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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1933-11-01 · 21 (1.11.1933) · p. Seite 337

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
9 (1933)
Issue
21 (1.11.1933)
Date
1933-11-01
Page
Seite 337 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 21 Bayerische israelitische Gemeindezeitung 337 luter Ausschließungsgrund bei dem allgemeinen und dem besonderen nationalen Gleichschritt des Denkens, Fühlens und Wollens. Abfall, Taufe, Abschwören vom alten, Bekenntnis zum neuen Glauben, jede Art des Alibi: Tut nichts, der Jude wird verbrannt. Schoeps vertritt auf seinem verlorenen Posten hingegen hartnäckig-monologisch, ähnlich wie Rabb. Münk (Ansbach) als orthodoxer Jude dieThese derÜbereinstinnmungdes wahren rechtgläubigen Judentums strenger Observanz mit dem heroischen Autoritäts- und Pflichtprinzip des neuen deutschen Staates im Gegensatz zu den liberalen Prinzipien der persönlichen Entscheidung, der Kritik und ethischen Autonomie. Aber seine gegenüber der theologischen Erstlingsschrift sicher geläuterten Thesen bleiben eben Monolog. Er weiß und drückt es auch völlig klar aus: Christentum und Judentum gehören einer anderen Größenordnung an als Stamm, Volk und Staat. Er übernimmt unversehens die Rolle des drän- Musikpflege im Bei Untersuchungen der künstlerischen Verhältnisse in Deutschland wurde oftmals festgestellt, daß das jüdische Element, besonders in den Großstädten, dem Konzert- und Theaterleben in hohem Maße das Gepräge gäbe. Man wies dabei auf die zahlreichen Theaterleiter, Regisseure, Schauspieler, Dirigenten und Solisten semitischer Abstammung hin, die im deutschen Kulturkreis an bevorzugten Plätzen wirkten. In der auffällig starken Anteilnahme des jüdischen Bürgertums als Publikum, sahen gutgesinnte Beobachter den Ausdruck kunstireudiger Gesinnung und ernsthaften Strebens nach dem Besitz seelischer und geistiger Werte; unfreundliche Kritiker dagegen deuteten die große Beteiligung als gesteigertes Zerstreuungsbedürfnis und übermäßigen gesellschaftlichen Geltungswillen der begüterten Schichten. Es mag wie bei allen Einrichtungen des kulturellen Lebens das Verlangen nach den Reizen bürgerlichen Wohlergehens mitbestimmend gewesen sein. Gerade die der jüdischen Großstadtbevölkerung häufig vorgeworfene Neigung zum Besuch von Kabarets und ähnlichen banalen Unterlialtungsstätten kann als Beweis dafür angesehen werden, daß gewiß nicht immer die Sehnsucht nach höherer Bildung entscheidend gewesen ist. Viele Anzeichen sprechen dafür, daß der jüdische Mensch in Deutschland für die nächste Zeit der öffentlichen Kunstpflege als Ausübender und als Genießender mit großer Zurückhaltung gegenüberstehen muß. Die Abonnements der Kunstinstitute dürften nicht mit jener Selbstverständlichkeit in Anspruch genommen werden, die in vielen Familien seit Generationen zu beobachten war. Zunehmende Verarmung und soziale Entwurzelung werden in seltenerem Besuch der Kunststätten ihren sichtbaren Niederschlag finden. Es besteht infolgedessen die Gefahr, daß der Jude unserer Zone die innere Beziehung zu den unschätzbaren Gütern deutschen Geisteslebens verliert und einer Verelendung des Gemüts ausgesetzt ist. Denn es ist kaum zu erwarten, daß ihm der Radioapparat einen Ersatz bietet, der über den Entzug geistiger Besitztümer hinwegtrösten könnte. Die Frage, wie weit die Juden in Deutschland unter den gegenwärtigen Verhältnissen überhaupt noch aktiv oder aufnehmend an der öffentlichen Musikpflege teilnehmen