Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 21 (1.11.1933)
- Date
- 1933-11-01
- Page
- Seite 335 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 335 21. Nr gehen. Wie es viel von Japhet empfangen, gibt es auch vieles in dieser Vermählung der. beiden auserwählten Völker Gottes; ganz besonders bei den Hellenen und Deutschen. Sie stehen im Herzen gerade wie ich zur Uberlieferung: auf dem weltgeschichtlichen Standpunkt. Der Unterschied ist, daß ich mit der Weltgeschichte gehe, Sie gegen den Strom. Der Verlust der Nationalität ist ein schwerer. Der Verlust der Einheit des eigenen Bewußtseins mit dem weltgeschichtlichen ein schwererer, weil hoffnungsloser. Sollten Sie nicht, von diesem Standpunkt aus. mit Jesus und seinen Jüngern und so vielen der Edelsten und Frömmsten Ihres Volkes, den alten Bund von neuem fortzusetzen den Beruf fühlen, wenn Sie sich ernst und mutig prüfen? Welche Bahn des Segens und Ruhmes würde sich Ihrem reichbegabten Geiste öffnen, wenn Sie das Gesetz ins Evangelium, als die Weltreligion, erheben könnten! Sie wissen, was ich für die Aufgabe der deutschen Forschung und Wissenschaft, wie der deutschen Innigkeit halte im Christentum: Die wahre, große Philologie hat dabei einen so hohen Beruf wie die Philosophie; und wie die Sache jetzt liegt, einen viel größeren. Es ist die Philosophie, die zu weit ist und welche noch nicht Geleistetes darstellen kann und soll. Ich und meine Geistesgenossen suchen das unsrige zu tun vom japhetischen Standpunkt; aber manches läßt sich nur vom semitischen vollkommen erreichen, und wer könnte das so wie Sie? Die Person und Persönlichkeit von Jesu hat Sie angezogen, und Sie werden dieselbe nicht wieder los werden: je mehr Sie sie rein weltgeschichtlich betrachten, desto mächtiger wird sie Ihnen werden. Paulus' Gesicht wiederholt sich ewig in solchen Gemütern. Sollten Sie nicht als Sohn Israels noch größere Seligkeit in der Religion der Liebe und Menschheit finden als ich, der heidnische Germane? Ich bin fest überzeugt, daß, wenn Sie diese Seligkeit einmal geschmeckt, Sie ihrer nie vergessen können, ohne Ihr Bestes aufzugeben. Und dann erst, wenn Sie ganz die Liebe Gottes im Sohn empfunden, also auch in der Menscheit und ihren Geschicken, werden Sie auch die Seligkeit empfinden, ein Vaterland zu haben. Und zwar welches, dem Geiste nach! Das Bundesvolk der Neuzeit, das Volk Gottes der Zukunft wie der Gegenwart! Es wäre Ihrer unwürdig, wenn Sie zum Christentum übertreten wollten, weil sich Ihnen dann eine glänzende Aussicht auf Wirksamkeit und Ansehen und Wohlstand eröffnet: allein, es wäre Ihrer auch nicht würdig, wenn Sie den Schritt nicht mit Ihrer tiefsten Seele auffassen wollten, weil Preußen Ihrem Stamme nicht das Lehramt in die Hände geben will, ohne daß er sich unserm angeschlossen hat: nicht aus Fanatismus, sondern aus Furcht vor dem Literatentum. Sie kennen mich zu gut, als daß ich nötig hätte, ein Wort über die Beweggründe meiner Aufforderung zu sagen. Sie wissen, es können dies nicht Beweggründe der Klugheit sein, ebensowenig als der Frömmelei. Sie wissen, daß sie es in der Tat auch nicht sind. Keine Besorgnis für eines hochgeehrten und lieben Freundes Zukunft und Fortkommen in der Welt würde mich dahin bringen können, Ihnen einen solchen Vorschlag zur Erwägung vorzulegen. Es ist eine Überzeugung, die Glaube ist, und ein Glaube, der Uberzeugung ist; es ist eine innere Ersehnung. die mit meinem philosophischen Bewußtsein zusammenfällt. Diese Überzeugung sehe ich als eine Gnade Gottes an: der Weg zu derselben aber ist immer derselbe gewesen, den Sie das Schicksal geführt: religiöses Bedürfnis und religiöse Übung einerseits und Forschung und Nachdenken andererseits. Ich weiß,, daß ich Ihnen das Rechte rate, wenn der Geist es Ihnen gibt, selbst zu sehen. Amen. Ich habe wenige Worte über die zweite Alternative zu sagen. Wenn Sie zu uns treten wollen, blüht Ihnen nirgends eine so herrliche Wirksamkeit als in Preußen, aller Wahrscheinlichkeit