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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1933-11-01 · 21 (1.11.1933) · p. Seite 336

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
9 (1933)
Issue
21 (1.11.1933)
Date
1933-11-01
Page
Seite 336 (sequence 4)
Language
German
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336 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 21 Steinberger im neuen Rathaus Eingang Landschaftstraße Feine Pelzwaren In Betreff Ihrer Ansicht von dem „gebrochenen, gegen den Strom der Weltgeschichte ankämpfenden, also hoffnungslosen" Gemütszustand eines jetzigen Juden hätte ich bei mündlicher Besprechung gar vieles zu entgegnen; vor allem hätte ich Sie, einen auf dem Standpunkt der Weltgeschichte stehenden Christen, zu fragen, wie Sie sich zu Pauli (ad Roman. XL 25. 26) verhalten. Nach Pauli Worten und Ansichten haben die Juden ein weltgeschichtliches Recht, und da weltgeschichtlich beides zusammenfällt, auch die Pflicht, als Juden zu bestehen, bis die Erfüllung gekommen ist. Glauben Sie, daß dieser Zeitpunkt jetzt gekommen oder auch nur nahe sei? Die Statistik der Religionen sagt entschieden nein. Zugegeben, daß die 300 Millionen, welche Christen heißen, „eingegangen" seien, hat doch die doppelte Zahl von Millionen noch nicht einmal die Schwelle betreten. Für Pauli religiöse und weltgeschichtliche Ansicht macht es keinen Unterschied, ob er sich diese Einkehr aller Heiden im Zusammenhange mit einer damals für die nächste Zukunft erwarteten zweiten Wiederkunft Christi gedacht habe. Paulus meint, so lange nicht alle Heiden Christen geworden, sollen die Juden, kraft jenes Geheimnisses, Juden bleiben. Er, Saulus, der Schüler Gamaliels, und Paulus, der Apostel der Heiden, hatte gewiß seine guten Gründe, das zu meinen, und es wäre von mir vermessen zu glauben, daß Sie diese Gründe nicht einsehen..." Dieser Briefwechsel ist in der Tat ein geschichtliches Dokument ersten Ranges. Um das Jahr 1850 gab es also schon Geister, die erkannten, daß über den wahren Charakter des Judentums, über sein Schicksal und seine Aufgabe nicht durch die Alternative Volk oder religiöse Gemeinschaft entschieden werden kann. Über die Klobigkeit eines solchen Entweder—Oder kam allerdings die Mehrheit der deutschen Juden noch da nächste halbe Jahrhundert nicht hinaus. Herr von Bunsen rührte schon 1852 an die wunde Stelle: „Der Verlust der Nationalität ist ein schwerer, der Verlust der Einheit des eigenen Bewußtseins mit dem weltgeschichtlichen ein schwererer, weil hoffnungslose r " Darauf gibt auch Bernays keine eigentliche Antwort. Aber seine anderen Sätze sind gültig und nie wieder in ihrer Treffsicherheit erreicht: E r selbst, Jesus von Nazareth selbst, jetzt als Jude geboren, würde den Entschluß Christ zu werden nicht fassen können, erklärt Bernays* 'Er würde sich lieber der Reihe nach von allen Kirchenbehörden n o c h einmal körperlich kreuzigen lassen, ehe er zu einer der Konfessionen überträte, die sich nach ihm nennen, obgleich sie, zuwider seiner Vo r s ch r i f t Ihren Wintermantel jetzt nur v vo» RR Rosenfelder Das FachgeschSft mit der eigenen GroB-Schnelderel BAYERSTRASSE 5 nächst dem Stachus (AI a r c. IX, 50), weder Sah bei sich noch Friede untereinander haben. — Etwas beschämt und gedrückten Herzens wenden wir uns von dieser Höhenlage aus einem Briefwechsel zu, der weitere 80 Jahre später, in unseren Tagen, im Jahr 1933, um das gleiche Thema vom abgefallenen, getauften Juden kreist, auch zwischen einem religiösen, orthodoxen, Zionismus und Liberalismus scharf ablehnenden deutschen Juden und — Hans Blüher. Hans Blüher ist kein Josias von Bunsen und Hans Joachim Schoeps — so heißt der jüdische Gegner — ist weder ein Moses Mendelssohn noch ein Jacob Bernays, er soll auch von Blüher nicht zum Christentum bekehrt werden. Aber auch das im Jahre 1933 erschienene „Jüdisch-christliche Gespräch" dreht sich um die Frage der Judentaufe, des Abfalls vom Judentum und des Übertritts zum Christentum. Während 1770 unter der gespreizten Form der Rokoko-Menschen und genau ebenso achtzig Jahre später im Zeitalter des Frühkapitalismus und der erblühten bürgerlich-humanistischen Kultur aus den Briefen aller Beteiligten bedrängte, erfüllte, vibrierende Menschenherzen einander spontan Rede und Antwort stehen, ist das Zwiegespräch unserer Gegenwart ein gestellter, im voraus zur Buchpublikation und nur zu dem Zweck hingeschriebener „organisierter" Briefwechsel. Die Rokoko-Briefe Lavater-Mendelssohn sind Naturkinder gegen die Unnatur von Blüher und Schoeps. Im „Streit um Israel", diesem neuesten Briefwechsel um die alten Fragen, wird von der jüdischen Seite her ein auf dem Papier konstruiertes Judentum mühsam auf Drähte gezogen, ihm antwortet ein rein literarisches —- intellektuell ausgeklügeltes Christentum, das weder die christliche Offenbarung als Grundlage der Kirche kennt noch an der Lehre eines der christlichen Bekenntnisse ausgerichtet ist. Blüher hat seine Judentheorie von der „Sakralität im Blutserbe" (er meint damit die Unentrinnbarkeit des jüdischen, blutsmäßigen Seins trotz Abfall und Taufe, auf Deutsch „Jud bleibt Jud"). in zahlreichen Schriften erklärt. Er hat nie Unklarheit darüber gelassen, daß er den Einwand, „das sei nicht Israel, sondern gerade abgefallenes Israel", nicht gelten lasse, und (laß es letzten Endes mit einem Judenstämmigen keine Diskussion, keine Verständigung geben könne, weil es sich um Menschen mit zwei getrennten Welten, mit grundverschiedenen Denkhabitus handle, die zwar vielleicht einmal dasselbe sagen, aber dabei nicht dasselbe meinen. An Blüher redet nun Schoeps mit unendlicher Geduld seine wahrlich nicht leichten und kaum übertragbaren Gedanken über Judentum und Deutschtum hin. Aber auch Blüher hat ganz genau begriffen, daß Schoeps (in seiner berühmten Schrift „Jüdischer Glaube in dieser Zeit") christliche Termini übernimmt, die auf den ersten Blick als gleichbedeutend mit den jüdischen angesehen werden können, es aber bei näherer Prüfung unmöglich sind; beispielsweise wenn Schoeps von „Vergebung der Sünde", „Heil", „Gnade", „Erlösung" spricht: gleiche Worte und verschiedene Inhalte. Das Gespräch des Jahres 1933 hätte in dem Augenblick abgebrochen werden müssen, in dem es angefangen hat. Denn für Blüher ist die jüdische Abstammung abso-

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