werden, läßt sich bisher nicht zuverlässig beantworten. Aber gerade dieser Zustand der Ungewißheit sollte dazu führen, die Möglichkeiten genauer ins Auge zu fassen, die aller Voraussicht bleiben werden. Der deutsche Jude wird unter dem Zwange der Zeitumstände erheblich stärker als in den vergangenen Jahrzehnten darauf angewiesen sein, Lebensfreude in der Pflege seines Familienlebens zu suchen. Bei dem ausgeprägten Musiksinn des jüdischen Menschen, der durch jahrtausendalte vokale Gebetübung außerordentlich verfeinert worden ist, können hierbei wieder Kraftquellen aufspringen, die durch die Entwicklung unseres zivilisatorischen Lebens fast am Versiegen waren. In zahlreichen jüdischen Häusern wurde früher gediegene Haus- LUDWIG GRUBER Olleonsplatz 17 J)as Geschäft _ des Cjimlitätsranchers! genden Bekehrers wie Lavater und Bimsen. Aber der andere bleibt harthörig bei seiner Blutgläubigkeit. So sind bei dem heutigen Taufgespräch die Rollen vertauscht. Lavater. Mendelssohn, Bimsen, Bernays sprechen als große, nur ihr Gewissen erforschende Persönlichkeiten, ausschließlich für sich, aber brennend - lebendig, beispielgebend in ihrer überquellenden, sich selbst prüfenden, reinen Menschlichkeit. Blüher und Schoeps disputieren völlig unmenschlich, „geistig", abstrakt geistig; aber beider Geist (nicht nur der von Schoeps, wie sein Gegner Blüher meint) ist ein „erfundener", ein „Wüstengeist", der im Wölkenkuckucksheim mit sich selber spielt und spekuliert, spekuliert. jüdischen Hause von Artur Hoide musik getrieben. Wie viele hervorragend geschulte Dilettanten sahen ihren Stolz darin, der klassischen Kammermusik bei sich als Ausübende eine Stätte zu bereiten. Mit welchem Schmerz mußten dann in neuerer Zeit Eltern oft das Nachlassen des Interesses bei der heranwachsenden Generation bemerken, die sportbesessen den seelischen Wert eigenen Mirsizierens mißachtete. Lebenskunst besteht nicht zum wenigsten darin, daß man einer ungünstigen Situation ein Höchstmaß an vorteilhafter Wirkung abringt: der Jude hat wieder einmal Gelegenheit, seinen unbesiegbaren Willen zum Leben zu bekunden, wenn er sein Augenmerk fester als bisher auf die ideellen Grundlagen seiner häuslichen Gemeinschaft richtet. Auch jetzt noch sind in den meisten Familien des jüdischen Bürgertums Instrumente wie Klavier, Violine und Cello vorhanden. Leicht erlernbare und wenig kostspielige, wie Laute, Mandoline, Gitarre und die wieder in Aufnahme gekommene Blockflöte können der Hausmusik neue, reizvolle Bestandteie zuführen. Es gälte dabei zugleich, die jüdischen Musikpädagogen zu stützen, die plötzlich eines großen Teiles ihrer Berufsbasis beraubt sind, und in Zukunft hauptsächlich auf den Nachwuchs im eigenen Lager angewiesen sein werden. Niemand darf bezweifeln, daß der deutsche Jude, wie die Dinge sich für ihn auch entwickeln werden, auf manche Annehmlichkeit des Lebens, die er bisher ohne jede Schwierigkeit genießen konnte, wird verzichten müssen. Möge sein Schicksal ihm jetzt den Blick für das schärfen, was vielleicht erlebens- und erstrebenswert ist. Wenige -Dinge der geistigen Umwelt können ihm so wie die durch eigene Ausübung gepflegte Musik inneren Gewinn geben: gerade sie wird dazu beitragen, den Juden zu dem Besten hinzuführen, was er sich aus uralter Veranlagungheraus selbst zu schaffen und zu erhalten imstande ist! f^f?3^f-:?f#v>Äf >M<\^%äN& \^£s4§^ , ,<ä=->?^ &^#-"%^vä§s: DAS PREISWÜRDIGE MÜNCHNER SONNENSTRASSE 8 IM TUCHHAUS PHÖBUSPALAST

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