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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1933-11-01 · 21 (1.11.1933) · p. Seite 334

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
9 (1933)
Issue
21 (1.11.1933)
Date
1933-11-01
Page
Seite 334 (sequence 2)
Language
German
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334 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 21 fern gerückten Menschen. Nicht wie wichtig sich diese Männer nahmen, ist bemerkenswert, sondern wie genau sie in Fragen geistiger Entscheidungen waren, wie streng sie ihr Gewissen prüften und wie viel ihnen an der sauberen und gewissenhaften Austragung von inneren Konflikten lag, vor allem da wo es darum ging, vor sich selber zu bestehen. Diese Männer lasen noch intensiver Plato oder Raschi als das Beamtengesetz oder die Besoldungsordnung. Der damalige Briefwechsel ist zwar weniger bekannt als der zwischen Lavater und Mendelssohn, aber sowohl die Persönlichkeit der beiden Briefschreiber wie die wohl auch im eigentlichen Wissen um die gegenseitigen Positionen geklärtere und vertieftere Einsicht rückt das Religionsgespräch_aus dem Jahr 1852 näher an unsere eigenen Probleme. Kein Geringerer als JacobBernays, der Sohn des hochberühmten Chacham Bernays von Hamburg, des Lehrers von Samson Raphael Hirsch, einer der größten klassischen Philologen seiner Zeit, in unwandelbarer Treue dem streng gläubigen Judentum hingegeben, ist der Angeredete, der zum Christentum bekehrt werden soll; auf der Gegenseite der über das Format eines Lavater weit hinausragende bekehrungssüchtige Freund und Partner, der preußische Ministerresident am päpstlichen Stuhl und spätere preußische Gesandte in London, der Freund Friedrich Wilhelm IV. Christian Carl Josias von Bunsen. Für Jacob Bernays waren wie für Moses Mendelssohn die Gebote der Väter unantastbar. Das Brüderpaar Jacob und Michael Bernays, beide Söhne des Hauptes der deutschen gesetzestreuen Judenheit, des streng frommen gegen alle Neuerungen unerbittlich eifernden Hamburger Rabbiners, verkörpern die Tragödie des emanzipierten deutschen Judentums, und zwar zeitlich genau in der Mitte zwischen 1785 und 1933. Der bedeutende Religionsforscher Usener erzählt (in der Allgemeinen Deutschen Biographie im 46. Band) von der scharf ausgeprägten Persönlichkeit Jacob Bernays': „An den Vorschriften des mosaischen Gesetzes hielt Bernays mit starrer Strenge fest. Er schnürte täglich die Gebetriemen um Stirn und Arm, er würde am Sabbat niemals den dringendsten Brief geöffnet haben; und wenn er an der Geselligkeit Andersgläubiger teilnahm, begnügte er sich mit Brot, Wein und einem Ei, das Aufmerksamere ihm stillschweigend vorsetzten. Zu seiner philosophischen Bildung und Überzeugung schien das nicht zu stimmen. Eine geistreiche Jüdin wollte mir einmal den Widerspruch aus einem mystischen Zug seiner Natur erklären. Sie tat ihm dabei sehr unrecht. Der scharfe Verstand eines Mannes, der sich an den Werken der französischen Aufklärung erbaute, ließ Mystizismus nicht aufkommen, und die Freiheit, mit der er über theologische Dinge dachte, mußte ihn nicht bloß über konfessionelles Christentum, sondern auch über die Enge des mosaischen Gesetzes hinausheben. E s w a r dieTreuefürseinVolkundfürdieÜberlieferungder Väter,die ihm diestrenge Beobachtung des Gesetzes zur Pflicht machte. Dem jüdischen Volk gibt der Glaube und das Gesetz Moses' den Halt der Nationalität: er fühlte klar, daß kein Stein aus diesem Gefüge gelockert oder herausgenommen werden dürfe, wenn man nicht den ganzen Bau zerstören und dem Judentum die Grundlage seines Daseins entreißen wolle " Dagegen trat sein um 10 Jahre jüngerer Bruder Michael Bernays, aus dem gleichen satzungs-und glaubensstrengen Rabbinerhaus des Chacham Bernays mit 22 Jahren (im Jahr 1856) zum Christentum über. Der blendende Professor der Literaturgeschichte an der Münchener Universität (1873—1890) Michael Bernays, der Vorgänger Munckers, war zur Zeit unserer Großväter eine der populärsten Münchener Figuren. „D a s Interesse für germanische und romanische Literatur ist durch Michael Bernays an der Münchener Universität geweckt und mit dem Einsatz aller Lust und Kraft immer lebendiger geworden," berichtet uns sein berühmter Schüler und Biograph, der Berliner Literaturhistoriker Erich Schmidt (in der A DB 46, 404 ff.). Derselbe Biograph spricht von dem Übertritt Michael Bernays zum Christentum als der „Folge des ernstesten Dranges, sich ganz zur deutschprotestantischen Bildung zu bekennen". „Vorteile der Karriere standen gar nicht in Frage, vielmehr büßte der Konvertit Unterstützungen ein, und die nächsten Verwandten sagten sich von ihm los, Jacob Bernays verleugnete fortan den Abtrünnigen, selbst die geliebte Mutter hat ihn nie wieder vor sich gelassen, nicht einmal an ihr letztes Bett." In dem Lebensgang der beiden ungleichen Brüder — beide Gelehrte und deutsche Universitätsprofessoren von höchstem Rang um die Mitte des 19. Jahrhunderts, als bei den deutschen Hochschulen noch die Führung der Nation lag — offenbart sich jenseits von Schuldig oder Unschuldig die Tragödie der Emanzipation des deutschen Judentums. Jacob Bernays genoß in den damaligen führenden Kreisen der diplomatischen, gelehrten und künstlerischen Welt höchstes Ansehen. Davon legt der eben von Michael Fränkel herausgegebene Briefwechsel beredtes Zeugnis ab. Etwas versteckt darin enthalten ist der mit Lavaters Zueignungsschreiben an Moses Mendelssohn vergleichbare Bekehrungsbrief des preußischen Gesandten Josias von Bunsen und die Antwort von Bernays darauf. Aus dem Briefwechsel Friedrich Wilhelms IV. mit Bunsen, den Leopold von Ranke im Jahr 1873 (bei Duncker und Humblot) herausgegeben hat, kennen wir Bunsen als eine Persönlichkeit von seltener Weite des politischen Blickes, einen Mann von ausgebreitester wissenschaftlicher Bildung mit sicherem Urteil und feinstem Herzenstakt. Bunsen, der sich in seiner hohen Stellung wiederholt für Jacob Bernays aufs wärmste eingesetzt hat, schreibt an ihn aus London am 7. November 1852 folgenden denkwürdigen Brief: „Es liegen Ihnen nur zwei Wege vor. Lassen Sie mich über den ersten mit voller Freiheit reden. Sie sind frommer und strenger Anhänger des Gesetzes; gläubig jedoch mehr als Deutscher denn als Palästiner. Jesus von Nazareth und Paulus waren jüdisch fromm und streng, und gläubig wie wenige. Seitdem ist Ihr Volk, für welches das Gesetz geschaffen wurde, als Nation untergegangen für immer; ich sage für immer, weil es offenbar einen anderen damit unvereinbaren Beruf erhalten, weil es den weltgeschichtlichen Beruf hat. in das japhetische Blut und Staatsleben priesterlich wirkend einzu-

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