erzählungen des Pentateuchs bieten weiteren Stoff zu hebräischen Erzählungen. Von da aus ist nur ein Schritt zu den gesetzlichen Stoffen, die systematisch aus den verschiedenen Stellen des Textes zusammengetragen werden sollen, also systematische Gesetzeskunde und systematische Behandlung der Rechtsbücher, siehe II. Buch, Kap. 21 ff.: Eigentums-, Sakralrecht, Gesetz über persönliche Freiheit, Haftpflicht usw. Mischnah und Talmud bieten dazu die nötigen Kommentare; dazu benützen wir . die Materialien der Altertumskunde des Orients auf Grund der neuesten Ergebnisse der Ausgrabungen. Das Schulleben hat das jüdische Kalenderjahr zum Mittelpunkt. Die Auswertung für Verstand und Gemüt ist unerschöpflich. Der Monat Tischri bietet z. B. für die Erkenntnis des jüdischen Wesens so viel Aufschluß: Der innere Mensch in seiner Selbstbesinnung, Umkehr und Sühne; Erntedankfest — Gesetzesfreude — Bauer und Lehrer — Erde und Geist. Und so sind der Sabbat und die übrigen Festtage sozial, nationalgeschichtlich zu deuten, abgesehen von ihrem religiösen Inhalt an sich. Erd- und Landeskunde Palästinas sind dabei unentbehrlich, Sprache und Land sind eine Einheit, dargetan an eimer Reihe sprachlich-geographischer und -astronomischer Begriffe. Auf der Mittel- und Oberstufe gaben Raschistellen ausgezeichnete Bibelexegese und hebräische Sprachkunde. Die Geschichte wird ohne fremde Tendenz im Sinne nationalen Geschehens und Wachsens betrachtet, jüdisches Heldentum und jüdischer Heroismus, ebenso universalistische Ideen über Menschheitshoffnungen „am Ende der Tage" — sie alle finden in unserem Schrifttum ihren Ausdruck und sie bilden Elemente der Bildung und Erziehung. Hier wird die Brücke zur Umwelt geschlagen, der wir durchaus verbunden sind. Auch in Erez Israel — im Altertum wie in der Neuzeit — haben die Kulturideen der ganzen Welt Wurzel geschlagen; alle Strömungen fließen zusammen und werden durch das Medium des Hebräischen und der jüdischen Welt aufgenommen und zu einer einheitlichen Kultur geformt. Es ist selbstverständlich, daß wir hier das deutsche Kulturgut nicht entbehren wollen und können. Wir wollen und können nicht auf Kant und Goethe verzichten. Nur tun wir das nicht mit falscher Tendenz und schiefer Ideologie. In Wort und Tat fühlen wir uns dafür sittlich verpflichtet und die Geschichte

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