Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 21 (1.11.1933)
- Date
- 1933-11-01
- Page
- Seite 338 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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338 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung: Nr. 21 Die Juden in der Tschechoslowakei Im Verlag der „Selbstwehr" in Prag erschien soeben der neue Jahrgang des „Jüdischen Almanachs auf das Jahr 5694". Darin veröffentlicht Franz Friedmann die neuesten statistischen Ergebnisse über die Juden der tschechoslowakischen Republik. Nach der Volkszählung am 1. Dezember 1930 gibt es in der Tschechoslowakei 356 830 Seelen israelitischer Konfession, und zwar wurden gezählt: in Böhmen 76 301 (10.7 auf 1000 Einwohner), Mähren-Schlesien 41 250 (11,6 auf 1000 Einwohner), Slowakei 136 737 (41 auf 1000 Einwohner), Karpatorußland 102 542 (141,2 auf 1000 Einwohner). Im ganzen Staate waren von 1000 Einwohnern 24,2 Israeliten. Seit der letzten Volkszählung ergibt sich eine Zunahme von 2852 Seelen, relativ jedoch eine Senkung des Bevölkerungsanteiles von 26 auf 24,2 pro Tausend der Bevölkerung. In Böhmen, wo es noch im Jahre 1890 94 529 Israeliten gab, beträgt die Abnahme 3476 Seelen (4,36%), in Mähren-Schlesien, wo noch im Jahre 1900 51 181 Israeliten lebten, 4056 Seelen (8,8%). Ein Zuwachs erscheint in der Slowakei, und zwar 850 Seelen (der Anteil an der Gesamtbevölkerung sank jedoch von 4,53% auf 4,1%) und in Karpathorußland 9534 Seelen (10,2%), wo sich jedoch der Anteil der Israeliten an der Gesamtbevölkerung von 15,39% auf 14,12% verminderte. In Groß-Prag leben 35 463 Israeliten, also 46,4% aller böhmischen Israeliten. In Teplitz-Schönau gibt es 4194, in Pilsen 2812, in Karlsbad 2616, in Aussig 1134, in Budweiß 1169 Israeliten. In Mähren leben 57 Prozent der dortigen Israeliten in folgenden drei Bezirken: Hauptstadt Brünn 11 003, Mährisch-Ostrau 6872, Olmütz-Stadt 2198. In der Zeit vom 16. Februar 1921 bis 30. November 1930 gab es bei den Israeliten in Böhmen 7043 Geburten und 11095 Sterbefälle (Abnahme 4052), in Mähren-Schlesien 3978 Geburten und 5448 Sterbefälle (Abnahme 1470), in der Slowakei 26 209 Geburten und 16 504 Sterbefälle (Zunahme 9704), in Karpathorußland 33 779 Geburten und 12 363 Sterbefälle (Zunahme 21 366). Im ganzen Staate gab es demnach 70 959 Geburten, 45 410 Sterbefälle, also eine Zunahme von 25 549 Israeliten. Im Jahresdurchschnitt zwischen 1921 und 1930 kamen auf 1000 Personen in Böhmen 9 isr., 20,3 nichtisr. Geburten, und 14,2 isr., 14,3 nichtisr. Sterbefälle; in Mähren-Schlesien 9,1 isr., 23,5 nichtisr. Geburten und 12,5 isr., 14,2 nichtisr. Sterbefälle; in der Slowakei 19,2 isr., 32 nichtisr. Geburten und 12,1 isr., 18,1 nichtisr. Sterbefälle; in Karpathorußland 34,4 isr-, 42,3 nichtisr. Geburten und 12,6 isr., 22,2 nichtisr. Sterbefälle. Im Schuljahre 1931/32 gab es in der CSR. 63 987 israelitische Schulbesucher, von denen sich 38 401 zur jüdischen Nationalität bekannten. Hochschulen besuchten 5300, Mittelschulen 7351, Fachschulen 6112, Bürgerschulen 5974, Volksschulen 35 766, Kindergärten 3328 Israeliten. Im Jahresdurchschnitt 1923/27 waren in der Republik von 1000 Verurteilten 17 Israeliten (nach der Bevölkerungsquote sollten es 25 sein). In der beobachteten Periode gab es in den historischen Ländern bei den Israeliten keinen einzigen Fall von Verurteilung wegen Mord, Kindesmord, Kindesweglegung, Duell, Religionsstörung, Raubmord; von 2605 Fällen der Trunkenheit entfielen bloß zwei auf Israeliten. Häufiger als es der Bevölkerungsquote entspricht, kommen Veruntreuung, Betrug und Konkurse vor. Man darf jedoch nicht übersehen, daß die Israeliten in den historischen Ländern bloß 1,25% der Bevölkerung, dagegen 11,43% aller im Warenhandel Tätigen ausmachen. Von den 354 342 Israeliten in der Republik im, Jahre 1921, einschließlich 17 678 Ausländer, haben sich 190 856 (53,86 %) zur jüdischen Nationalität bekannt. Jüdisches Landschulheim in Herlingen bei Ulm an der Donau Es kann als bekannt vorausgesetzt werden, daß sich die Landschulheimbewegung in verhältnismäßig kurzer Zeit durchsetzen konnte. Nachdem die natürlichen Erziehungsgemeinschaften, wie sie die Familie darstellen, in immer bedrohlicherem Ausmaß ihre pädagogischen Aufgaben nicht mehr zu erfüllen vermochten (der Zerfall der Familie war aus den bekannten Ursachen in so vielen Fällen festzustellen), war es dringend erforderlich, daß andere Gebilde die Erziehungsarbeit übernehmen. Die Landschulheime hatten für diese Aufgaben mit großem Erfolg sich zur Verfügung gestellt. Sie bringen die Großstadtjugend der Natur wieder näher, regen zur Einfachheit und zur Beschaulichkeit an, sie sind auch in der Lage, wenn sie in familienhaftem Geiste und mit individueller Pädagogik geleitet werden und jedem einzelnen Kinde, ohne in den Fehler der Verwöhnung zu verfallen, einfühlendes Verständnis bekunden, den ihnen anvertrauten Kindern das Leben in der Familie zu ersetzen. Es braucht nicht näher dargelegt zu werden, daß auch die jüdischen Landschulheime besonders heute eine sehr wichtige erzieherische Funktion zu erfüllen haben, daß sie sich heute geradezu als unentbehrlich erweisen. Wer es gut meint mit der jüdischen Jugend, wer für sie den Wunsch hegt, daß unverlogene, aufrechte junge Juden heranwachsen, die getarntes Judentum aus tiefster Seele verabscheuen, wird sich herzlich darüber freuen, wenn er von der Gründung neuer jüdischer Landschulheime gerade heute hört. Daher wird man es auch überall innerhalb des deutschen Judentums mit großer Genugtuung begrüßen, daß Frau Anna Essinger, die bis zur