nach in Bonn zuerst. — Wenn Sie nicht diesen Schritt tun können, so müssen Sie sich durch England selbständig machen. Gerade, daß ich heute den Beruf habe, Sie dazu aufzufordern und Ihnen die Wichtigkeit der Sache ans Herz zu legen, hat mich dahin geführt, Ihnen heute zu schreiben, was ich Ihnen geschrieben. Ich öffne Ihnen die Tür für Ihren Eintritt in England: Sie wisen außerdem, daß Sie Gast meines Hauses sind, als Jude wie als Christ. Ich zeige Ihnen, welche Gefahr beim Verzuge ist, und welche Gründe dafür obwalten, daß Sie sich entschließen, bald hierher zu kommen und die Sache in Gang zu bringen. Gerade dieses hat mich heute begeistert, Ihnen zu schreiben, was ich oft und lange im tiefsten Herzen und im Gefühl heißer Liebe zu Ihnen erwogen, wie und wann ich es Ihnen sagen sollte. O welche Wonne, wenn wir zusammen das Leben des ersten und größten aller Menschen, der ein Jude war, erforschen und der Welt den Gang der Vergottung dieses einzigen Heros der Menschheit darstellen könnten, wenn wir die ersten dunklen Zeiten, jeder von seinem Standpunkte aber vereinigt zu durchforschen das Glück hätten! Was ist dagegen der rabbinische und der griechisch-römische Plunder, mit dem wir uns schleppen! 0, geliebter Bernays, erwägen Sie es in Ihrem tiefen Herzen ohne Menschenrücksicht, und lassen Sie zum Schluß mich Ihnen sagen, daß ich nie aufhören werde, Sie zu lieben! Bunsen." Bunsen ließ diesen Brief eine Woche liegen, um ihn zu überprüfen, und schrieb dann noch einen weiteren Brief, der tief ins Bibelkritische eingeht, um Bernays noch einmal den Ubertritt nahezulegen. Bernays antwortet (Konzept, Breslau, Nov. 52): „Ew. Exzellenz antworte ich mit einem Freimut, für den ich mir günstige Aufnahme erbitten müßte, wenn ich derselben nicht durch die warme Herzlichkeit Ihres Schreibens im voraus gewiß sein dürfte. Ihre Aufforderung zum Übertrittins Christentum geht aus höheren und reineren Beweggründen als aus bloß praktischen hervor; aber Sie haben sie mit praktischen Erwägungen und Aussichten verknüpft; und in der Tat läßt eine solche Aufforderung nur nach der praktischen Seite hin eine Antwort zu; nach allen anderen Seiten ist nur eine Diskussion möglich. Vor der Praxis also hat das nicht Bestand, was Sie am Schluß sagen, daß die innere Uberzeugung von Jesu Person und der christlichen Religion die Hauptfrage sei. Vielmehr ist alles Innerliche, wie die tägliche Erfahrung beweist, für die Praxis völlige Nebensache; und die Hauptfrage, ja die einzige Frage ist, ob ich den Entschluß fassen kann, mich äußerlich, durch Taufschein und dergleichen, als Mitglied einer der bestehenden christlichen Kirchen zu bekennen. Die Erklärung kann Ihnen nicht unerwartet kommen, daß ich diesen Entschluß nicht fassen kann. Er selbst, Jesus von Nazareth selbst, jetzt als Jude geboren, würde es nicht können; würde es wohl am allerwenigsten können. Ich vermöchte nicht ihn zu achten, wenn ich nicht glauben dürfte, er würde sich lieber der Reihe nach von allen Kirchenbehörden auch körperlich kreuzigen lassen, ehe er zu einer der Konfessionen überträte, die sich nach ihm nennen, obgleich sie, zuwider seiner Vorschrift (Mark. IX, 50), weder Salz bei sich noch Friede untereinander haben. Mit einer notwendig weitläufigen Diskussion dessen, was Sie über Jesu Person mir zu erwägen geben, will ich Sie nicht behelligen; ich erlaube mir nur in aller Bescheidenheit zu sagen, daß Sie sehr irren, wenn Sie meinen, ich hätte ihn bisher noch nie auf Leben und Tod ins Auge zu fassen gesucht. Die inneren und äußeren-Antriebe dazu haben mir wahrlich nicht gefehlt; und in den letzten Jahren am allerwenigsten. Je mehr ich mir ihn aber vergegenwärtige * und den Vater-Namen erforsche, der, wie er sagte (Joh. XVII, 11) ihm mitgeteilt worden, desto heiligere Scheu fühle ich, mich mit allem dem zu verfangen, was seit lange, und jetzt so sehr als je, in seinem Namen getan und unterlassen wird. Küchenmeister Weinessig für Salate und zum Einmachen. Magister München7